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Die Welt · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Article
Amerika und Rumänien
Date
1902-10-10
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 41 ,Dle i*k Welt" Seite 9 bemerken will, ist nicht minder einseitig als die Schönfärberei der Gegner, die die düsteren Töne unseres Volkslebens in Rosa zu tauchen bestrebt ist. Es zeugt von einer -missverständlichen und keineswegs hohpn Auffassung vom Zionismus, wenn man ihn durch einen an Schadenfreude grenzenden Pessimismus stützen zu müssen glaubt. Der zionistische Gedanke ist ein Ideal von so leuchtender Kraft, dass er auch einen viel lichteren Hintergrund, als ihn leider unsere Lage bietet, vei tragen kann. Hochachtungsvoll mit Zionsgi uss Dr. J. Friedlaender. z. Z. Praga-Warschau, den 5. Oktober 19(;2. * Nach der Minsker Landeskonferenz. Die grosse agitatorische und belebende Wirkung der grossen zionistischen Landeskonferenzin Minsk macht sich bereits allerorten in unserem Lande bemerkbar. So wie in jedem gesunden Organismus die im Blute enthaltenen Lebenssäfte regelmässig nach dem Zentrum, nach dem Herzen strömen, um von da aus auch den weiter abliegenden Körperteilen neue, verjüngte Lebenskräfte zu bringen : so muss auch jede soziologische Körperschaft ein Zentrum, einen Sammelpunkt haben, wo sich von Zeit zu Zeit alle Kräfte konzentrieren und von wo aus auch den fernabliegenden Teilen neue Lebenskräfte zugeführt werden können. Und wem tat eine solche Kon Zentrierung der Kräfte so not, wie dem in allen Weltgegenden zerstreut lebenden jüdischen Volke! Daher muss die Schaffung des Zionisten-Kongresses als eines Sammelpunktes aller gesunden Kräfte des jüdischen Volkes, als die gi össte Tat unserer Führer angesehen werden. Ja, es ist nur die Wahrheit, wenn wir behaupten: Vor dem ersten Kongresse existierte das jüdische Vojk nur potentiell, seit dem ersten Kongresse existiert das jüdische Volk in Wirklichkeit. Aber wenn auf dem Zionisten-Kongress die gesunden Kräfte des gesamten jüdischen Volkes sich konzentrieren, so verlangen doch die abnormen Verhältnisse, in denen sich unser Volk befindet, dass die Zionisbn eines jeden Landes sich noch dazu einen eigenen, lokalen Konzentrierungspunkt schaffen. Und ganz besonders ist es im grossen und weiten Bussland der Fall, wo mehr als die Hälfte der gesamten Judenheit zum grös^ttn Teil zwar in kompakten Massen, zum kleineren Teil aber durch das ganze Land zerstreut lebt. Die zionistische Landeskonferenz in Minsk hat daher den Zionismus in Russland neu befestigt, neu belebt. Diese Tatsache macht sich, wie schon eingangs gesagt, allerorten in unserem Lande bemerkbar. Selbst in einem grossen jüdischer, jetzt auch zionistischen Zfntrtm, wie Wilna, wo die zionistische Idee in -etzter Zeit in alle Schichten uud Parteien der jüdischen Bevölkerung drang, vermochte noch die grosse Minsker Landeskonferenz das zionistische Leben zu steigern. Das konnte man vergangenen Samstag-Abend in der Versammlung eines der vornehmsten zionistischen Vereine der Stadt, des „Literarischen Vereines", deutlich merken. Ueber hundert Herren und Damen, dem wohlhabenden und intelligenten Teile der jüdischen Bevölkerung angehörend, versammelten sich, das Referat der Delegierten des Vereines über die Minsker Landeskonferenz anzuhören. Nachdem der Vorsitzende Herr B. Goldberg die Versammlung mit einer längeren Ansprache eröffnet hatte, erhielt der Delegierte Herr Ben Jakob das Wort zu seinem Referate über die Minsker Tagung. In einer nahezu einstündigen Rede gab der Referent ein anschauliches Bild von der Mimsker Konferenz und legte ihre grosse Bedeutung für die weitere Entwicklung unserer grossen Volksbewegung dar. Nachdem sich der Applaus gplegt hatte, erhielt der zweite Referent des Abends, ebenfalls Delegierter des Vereines, Herr Neu schul, zur Minsker Konferenz das Wort Herr Neusohul entledigte sich seiner Aufgabe, der Versammlung einen ausführlichen Bericht über die Kulturbewegung auf der Konferenz und die verschiedenen Strömungen innerhalb dieser Bewegung zu geben, in ausgezeichneter Weise. Auch über das, was über die ökonomische Lage der Juden in Russland auf der Konferenz vorgebracht wurde, berichtete der Referent ausführlich. Auch diesem Referate wurde reicher Beifall zuteil. Die darauf folgende interessante Diskussion zog sich noch bis gegen zwei Uhr nachts hin. Was mich aber hauptsächlich an diesem Abend freudig berührte, das ist die Beobachtung, die ich machte, dass die ganze Versammlung vollständig und mit grossem Ernst bei der Sache war. Man konnte sehen, dass die Leute nicht kamen, um sich etwa zu unterhalten, sondern um sich über etwas, was ihnen sehr teuer und heilig ist, zu unterrichten. Und eine solche moralisch* Wirkung wird die grosse Minsker Landeskonferenz überall mehr oder weniger haben. Wilna. Dr. J. Mirkin. PcFSonalt)achricl)hci). Prof. Dr. B. J. Stokv!s. In Amsterdam ist Sonntag nachts der Universitäisprofessor Dr. B. J. Stok vis, eine auf dem Gebiete der internen Medizin (Tropenkrankheiten) und der Chemie weit bekannte Autorität gestorben. Persönlich beliebt und wegen seiner Leistungen mehrfach ausgezeichnet, war der Verstorbene ein guter Jude und Helfer der Armen. Sein Hingang wird im ganzen Lande betrauert und alle Blätter bringen würdige Nachrufe. * Unser Gesinnungsgenosse Herr M. Käs, Religionslehrer und hebräischer Schriftsteller, ist am 3. Oktober in Wien gestorber. W.tlt-Qbreollt. Eine Spende. Die Hinterbliebenen, Gattin und Kinder unseres aun 17. August 1902 verstorbenen Gesinnungsgenossen Salomon Juda Sachs, gewesenen Mitgliedes des Direktoriums der KolonialbanK: und erblichen Ehrenbürgers von Petersburg, haben dem Jüdischen Nationalfonds 400 Pfund St. übergeben. Ein junger Zionist. Der in Montreal wohnhafte Präsident der zionistischen Zentrale, Mr. Clarence J. de Sola und seine junge Gattin hatten die Freude, vorige Woche den Brith ihres neugeborenen Sohnes zu feiern. Bei der Festlichkeit kündigte der Vater an, dass sein Sohn Raphael David de Sola dem MoDtrealer Zionsverein beigetreten sei und dem Nationalfonds den Betrag von 5 Pfund St. zuwende. Bei Rischon le Zion-Wein wurde der Eintritt des jüngsten Vereinsmitgliedes gefeiert. Ein Brief von Oberst Goldsmid (London). Die „Jüdische Tun z itung" (Beilir) sehreibt: Vielen unseier Leser dürfte es nicht bekannt sein, dass es in London eine ,,Jewish Lads' Brigade* (Jüdische Jugendwehr) gibt, die in den wenigen Jahren ihres Bestehens einen eminenten Aufschwung genommen und überaus segensreich gewiikt hat. Der natürliche Zusammenhang, der zwischen diesen und unseren Bestrebungen besteht, veranlasste die Redaktion dieses Blattes, an den Leiter der Jugend wehr, Herrn Oberst A. E. Goldsmid, zum Zwecke einer im beiderseitigen Interesse liegenden Fühlungnahme mit der Bitte um Aufklärung über die Ziele und die Erfolge seines Unternehmens heranzutreten, zumal, abgesehen von gelegentlichen kurzen Aeusserungen der jüdischen Blätter des Kontinents, ausführliche Mitteilungen über diese die Allgemeinheit, insbesondere aber die jüdische Turnerscbaft interessierende Organisation fehlten. Wir erhielten darauf neben eingehenden Berichten etc., deren wesentlicher Inhalt in den nächsten rieften in Form eines Artikels veröffentlicht werden wird, ein Schreiben, welches wir als ein Dokument der eilen Gesinnung des Kommandeurs der „Jewish Lads' Brigade" und des in dieser selbst herrschenden Geistes unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Der Brief lautet in freier Uebersetzung : Jüdische Jugend wehr. Kommandeur : Oberst A. E. Goldsmid. London, den 31. August 1902. An den Herausgeber der „Jüdischen Turnzeitung", Berlin. Sehr geehrter Herr! Ich danke Ihnen vielmals für die liebenswürdige Uebersendung Ihrer äusserst interessanten Zeitung. Vom sozialen Gesichtspunkte aus ist es ausserordentlich erfreulich zu sehen, wie jetzt in vielen unserer bedeutendsten Gemeinden die grosse Wichtigkeit einer körperlichen Ausbildung der heranwachsenden Generation anerkannt wird, und somit der Grundsatz, dass ein gesunder Körper die Voraussetzung eines gesunden Geistes ist, auch bei uns mehr und mehr Geltung erlangt. Die erforderlichen Massregeln müssen natürlich den umgebenden Verhältnissen entsprechen. In England, wo keine allgemeine Wehrpflicht besteht, haben die meisten keine Kenntnis von dem Segen, der aus einer Anwendung militärischer Zucht und Disziplin entspringt. Indem wir ein militärisches Leben in anziehenden Farben bieten, indem wir an Feiertagen Feldlager an der Küste arrangieren, Cricket, Fussball, Athletik, Schwimmen und Exerzieren pflegen, erreichen wir unser Ziel, um unserer heranwachsenden Generation von der frühesten Jugend an Ordnung, Reinlichkeit und Ehrgefühl einzupflanzen, so dass die junge Generation unserer Gemeinschaft zur Ehre gereicht. Die jungen Leute unterwerfen sich bereitwilligst der Disziplin

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