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Die Welt · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Article
Volkswirtschaftlicher Teil
Date
1902-10-10
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 41 J)!e,$ Wellt00 Seite 5 davon abhängig, in welchem Masse die Betroffenen die Bedeutung der sozialreformerischen Ideen erkennen. Deshalb ist notwendig, dass allgemeine wirtschaftliche Fragen ebenso wie aktuelle soziale Ereignisse zur öffentlichen Diskussion gebracht werden, wodurch manches latente Interesse geweckt, manche verborgene nützliche Institution der Aufmerksamkeit grösserer Kreise zugeführt und der Aufklärung eine bestimmte Handhabe geboten wird. Wir glauben diese m Ziele durch Eröffnung eines Volk swirts chaftlichen Teiles in unserem Blatte zu dienen. Es soll ein lebendiger Zusammenhang zwischen unseren Theoretikern und den arbeitenden Organisationen geschaffen werden. Alten Erfahrungen und neuen F o rs ch u n gs e r g e b n i s s en sollen die Wege geebnet werden, in das Leben des Volkes befruchtend einzudringen, damit nicht jeder Einzelne sich das Körnchen praktischer Wahrheil selbst erkämpfen und mit vielen Opfern und Enttäuschungen erkaufen muss. Das ist die Aufgabe der Presse, und wir wollen diese in wirtschaftlichen Fragen besonders bedeutungsvolle Mission zu erfüllen trachten. Die Besprechun g der sozialen Pflichten der Kultusgemeinden wird zu unseren ersten Arbeiten gehören, weil wir, der hohen Auffassung, die wir von unseren autonomen jüdischen Vertretungskörperschaften haben, entsprechend, uns keine organisierte Selbsthilfe-Aktion innerhalb unseres Volkes denken können, der die Gemeindevertretungen ihre moralische oder materielle Hilfe versagen dürften. Weiters werden wir über das Wesen und die Lage unserer Kolonialbank die weitgehendste Aufklärung zu schaffen suchen, damit jeder Gesinnungsgenosse in der Lage sei, böswilligen Ausstreuungen sachlich entgegenzutreten und für die notwendige Propagierung dieser für uns so wichtigen Institution das nötige Material zu haben. Jede Form der wirtschaftlichen Organisation hat gleichen Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit und Beschäftigung. Das Bestreben, grundlegende wirtschaftliche Prinzipe festzulegen, wird die Würdigung und Unterstützung der Kleinarbeit nicht beeinträchtigen können. Den Organisationen soll ein Instrument der gegenseitigen Verständigung. Belehrung, Aneiferung gegeben werden. Was die Presse bisher für die nationale, soll sie nunmehr auch für die wirtschaftliche Entwicklung werden: der Ausdruck und ein Werkzeug unseres unaufhaltsamen Vorwärtsschreitens! A. Weissberger* Das Gemeindeprogramm der Wiener Zionisten. Die jüdischen Kultusgemeinden sind die letzten Ueberreste der einstigen Selbständigkeit unseres Volkes, sie sind die Bettelautonomie, die uns das Goluth schenkt. Es hiesse den eigenen Lebenswillen verneinen, wallten nicht alle gutgesinnten Juden ihr Möglichstes daransetzen, um selbst aus dieser armseligen Selbständigkeit Wertvolles zu schaffen für die sozialen, geistigen und religiösen Interessen der Gemeindemitglieder. Eine schmerzliche Erniedrigung wird es immer für das Wiener Judentum bleiben, dass es die Verwaltung seiner Gemeinde Qleichgiltigen und Ehrgeizigen anvertraute, die in sklavischer Unterordnung unter den Wortlaut des Gesetzes alle ehrwürdigen Zusammenhänge zerrissen und das lebendige Judentum zu einem leblosen Kultus erniedrigt haben. Schon der Name Kultusgememde, den sie geschaffen, kennzeichnet den unjüdischen Geist, der sie beseelt. Wir wollen eine jüdische Gemeinde die neben der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse auch für jene wirtschaftlichen und geistigen Aufgaben Verständnis hat, denen sie — selbst im Rahmen des bestehenden Kultusgemeindegesetzes vom Jahre 1900 — bei einigem guten Willen gerecht werden kann. Nichtsdestoweniger muss eine Aenderung des Gesetzes mit allen Kräften angestrebt "werden, damit den jüdischen Gemeindeverwaltungen eine grössere Bewegungsfreiheit zuteil werde. Dieses Ziel darf von einem pflichtbewussten Gemeindevorstande niemals vergessen werden, auch wenn die ersten Bemühungen erfolglos waren. Dies vorausgeschickt, ist in erster Linie zu betonen, dass in allen jüdischen Gemeinden das ... allgemeine, gleiche tind direkte Wahlrecht erstrebt werden muss. Heute — also zu einer Zeit, da mehr oder weniger deutschliberale Gedanken das Fundament der Verwaltung bilden — besteht ein plutokratisches Kuriensystem, das jeden jüdisch Gesinnten aufs tiefste verletzen muss. Die Zahlungskräftigsten der Gemeinde erklärten, ihrer Steuerpflicht nur dann nachkommen zu wollen, wenn sie in der Gemeinde mitzureden haben, ohne aber von den jüdischen Massen gewählt werden zu müssen. Sofort stimmte der liberale Geist des Gemeindevorstandes zu und erleichterte den Reichen ihre selbstverständliche Pflicht durch Schaffung einer Kurie, in der die Hochfinanz sich selbst wählen kann — ein Hohn auf die demokratischen Traditionen unseres Volkes. Wir verlangen, dass die Gemeinde ihr Besteuerungsrecht ausübt ohne unjüdische Liebesdienste an eine privilegierte Kaste, wir verlangen aber weiters, dass auch allen armen Juden, die nicht in der Lage sind, Steuer zu zahlen, das Wahlrecht gewährt werde. Wenn jüdische Reiche für die Gemeinde Interesse haben, dann werden sie auch von den Armen gerne gewühlt werden, nur müssen sie wieder statt des blauen Blutes jüdisches Blut in ihren Adern rollen fühlen. Die Anzahl der Vorstandsmitglieder muss in ein richtiges Verhältnis zur Anzahl der Gemeindemitglieder gebracht werden, es soll je ein Vorstand auf tausend männliche Genieindeangehörige entfallen. Die Wahl hat nacli Tausendschaften und bezirksweise zu erfolgen. Die Grundlage der Besteuerung bildet das Einbekenntnis zur Personaleinkommensteuer, von der entsprechende Perzentsätze fixiert werden. Die Einschätzung und Festlegung dieser Perzentsätze geschieht durch die Be&irkshom m issionen, die ausschliesslich aus gewählten Mitgliedern bestehen; heute wird ein Teil der Kommissionsmitglieder vom Vorstande ernannt, was einem gewissen Misstrauen gegen die vom Bezirke gewählten Vertrauensmänner zu entspringen scheint. Ueberhaupt sollen die Bezirkskommissionen in die ihnen gebührenden Funktionen eingesetzt werden. Das gegenwärtige System macht aus den 'Bezirkskommissionen, die ja in erster Linie berufen wären, über die Angelegenheiten ihrer Rayons zu entscheiden, leere Formeln, in die um keinen Preis irgend ein Inhalt gebracht werden darf. Wir aber verlangen Ausgestaltung der Bezirkskommissionen und Heranziehung ihrer Obmänner zu jenen Sitzungen des Kultusvorstandes, in denen wichtigere Angelegenheiten der betreffenden Eayons zur Verhandlung kommen. Die Vorstandssitzungen müssen durchwegs öffentliche s^in, denn die Verwaltung einer jüdischen Gemeinde scheut nicht das Tageslicht. Die Jahres-Abschlüsse der Gemeinde sind in Druck zu legen und müssen das ganze Jahr hindurch für jedermann zu erhalten sein. Das Wort israelitisch bei allen von der Gemeinde abhängigen Institutionen ist — ebenso wie bei ihr selbst — in jüdisch umzuändern und das auch dem Inhalte nach. Aus dem Kultus und seinen Funktionen sind Korruption und Bestechung auszumerzen und dies mit den schärfsten Mitteln. Zur Motivierung unserer Forderung muss nur auf die vielen leider allzu bekannten Tatsachen hingewiesen werden, deren Aufzählung nicht angezeigt erscheint, aber auch unzweckmässig wäre, nachdem diese Geheimnisse ja öffentliche sind. Die Funktionäre der Genwinde müssen nach einer Probezeit von höchstens drei Jahren mit systemisierten Bezügen, Alters- und Krankenversicherung defiiiitiy' angestellt werden, und ist eine vorzeitige, strafweise Pensionierung nur in Fällen eklatanter Pflichtverletzung zulässig. Eine glatte Entlassung ist überhaupt unstatthaft^ damit der geistigen Abhängigkeit der Kultusfunktionäre vom Vorstande entgegengearbeitet wird. Ebenso ist jede hierarchische Gliederung nach Rangklassen verpönt. Nur persönliche Tüchtigkeit und wissen-

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