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Die Welt · 1902-10-10 · 41 (10.10.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
41 (10.10.1902)
Article
Die Vorkonferenz der "Corda fratres" in Venedig
Date
1902-10-10
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 41 Gastgeber natürlich das Gegenteil. Und neben diesen finden auch alle arideren nationalen Bestrebungen auf dem Kongress ein starkes Echo, und jeder von diesen sieht ein starkes Aufgebot von Leuten, die jemandem die Wahrheit sagen wollen. Die Allerweltssache, die Judenfrage, kam in der C.-F. in folgender Weise aufs Tapet: Einige jüdische Studenten aus Rumänien meldeten ihren Beitritt an. Einige von ihnen taten dies bei der rumänischen Section in Bukarest? dort aber wurde ihr Eintritt mit der Motivierung abgelehnt, dass sie in Rumänien keine Bürgerrechte besässen. Als dieser Vorgang bekannt würde, traten die beitrittswilligen Juden vor den zweiten (Pariser) Kongress der C.-F., legten den Fall dar und die allgemeine Verlegenheit wurde durch den Beschluss beseitigt, eine eigene Sektion, die ..Section Speciale*', für diejenigen zu gründen, die in keinem Lande Bürgerrechte geniessen. Diese „Section Speciale" war naturgemiiss nur für Juden bestimmt. Denn wem sonst fehlen die Bürgerrechte? Und auch die nichtrumänische zionistische Studentenschaft — "die beizutreten gewillt war, und zwar aus guten Gründen — wollte und konnte nicht in eine andere (deutsche, polnische) nationale Sektion eintreten, als in eine jüdische. Seitens der jüdischen Studenten wurde also mit allen Mitteln nach einer Anerkennung der S. S. als Section Juive gekämpft und diesbezügliche Anträge eingebracht. Denn ebenso wie allen anderen Nationen wäre auch den Juden derart offiziell die Berechtigung zugestanden gewesen, ihre nationalen Fragen auf einer wertvollen Tribüne zu entwickeln, der die Aufmerksamkeit der Regierungen und der Presse zugewendet ist. Und auch die Anerkennung der jüdischen Xation durch eine zahlreiche, gebildete Gesellschaft aller Länder war ein erstrebenswerter Gewinn. Um diese Absichten durchzusetzen, rüstete die zionistische Studentenschaft energisch zum Budapester Kongress der C. F., der Ende September hätte stattfinden sollen, und richtete an diesen 150 Anmeldungen. Der Kongress wurde aus Furcht vor mehrfachen nationalen Reibungen in letzter Minute abgesagt. Der geschäftsführende Ausschuss der C. F. berief einige Tage nachher eine Vorkonferenz für den nächsten Kongress nach Venedig ein, der als Delegierte der Wiener zionistischen Studentenschaft die Herren Kauf und Librescu beiwohnten. Die erste Zusammenkunft in Venedig galt der Festsetzung der Tagesordnung. Die Wiener Gesinnungsgenossen beantragten als einen Punkt' derselben die Debatte über die jüdische Sektion. Der Präsident, Herr Jacchia (weil Jude) war dagegen, ebenso die rumänischen Christen, ihrer Sünden gedenkend. Aber die Franzosen traten für die Freiheit des Wortes so energisch ein, dass unter allgemeinem Beifall der Antrag zum Beschlüsse erhoben wurde, "die Debatte darüber in der zweiten Sitzung zu eröffnen. Als nun zur festgesetzten Zeit Gg. Kauf das Wort erhalten sollte, stellen die Rumänen den Antrag, eine ihrer Angelegenheiten zuerst zu besprechen. Die Absicht, Obstruktionsreden bis zum Schlüsse der Sitzung zu halten, war offenkundig. Der Antrag wurde nach der Beleuchtung unseres Referenten verworfen. Dieser führte nun folgendes aus: Die „Section Speciale" befriedigt weder die jüdischen rumänischen noch die anderen zionistischen Studenten, da sie den Namen ihrer Xation verdeckt. Ihr Streben für eine eigene Sprache und eine Heimat wünschen die jüdischen Studenten schon im Namen auszudrücken. Ünd die fortschrittliche Studentenschaft wird aufgefordert, dieses Gefühl nicht zu vergewaltigen. Referent stellt den Antrag: Die Vorkonferenz anerkennt die Gerechtigkeit der Bestrebungen für eine jüdische Sektion und empfiehlt dem 3. Kongress deren Errichtung. In der nun folgenden Debatte richtete der Franzose Advokat Provencal an die Rumänen die Frage, ob sie die Juden in ihre Sektion aufnehmen wollen. Antwort: Nein, sie haben bei uns keine Bürgerrechte. (Zischen, Rufe: Bann tretet aus der C. F. aus!) Ueber eigene Aufforderung l>efragt, gibt Gg. Kauf an, dass die Juden der rumänischen Sektion nicht beitreten wollen, Gg. Librescu werde es begründen. Adv. Provencal stellt nun den Antrag, die Konferenz möge dem Kongress empfehlen, die „Section Speciale" abzuschaffen ünd die Juden den Sektionen ihrer Länder zuzuteilen. Für diesen Antrag stimmten die Italiener und Franzosen, dagegen die Juden (S. Speciale) und die Rumänen. Es war aber auch eine kleine deutsehe Gruppe im Saale, die sich der Abstimmung enthielt. Nachdem seitens des Präsidiums persönlich privat auf sie eingewirkt wurde, wurde trotz Protestes der Juden noch einmal abgestimmt und der Antrag Kauf abgelehnt. Dass der Antrag Provencal den Intentionen der G. F. entspricht, ist wönl wahr. Aber gezwungene Liebe tut Gott, leid, und wie zum Beispiel die Juden mit den deutsch-antisemitischen oder rumänischen Studenten zusammenwirken sollen, ist eine Frage. Die endgilt ige Entscheidung steht übrigens dem 3. Kongresse zu. Alle Gefühle der Konferenzteilnehmer waren für die Juden und gegen die Rumänen, die wiederholt ausgezischt wurden. Viele italienische Zeitungen besprechen ausführlich das Referat des Gg. Kauf und den Zionismus. Librescu kam zum Wort, um die Haltung der rumänischen Studenten gegen die Juden zu kennzeichnen, konnte aber der allgemeinen Ermüdung halber seine Ausführungen nicht beenden. Die zionistische Studentenschaft möge für den dritten Kongress Vorsorge treffen. —7- Volkswirtschaftlicher Teil.*) Die Aufgaben des Zionismus wachsen stetig; immer tiefer greifen die Wirkungen dieser anfangs so unreal scheinenden Idee in das Leben der Judenmassen; aus der idealen Aktion wurde eine auch auf das materielle Wohl Tausender gerichtete Bewegung, weil durch die Kraft des neuerweckten Volksbewusstseins die nationale und wirtschaftliche Organisation erstand. Erst nach mancherlei Kämpfen haben sich die wirtschaftlichen Interessen der Gegenwart einen ebenbürtigen Platz im Arbeitsprogramme des Zionismus erobert Die Erkenntnis, dass alle sozialpolitische Tätigkeit in der Diaspora trotz aller Aufopferung armseliges Flickwerk bleibt, unfähig, das Massenelend unseres Volkes auch nur im mindesten dauernd zu lindern, liess bis zum IV. Kongresse alle wirtschaftliche Selbsthilfe verkümmern. Die üeberfüllung aller Berufe, wirtschaftliche Krisen und eine den Juden immer ungünstiger werdende Handhabung der Gesetze, sowie der um sich greifende an tis e m i t i s c h e Boykott zwangen uns mit der Wucht elementarer Notwendigkeiten, auch auf die Hebung des' wirts chaftlichenSelbstbewusstseins bedacht zu sein, was auf dem V. Kongresse darin zum Ausdrucke kam, dass die Frage der sozialen Gegenwartsarbeit an die Spitze der Tagesordnung gestellt wurde. Der zionistischen Organisation gehören heute zahlreiche Wirtschaftsorganisationen an. Vorschuss-, Spar- und Losvereine, Handel sangest ellten- und Arbeitergewerkschaften, Hand werker- Vereinigungen und Genossenschaften haben sich gebildet und ringen sich — oft nach harten Mühen — zu Ansehen und Anerkennung durch. Eine Hauptschwierigkeit bei allen diesen Gründungen ist der Mangel an geschulten Kräften; e s herrscht auf den meisten Gebietenmehr Versiertheit als in wirtschaftlichen Fragen. Undgerade im Wirtschaftsleben ist der Uebergang von theoretischen Erkenntnissen zu praktischen Erfolgen *) Artikel, Anfragen und Mitteilungen für diese Eubrik sind mit dem Vermerk: „Volkswirtschaftlicher Teil" zu versehen.

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