Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Article
- Schweizer Brief
- Date
- 1902-10-10
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 „Die # Weit" Seite 3 ist das Ideal imfl das Rezept. Es mtiss freilich lange dauern, bis unser Judentum vom lallenden Kinde bis zum trippelnden Greise von diesem irdischen Geist der JSGymnastik" so durchdrungen sein wird wie das Volk der Berge. Ich habe granbärtige Männlein gesehen, die beim Ringkampf der Jünglinge fünfzig Jahre vergassen und unbewusst, wie von einem Krampf gezogen, alle Bewegungen und Griffe atemlos mitmachten. Einer, dem sein Günstling beim „Schwingen" unterlegen war, sprang über die Barriere und schrie ihm wütend zu: „W'rum heseht au' nüt so g'macht, du Chaib?" und er zeigte ihm, wie er's hätte machen sollen.! Zweitausend Jahre ewiger Angst haben unsere Kinder zu verzagten Häschen gemsicht; das Schweizer Kind kennt keine Furcht. In seinen Augen glüht schon das Feuer, das den Alpenjäger über die schwindelnden Abgründe der Gemse nach treibt. Dreijährige Mädchen, ihr noch stammelndes Brüderchen vor sich auf dem Sehoss, lenken ihren kleinen Schlitten eine abschüssige Sehneebahn am Rande des Felsbaehes hinunter, dass es nur so saust. Wie oft habe ich mit verhaltenem Atem oben gestanden, die Kinder aber jauchzten vor Uebermut und Glückseligkeit. Es sind klaffende Gegenpole, Schweizer und Juden. Eine Anzahl einheimischer Juden nehme ich aus, die sich wie in Deutschland nicht nur ihren Mitbürgern angeschlossen haben, sondern auch angeähhelt. Aber das Ausland, besonders unter »1er studierenden Jugend., macht sich quantitativ so bemerkbar, dass die schweizerischen Juden der grossen Städte dahinter einfach zu verschwinden scheinen. Und diese ausländischen Erscheinungen zählen unter sieh zum Teil derartig degenerierte, dass der robuste Schweizer sich' einen Juden kaum anders als verfallen vorstellen mag. Mit welchem Mitleid wird er seine Verachtung mischen, wenn er bedenkt, dass es naturgemäss noch die stärkeren und mutigeren Elemente sein müssen, die den Gang ins Ausland wagen. Für eine segensreiche körperliche Beeinflussung durch Turnvereine wäre hier just der Boden. Organisatoren heran! Hunderte jüdischer Akademiker beiderlei Geschlechts stehen zu eurer Verfügung! Auch hier sind erfreuliche Wunder möglich, die Mitleid und Verachtung in Staunen verkehren: wir haben sie in Deutschland erlebt! Erklärt es sich vielleicht aus der physischen Geringschätzung, dass der Schweizer Bürger dem russischen Studenten so abhold ist? Womit störte dieser ihn sonst? Er ist bescheiden, ruhig und arbeitsam. Was ist sein Verbrechen? — Ein Berner Annoncen- 7 blatt bringt täglich unter fünfzig Zimmerangeboten fünfzehnmal die Bemerkung: „Keine Russen!", was gleichviel bedeutet wie „Keine Juden!" Das spricht beredt. Die Begeisterung der Juden für ihre freie Schweiz hat solche Duschen nötig. Aber stärkere als diese, einfach schreiende Fakten, sind neuerdings über ihre Köpfe niedergebraust. Ja, der Antisemitismus ist der Schweiz nicht gerade fremd. Er besitzt hier zwar keine Organisation, aber er besitzt das Volk. Er ist hier nicht der tödliche Hass der Judenländer — dazu ist die Konkurrenz noch zu klein — dafür steckt mehr Gemütlichkeit und mehr — Aberglaube in ihm. Der Jude ist für den naiven Schweizer so eine Art mystischer Werwolf oder unheimlicher Drache. Er kennt ihn fast gar nichf, aber er fürchtet ihn nur desto mehr. Er macht sieh ganz merkwürdige, schauerliche Vorstellungen von ihm. Ich sehe noch das schöne Gesicht jenes Aarauer Mädchens, auf dem Staunen und Schrecken sich lieblich bekämpften, als im fast leeren Bahnkupee ein wirklicher Jude mit Bart und Löckchen sich stumm ihr gegenübersetzte. 0 heilige Einfalt! Liebe Freunde von Schweizer Geblüt haben mich mit eigentümlicher Neugier ausgefragt, um den Juden aus mir herauszuholen, und es kam eine Art Enttäuschung über sie, mich so unschuldig zu finden. Hat aber der Schweizer einmal Gelegenheit, einem stark aufstrebenden Geist, einem lächerlichen Typ oder einem dunklen Ehrenmann jüdischer Abkunft zu begegnen, so benützt er sie zu Spott und Hetze nicht weniger gründlich als seine übrigen europäischen Brüder. Eine Züricher Schauspielerin hat das Pech, mit ihrem Künstlernamen einem Schweizer Adelsgesehlechte auf die Hühneraugen seiner Ehre zu treten;' aber ach, sie hat das noch viel grössere Unglück, eine Jüdin zu sein. Hei* die öffentliche Meinung hat's ihr klargemacht, dass die Frechheit „orientalischer Schwaizer" nicht durchdringen wird. Die mit Händen und Füssen strampelnde Entrüstung braver Bündener Bürger, die dem 14 Jahre unter ihnen wohnenden verdienten Juden das Heimatsrecht verweigert, ist in frischem Gedächtnis. Aber ein anderes lehrreiches, schrecklicheres Beispiel ist von jüngerem Datum. Ein jüdischer Professor ist so unvorsichtig, dem internationalen Journalisten-Kongress einen Festabend zu geben. Der Arme! Er hat sich die Wölfe ins Haus geladen. Seine „orientalische Gastfreundschaft" ward ihm fein vergolten! Diesmal war es aber nicht etwa die christliche und nicht die ganz- oder halbrcaktionäre Presse, die ihr Fett verzapften, beileibe nicht! Der freien, gleichmachenden, menschenverbrüdernden Sozialdemokratie war es vorbehalten, sich ihre antisemitischen Sporen zu verdienen. Es ist wahr, er ist reich, dieser arme Professor, es ist wahr, er ist ihr politischer Gegner: aber das rechtfertigt in nichts die auf ihn losgelassene gemeine Hetzjagd. Die fragliche Nummer der „Berner Tagwacht" vom Ende August ist ein Dokument in der Geschichte des Antisemitismus nicht weniger als ein Dokument des „Freigeistes" innerhalb der Sozialdemokratie. Die „zufällig gefundenen" Tagebuchnotizen über das besagte Fest sind ein klassisches antisemitisches Pamphlet. Keines der patentierten judenfeindlichen Stichworte, keine der üblichen Verdächtigungen und Verleumdungen fehlt oder ist gemildert. — Und dazu muss man seine Heimat verlassen und die freie Schweiz aufsuchen, Scylla und Charybdis! Soviel aber ist sicher: der Sozialismus hat die Judenfrage gelöst (!)-- Die zionistische Idee ist auch in der Schweiz nicht überflüssig. Ihre allgemeine Ausbreitung ist auch nur eine Frage der Zeit, Indessen, es ist nicht allzuleicht, besonders im französischen Westen nicht, bis an das goldene Herz unserer lieben Bourgeois zu dringen. Unglaublich, wie weit man da noch in der Politik zurück ist. Man schwört noch auf die Macht der Ide^n des heiligen Geistes Rousseau. Man setzt noch alle Karten auf Menschenliebe und Kosmopolitismus. 0 rett' uns, rett' uns, Philanthropie! Wer für den Zionismus Stimmung machen will, der muss sich durch die Hintertür des Wohltätertums nähern. Der reiehe Schweizer Jude wird Zionist aus Gutmütigkeit, rein weil es was zu schenken gibt. Der Nationalfonds wird schneller verstanden als das Baseler Programm. Die Idee des Nationalismus und einer neuen rechten jüdischen Freiheit wird ihm lange noch fremd bleiben. Er fühlt sich zu wohl und zu frei, um sich nach Freiheit zu sehnen. Von der Jugend her wird auch hier erst die Erlösung kommen. Vielleicht auch vom Ausland. Wenn die eingeborenen Juden, wie angedeutet, für die ausländischen zu Regeneratoren werden könnten — in der tiefen Erfassung unseres Nationalgedankens und der Leidenschaftlichkeit in Sachen der Freiheit käme ihnen von drüben ein vollwertiges Aequivalent. Heisse Herzen und ein robuster Leib: schmiedet beides zusammen, und unser Volk ist gerettet! Die Vorkonferenz der „Corda fratres" in Venedig. Die Corda fratres („Herzensbrikler") wurde zum Zwecke der Verbrüderung der Nationen vor vier Jahren vom Turiner Professor Giuglio Tos ins Leben gerufen. Sie besteht durehgehends aus akademischen Bürgern, die in Sektionen nach Nationalitäten eingeteilt sind. Der Mitgliederstand dürfte 20 000 betragen. Sämtliche Mitglieder sind nach § 5 der Statuten ehrenwörtlich verpflichtet, für den oben angeführten Zweck zu kämpfen, und als Ganzes entspricht die C.-F. ihrem Zwecke durch alljährliche Veranstaltungen von Kongressen, die hauptsächlich zum persönlichen Anschlußs der Mitglieder führen sollen. So wirkt also die C.-F. im Sinne der internationalen Friedensbewegung. Doch die schönsten Ideen scheitern an den menschlichen Leidensehaften. Die Fragen der inneren Organisation, die Zuteilung zu den nationalen Abteilungen sind durch die Statuten der C.-F. nicht. genügend festgelegt und erfahren auf jedem Kongresse verschiedene Auslegung. Die Italiener von der Tiroler Universität,, die Rumänen von der Ungarischen verlangen.stürmisch, ihrer vaterländischen Sektion zugeteilt zu werden, ihre chauvinistischen