Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 41 (10.10.1902)
- Article
- Die Lehre aus Südafrika
- Date
- 1902-10-10
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" m At kultivierten Nationalitäten das Völkerrecht in Anwendung zu bringen/ Wie nun, wenn die Theorie und insbesondere die Praxis, die von dem grossen freien England eingeführte Praxis, lehrt, dass es ausser ^mohammedanischen Völkerschaften und heidnischen Stämmen* auch andere, selbst christliche Völker gibt, die nicht zu den Kulturländern zu zählen sind, mit denen also ein völkerrechtlicher Verkehr oder wenigstens kein vollkommener Verkehr möglich ist? Hat doch Europa die von dem genannten Juristen als allgemein giltig gelehrte Ansicht bereits einmal geändert, indem es die mohammedanische Türkei in das europäische Konzert und damit in den vollen völkerrechtlichen Verband aufgenommen hat. Warum soll es nicht andererseits unwürdige Völker auch schlechter und ihrem Kujturgrade entsprechend behandeln dürfen? Der Umfang jener Völkerschaften, welche im Völkerrechtsverbande stehen, ist nicht einfür allemal festgesetzt. Der höchste Grundsatz auch des Völkerrechtes ist die Entwicklung der Kultur. Wie kein Kulturstaat ein Verhältnis der Sklaverei anerkennt, auch wenn es in einem anderen kulturell nicht entwickelten Staatswesen begründet ist, so braucht kein Staat jene Gesetze anzuerkennen, in denen die Gewissensfreiheit beschränkt wird, dieMenschen ungleich und bloss nach den Vorurteilen einer egoistischbarbarischen Auffassung behandelt werden. England spricht es aus: „Alle Menschen haben gleiche Rechte. Die Gesetze eines Staates, der diese Gleichheit nicht respektiert, werden von mir nicht berücksichtigt. Das volle Völkerrecht findet nur auf Länder mit voller Kultur Anwendung." Es widerspricht also nicht dem Völkerrechte (wie es das Tagblatt „Die Zeit" behauptet), dass England die Juden, die aus Ländern ohne oder mit halber Kultur kommen, davon befreit, von den Organen dieser Völker vertreten zu werden oder sie wenigstens von dieser Vertretung unabhängig macht. Und das ist der Sinn der Massnahme der Regierung in Süd-Afrika. Der englische Jude braucht keine Konsular-Vertretung in Süd-Afrika, das ja jetzt ganz sein Vaterland ist. Bezüglich anderer Staaten steht es jedem Juden frei, sich an das Konsulat seinesHeimatstaates zuwenden. Er muss es nicht tun, er hat seine eigene Vertretung. Denn die südafrikanischen Behörden haben nicht Lust noch Möglichkeit, die Kultur und die Gesetze jedes europäischen Staates zu untersuchen. England duldet aber nicht, dass man einer Gruppe von Personen die Rechte nimmt, und es macht diese Gruppe auf seinem Territorium vollkommen unabhängig von den beschränkenden Gesetzen eines europäischen Landes. Ob Rumänien in Süd-Afrika überhaupt vertreten ist oder nicht, ob Russland die Vertretung der russischen Juden übernimmt oder nicht, für die Juden kann das gleichgiltig sein. England hat den Rumänen und zum Teile Russland die Völkerrechtsfähigkeit abgenommen und sie den Juden gegeben. Die Juden haben aufgehört, eine Res nullius zu sein und beginnen für die Engländer eine selbständige völkerrechtliche Individualität zu werden. Wer aber könnte die Vertretung der Judenschaft sein, wenn nicht ihre einzige Organisation? Und hierin liegt der zweite wichtige Moment der englischen Verfügung. Nicht die Zionisten al s Par t ei wurden von England anerkannt, sondern England hat es ausgesprochen, dass die Juden, wenn sie eine entsprechende Organisationhaben, als selbständige Gruppe mit, allen Rechten einer solchen bestehen können. Das freie England hat den Juden der ganzen Welt eine grosse Lehre gegeben. Organisiert euch, vereinigt euch und die Zuerkennun g allerRechte wird euch nicht versagt werden! Denkt und handelt als eine grosse Zahl, und ihr werdet eine Macht sein, nicht nur für euch selbst, sondern auch im Vereine der Völker! Dr. J. W, Marmore k. Schweizer Briet Von Israel Auerbach. Trübsal und Frohsinn als Lebenseleniente. — Die Pestseuehe der Schweizer. — Schweizer und Griechen. — Greise und Kinder. — Der Jude in der Schweiz. — Abermals Turnvereine! — Das russiseli-jüdische Studententum. — Antisemitismus im Lande der Freiheit. — Sozialdemokratie und Judenhatz. — Ein enttäuschter Professor. — Der Einzug des Zionismus. — Dienst und Gegendienst. Unserem Spinoza verdankt die Welt die grosse Einsicht: keine Vollkommenheit ohne Glück und Freude. Je mehr ein Wesen von Lust und Frohsinn durchdrungen ist, desto höher vermögen sich alle seine Kräfte zu erheben. Man sollte diesen Fundamentalsatz dreimal täglich allen denen auf den Rücken schreiben, die die höchste Vollkommenheit des jüdischen Volkes nur in einem Zustande des Leidens erreichbar wähnen, die das Denken mit dem Dulden zusammenspannen wie den Pegasus unter das Joch des Stieres. Leider haben solche „führende Geister" mit ihrer abgezehrten Weisheit unzählige Gemüter unseres Volkes vergiftet und die naivsten, d. s. die wertvollsten, zu allererst. Ich wollte, dass unser Volk endlich einmal lernte, mit griechischen Augen in die Welt zu sehen. Das will sagen, mit Augen, die alles Verderbliche im Bleiehen und Kranken, alles Segenpflanzende im Gesunden und Lebensvollen zu erblicken verstehen. Ich wünschte ihm Augen, die nicht erst über Schönheit und. Freude zu stolpern brauchen, um ihrer gewahr zu werden. Wann wird es sich endlich so weit vergessen, die pausbäckige Lebensfreude kerniger Völker mit bewusster Ehrfurcht und mit Neid zu betrachten? Es gibt kein Volk, das soviel Feste feiert wie die Eidgenossen. Jeder Sommertag und jedes Alpendörfehen sind voll Spiel und Sang. Moralgeblähte Sonntagsartikel und klerikale Nachtpolitik haben auch bereits gegen dies „Unwesen" gewettert, das ihre heilige Entrüstung die „Festseuche" tauft. Alle aber, die vom Instinkte der Missgunst nicht angefault sind, stehen wie der brave Gottfried Keller verklärten Antlitzes dabei und helfen feiern. Sie haben im Seelengrunde den tiefen Sinn begriffen: je mehr Feste ein Volk feiert, desto glücklicher ist es. Das allgemeine physiologische und ökonomische Wohlbefinden drängen lärmend ans Licht und schaffen sich so ihre Formel. Auch unsere Ahnen, die alten Juden, müssen einmal sehr glücklich gewesen sein, da so viele herrliche Feste unser Erbteil geworden sind, und noch viele andere, wie der sinnige Neumond mit seinen flackernden Bergfeuern, heute kaum ein Schatten ihrer dereinstigen Schönheit. Der Schweizer feiert, wie alle gesunden Nationen, nichts als sich selbst. Die Kraft seiner Schenkel, die Treffsicherheit seines Auges und seiner Hand, den Reichtum seiner Ernten, die er seinem Fleisse verdankt, das Flattern seiner Fahnen, die sein Mut sieh erkämpft, seine Berge, seine Geschichte, seine sozialen und politischen Institutionen. Nichts aber ist so sehr Gegenstand seiner Anbetung als seine physischen Kräfte. Es ist ein zweites Griechenvolk, dieses Völkchen der Berge. Sein strahlendstes Fest ist der Wettkampf. Olympia ist in zwanzig Alpenstädten wiedererstanden. Eidgenössische Turn- und Sangfeste, eidgenössische Volksschauspiele haben viele Tausende Mitwirkender auf einem Platze zu gemeinsamem Kräftespiel vereinigt gesehen. Wer jemals derartige Tage miterlebte, in dem wird die Erinnerung daran niemals erlöschen. Welch überwältigendes Bild von Gesundheit, Schönheit und Einigkeit! Für einen Juden, der den Zustand seines Volkes fühlt, ist es zum Weinen gross. Soll jemals die Regeneration unseres Blutes vor sich gehen — hier