Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Die Ballkarte
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 ,#>ie & Welt" Nr. 40 Die Bailkarte. Aus dem Rumänischen des Artur Gorovei*) übersetzt von Ben Ezra, Nach einer gelungenen Schilderung des Tagesberichtes, den der Polizeichef dem Präfekten erstattet, folgt der Teil der Skizze, der uns direkt interessiert und den wir hier den Lesern der „Welt" in getreuer Uebersetzung übermitteln. Einen Kommentar halten wir für überflüssig. Wahrend der Polizeichef sich zum Gehen wendet ruft ihm der Präfekt nach: „Sieh da, Dumitrcscu, ich habe hier diese Karten für den Ball der „Ameise" in Bukarest bekommen. Es sind 100 Stück a 5 Lei. Fünfzig schickte ich an die Subpräfektur, schau dass du die übrigen hier in der Stadt verteilst". Der Polizeichef nimmt die Karten in Empfang, verneigt sich nochmals untertänig und entfernt sich mit einem „Gruss, Herr Prafekt", das herablassend erwidert wird. In einem Kabinet im Polizeilokale verteilte Dumitrcscu die 50 Karten für den Ball des Vereines „Die Ameise'1 in Bukarest an die Polizeikommissäre und Subkommissäre. Einer der Kommissäre, der Aeiteste, der zu seinem Chef in etwas näheren Beziehungen steht, versucht zu protestieren: »Wem zum Teufel sollen wir auch diese noch anhängen? Wir haben bis jetzt hunderte von Losen für Sinaia, Tulcea und wo der Teufel seine Kinder entwöhnt, verteilt; wir haben die Leute gezwungen, Bücher und Brochüren aller Ungewaschenen zu kauten; wir haben hunderte von Franken einkassiert. Für uns selbst können wir jetzt nichts mehr tun. Wie sollen wir auch für uns noch sammeln, wenn wir immer für andere sammeln müssen? So lassen Sie uns doch einmal aus damit!„ Der Polizeichef lässt ihn ruhig aussprechen, dann aber sagt er barsch: „Wollen Sie gefälligst Ihre Worte messen, wenn Sie mit Ihrem Vorgesetzten sprechen. Verstanden?! Wenn Ihnen der Dienst, wie ich ihn will, nicht gefallt, dann bitte, pascholl, reichen Sie ihre Entlassung ein! Petenten für Ihre Stelle sind mehr, als ich Haare am Kopf habe/ Der Kommissär entgegnete mit etwas gedämpfter Stimme: „Werde nicht böse; ich wollte dich ja nicht ärgern. Aber an wen sollen wir denn in Wirklichkeit auch diese Karten noch verteilen?" „An wen ihr sie verteilen sollt? Ihr wisst also nicht an wen ihr sie verteilen sollt? Ja, gibt's denn keine Juden mehr in dieser Stadt? Nein, gibt's keine Juden? Nein? Sag' doch, gibt's keine?" „0 doch!" „Nun denn, was zögerst du? Bitte, gib acht, wie du mit mir sprichst, damit du mich nicht aus dem Gleichgewicht bringst, das sag' ich dir!" Und die Polizei wird mobilisiert, um die Karten zu verkaufen. Der Schuster Iriham hat eine zahlreiche Familie; er, seine Frau, seine Mutter, sein Schwiegervater und 8 Kinder, 12 Seelen» Und die muss er mit seiner Ahle ernähren! Wieviel hundertmal muss er mit einer Ahle stechen, um sein Brot zu verdienen! Ja er arbeitet aus Leibeskräften : Zu Mitternacht geht er schlafen und lange, ehe der Tag anbricht, sitzt er bereits auf seinem dreibeinigen Sessel und klopft früh Sohlen und zieht stinkendes Leder durch die Zähne. Er arbeitet schwer! Und wie erlebt! 12 Personen in einem Kämmerchen; da schlafen sie, da essen sie, da arbeiten sie: denn es ist kalt und Holz *) Arthur Gorovei ist derzeit Mitglied des Tribunals in Folticeni, also gewiss unverdächtig. ist teuer. Durch die schlecht geschlossene Tür wirbelt der Wind den Schnee bis mitten ins Zimmer und an dem mit Papier verklebten Fenster hängen Eiszapfen. Ja, Iriham quält sich und nur er weiss, wie er soviel Mäuler ernährt und soviel Abgaben bezahlt Denn er zahlt viel, es ist wahrhaftig kein Spass. Fast jeden Monat pfändet ihm der Steuereinnehmer Leuchter aus Messing oder Schuhleisten oder gar fremde Sachen. Und er tut, was er kann und zahlt. Berechnet doch: er zahlt Gemeindesteuern 20 Franken jährlich, er zahlt Gewerbesteuer, er zahlt an die Stadtgemeinde Abonnement für das Abholen des Kehrichts. Und dann zahlt er dem Polizeikommissär einen Franken monatlich, damit er ihm keinen Prozess anhängt: wenn der Hof unrein ist oder wenn er das Wasser vor die Türe schüttet, das die Luft verpestet und die Gesundheit der Bürger schädigt und so fort. Und schliesslich zahlt er dem Polizeisoldaten, damit er ihn nicht anzeigt, dass er am Sonntag arbeitet. So zahlt er allen; zahlt gerne damit er Protokolle, Vorladungen, Gerichtsverhandlungen und Strafen vermeidet. Armer Iriham! Gologan** legt er zu Gologan und bindet sie in 10 Knoten. Oft ist er gezwungen, an der Mamaligia* der Kinder zu sparen, um die Summe voll zu machen. Und jetzt ist wieder das Quartal um und morgen kommt der Steuereinnehmer. Und es fehlen ihm noch ein paar Gologans. Aber Gott ist gut: vielleicht bekommt er bis morgen noch etwas Arbeit und er wird ungepfändet bleiben. Während Iriham so rechnet und das Geld in seinem schmierigen Beutel zählt, wird die Türe geräuschvoll geöffnet und herein tritt der Polizeikommissär. Der Herr Kommissär! Der Schrecken der Armen, der Schrecken der Juden! Wenn der Herr Kommissär erscheint, bedeutet es nichts Gutes. Nein, er bringt niemandem Gutes ins Plans. Was mag das sein? Was ist geschehen? „Guten Tag." „Sie sollen leben, ich küsse Ihnen die Hand." „He, Judel, nimm 5 Franken aus deinem Beutel.* Iriham erblasst.— „Fünf Franken?" — „Ja, ja fünf Franken; nur rasch, ich hab' keine Zeit." „Fünf Franken, wofür fünf Franken?" Der Kommissär legt ihm eine Ballkarte des Vereines „Die Ameise44 auf den Tisch. „Schau* her, wofür, lies." „Ich kann nicht lesen." „Eine Ballkarte ist's, Jüdel." „Ball?" „Ja Ball, he! Ball, in Bukarest bei der „Ameise". , Ameise? Was für Ameise? Ich weiss nichts von deiner Ameise." „Jetzt mach kein Geschrei mehr, heraus mit dem Gelde!" „Herr Kommissär, ich brauche keinen Ball." „Magst ihn brauchen oder nicht, mich kümmert s nicht, nur heraus mit dem Gelde!" „Also gib!" „Nein, ich geb'nicht!" Und schliesslich sieht der Kommissär ein, dass Iriham nichts mehr hergeben will, da stürzt er sich auf ihn, legt die Hand auf den Beutel, entnimmt ihm 5 Franken und entfernt sich. Die Karte lässt er zurück. Iriham bleibt weinend sitzen. Das Viertel ist voll und morgen kommt der Steuereinnehmer und pfändet ihn. * Mamaliga ist ein aus grobgemahlenem Mais hergestellter Brei, entsprechend der italienischen Polente. Mamaliga ist die Hauptnahrung der rumänischen Bauern. ** Entspricht 10 Centimes.