Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Minister Chamberlain über die Judenfrage
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 40 Minister Chamberlain über die Judenfrage. Ein interessantes Dokument zur Judenfrage ist der Brief des englischen Ministers, den wir unten folgen lassen, bemerkenswert in mehr als einer Hinsicht. Er spricht darin das grosse Wort gelassen aus: Das jüdische Volk. Wir konstatieren lächelnd die kleine Korrektur dieser Worte bei jenem Teil der assimilatorischen Presse, dem die Wahrheit nicht in den Kram passte, und der den eindeutigen Ausdruck mit „jüdische Bevölkerung'' übersetzte. Die Blamage durch die W7ahrheit wäre jetzt umso grösser gewesen, als gerade in letzter Zeit in den bezeichneten Blättern mehrfach Stilübungen gegen den Ausdruck „jüdische Kasse" zu lesen waren, aus welchen wir den genialen Ausspruch eines reichsdeutschen Rabbiners besonders hervorheben., der sagte, dass die jüdische Rasse mit der Zerstörung des Tempels zu bestehen aufgehört habe. Als ob ein äusserliches Ereignis Blut und Geist zerstörte! Auch das Wort „nationale Eigentümlichkeiten" wird Schauder über manche dicke Haut treiben, die noch jedem nationalen Angriff widerstand. Mit seinen Worten macht der Minister schliesslich einem alten Kinderschreck den Garaus, nämlich" dem Gefasel, dass eine unpatriotische Handlung damit verknüpft sei, sein jüdisches, nationales Wesen unbeschadet der Staatsbürgerschaft zu betonen. Berufener, darüber zu urteilen, als ein Minister, ist wohl niemand, noch dazu sagte es Chamberlain, der erst jüngst in schwerer Zeit die Bürgertugenden der Bevölkerung einer scharfen Probe ausgesetzt hat und sie mit dem offenen Blicke des Mannes prüfte, der unablässig das Volk aufsucht, um ihm die eigenen Ideen zu erklären. Das Resultat seiner Erfahrung sprach er jetzt aus, und wir hatten in allerletzter Zeit Gelegenheit, diese Ansicht mit Tatsachen aus Südafrika und Bulgarien zu unterstützen. Dabei halten wir durchaus nicht mit unseren Ansichten und Absichten hinter dem Berge, Ansichten und Absichten, deren Innerstes dem Neugierigen offen steht. Die Vorbedingungen zu unseren Schlüssen aber, das Volk, die Kation, haben eine wertvolle Bestätigung erfahren. * Der;,Roumanian Bulletin", eine in London publizierte Revue, hat sich an verschiedene englische Notabilitäten mit der Bitte gewendet, ihre Ansichten über die rumänische Judenfrage auszudrücken. Die bedeutsamste Antwort ist die des englischen Kolonialrninisters Mr. Joseph Chamberlain, der wie folgt schreibt: „40. Princes Gardens. S. W. den 24. Juli 1902. Geehrter Herrl Ich bestätige den Erhalt Ihres Briefes mit dem Beischluss einer Liste der rumänischen Gesetze, die gegen die Juden gerichtet sind.*)" Ich bin unentwegt gegen jede Verfolgung wegen des religiösen Glaubens und beklage tief die gedankenlosen Vorurteile, die in so vielen Ländern gegen das jüdische Volk herrschen. Die Geschichte zeigt, dass, während die Juden mit ausserordentlicher Zähigkeit die nationalen Eigentümlichkeiten und ihre Glaubenssätze wahren, sie zu den loyalsten Untertanen der Staaten gehören, wo sie ein Heim gefunden, und die politische Unklugheit der Verfolgung ist in solchem Falle fast noch grösser als die Grausamkeit. Ihr ergebener J. Chamberlain. An den Herausgeber des „Roumanian Bulletin". Der E r z b i s e h o f von Canterbury drückt seine tiefe Sympathie für die bedrückten rumänischen Juden aus. Ebenso die Bischöfe von London und Wakefield, der Dekan von Ripon, die Lords Kelvin, Meath und Fortescue, Herbert Gladstone und viele andere hervorragende Engländer. *) Wir publizieren diese Liste an anderer Stelle. D. Red, Amerika und Rumänien. Unsere Voraussetzung von der mutmasslichen Wirkung hfler bekannten Note der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika wegen der Behandlung der Juden in Rumänien scheint sieh rascher, als wir befürchtet, bewahrheiten zu wollen- Bei den Signatarmächten des Berliner Vertrages hat die Note des Staatssekretärs Hay fast keinen Anklang gefunden. Die einzige Signatarmaeht, welche sich dem Proteste der Washingtoner Regierung angeschlossen, ist England, von der Einwanderung der Juden ebenso bedroht wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika . . Aber auch unser Urteil über die wahren Ursachen, welche die amerikanische Note über Rumänien herbeigeführt haben, erweist sich als völlig richtig. Kaum hatte Rumänien die Nachricht in die Welt gesetzt, dass die Bukarester Regierung nunmehr den Juden keine Pässe zur Auswanderung ausstellen würde, und schon wird aus New-York gemeldet, dass das Aufhören der Einwanderung der Juden nach Amerika die Regierung von Washington zufriedenstelle und die direkte Streitfrage zwischen Amerika und Rumänien beseitige. Die New-Yorker Reuter-Meldung vom 26. September Ist so klassisch in ihrer Abfassung und in ihrer Unzweideutigkeit, dass sie verdient, wörtlich wiedergegeben zu werden. Sie lautet: „New-York, 26. September. (Reuter - Meldung.) Die Nachrieht, dass Rumänien keine Pässe an Juden mehr ausstelle, wird in Washington als unmittelbare und direkte Anerkennung der Richtigkeit der Darlegungen des Staatssekretärs Hay angesehen. Das Aufhören der Auswanderung würde als Beseitigung einer lediglich direkten Streitfrage zwischen Amerika und Rumänien betrachtet werden, und Amerika würde, obschon es auch weiterhin ein Interesse für die Besserung der Lage der rumänischen Juden hegen möge, sich einstweilen damit zufrieden geben." Es war also n u r die Abneigung gegen die Einwanderung der Juden, welche den Staatssekretär nötigte, sich plötzlich in die Toga der Humanität zu hüllen und gegen Rumänien zu protestieren. Ein in dieser Frage ganz unparteiisches Blatt, die „Münchener Neuesten Nachrichten", hat unsern Standpunkt über die Beweggründe der Washingtoner Note mit folgenden charakteristischen Worten vertreten: „Bei der Kritik der Hay'schen Note gerät man in ein ganz falsches Fahrwasser, wenn man, wie es vielfach geschient, die Note als den Ausfluss humaner Gesinnung betrachtet; sie ist so weit entfernt, aus einer judenfreundlichen Politik entsprungen zu sein, dass sie vielmehr das Ergebnis einer entschieden antisemitischen Gesinnung und Politik ist. Herrn Hay ist die Einwanderung rumänischer Juden lästig und die Vermehrung des jüdischen Elementes überhaupt, zumal in New- York, bedenklich. Nur politische Kinder lassen sich durch das humane, judenfreundliche Schaffell, das der antisemitische Wolf angelegt hat, täuschen." Allen Besonnenen ist also die Note der Washingtoner Regierung sofort als das erschienen, was sie eigentlich ist: als der Ausdruck antisemitischer Gesinnung und Politik. Aber noch mehr! Die amerikanische Note hat schon jetzt die Lage der Juden in Rumänien verschlechtert. Zur Auswanderung nicht mehr zugelassen, müssen sie in dem Lande verbleiben, wo Bosheit, Tücke und Unmenschlichkeit alles tun, um das Dasein unserer Brüder unmöglich zu machen. Schon weiss der Wiener Korrespondent der Londoner „Times" zu melden, dass Rumänien entschlossen sei, in der Judenfrage seine frühere Haltung zu bewahren und den Signatarmächten und der öffentlichen Meinung Trotz zu bieten . . . Auf die Note des Staatssekretärs Hay passt soweit vollkommen das italienische Sprichwort: „Come la castagna: bello di fuori, a deutro la magagna" (wie die Kastanien: von aussen schön, innen aber faul). Ihren wahren Zweck aber dürfte die Washingtoner Regierung erreicht haben: die Einwanderung rumänischer Juden nach Amerika wird Zumindestens beträchtlich eingedämmt werden . . Gt»