Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 39 (26.9.1902)
- Article
- Das Schwert des Damokles
- Date
- 1902-09-26
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315999-3324908--34892-3325001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 39 „Die $t Welt«« Seite 11 werden sie mächtiger denn zirvor.10) Sich mit den anderen Parteien scheinbar versöhnend, suchen sie ihren Sündenbock anderswo, nämlich in der „Judaeo-Masonischen Partei"., wie sich die kirchlichen Blätter in ihrer blumigen Sprache ausdrücken. Ueber den Häuptern der Juden hängt das Schwert des Damokles und das ist der Antisemitismus. Der italienische Staat ist erst eigentlich im Werden begriffen, hat noch viel zu tun, um sich zu befestigen imd hat wie jeder junge Staat noch keine festgesessenen, in Erz gegrabenen Traditionen, bewegt sich noch immer in Widersprüchen. Mit Recht liebt Ferrero11) hervor, dass„ es merkwürdig sei, dass in diesem Lande Könige und Eoyalisten verstockten Republikanern, wie Mazzini, ein Denkmal errichten und anarchistische Dichter, wenn sie nur klassisch-schöne Yerse schreiben, Professoren öder Senatoren werden. Aber alle Länder folgen mehr oder weniger einer und derselben Entwicklungslinie. Als Prankreich in dem Zeiträume von 1830—1848 in innerlichen Krämpfen sich wand, als dort die soziale Frage mit aller Gewalt und Unerbittlichkeit erwachte und die politische in den Hintergrund stellte, begann die erste antisemitische Bewegung im grossen Stil; Pamphlete, wie z. B. „La dynastie Rothschild", „Les jnifs rois de l'epoque" zirkulierten unter dem Volke und hetzten es gegen die Juden auf. Ein jüdischer Minister, Fould, bei dessen Ernennung gewiss die jüdischen Herzen Frankreichs in Wonne schwelgten, bereitete den Boden zur Erscheinung des Drumont vor.12) Und vielleicht wird auch in Italien — nachdem die erste Sturm- und Drangperiode des Keusch äff ens vorüber ist und es in die Phase der Entwicklung der Kräfte und Schätze des Landes eingetreten sein wird — wie es leider zu befürchten ist, die fatale Frage, die Antisemitismus heisst, sich aufrollen. Denn an Zeichen, an Wetterleuchten,. Hie gewöhnlich vor dem Ausbruch eines Sturmes hervorzüngeln, fehlt es nicht. Sowohl im Leben als in der Literatur wird gar häufig in schärferer oder milderer, feindlicher oder wohlwollender Form die Frage der Juden, die allgemeine These des Antisemitismus behandelt. Abgesehen von den Ausfällen der päpstlichen Organe „Civiltä Cattolica" in Turin und ,,Unitä Cattolica", welche auch jüngst bei der Gelegenheit der Ernennung des Gen. Ottolenghi zum Kriegsmimster dagegen Protest erhohen18), welche keine Gelegenheit unterlassen, um die Juden offen oder heimtückisch anzugreifen, über die „jiidaisierende Richtung der Regierung" herzufallen; abgesehen von der förmlichen antisemitischen Propaganda, die ein klerikales Organ in Aneona34), „Patria", im vorigen Jahre eröffnete, wohei es zu den schärfsten Mitteln griff, nämlich zur Boykottiening jüdischer Geschäfte usw.," und nur auf gerichtlichem Wege über Initiative des Vorstandes der Aneonaer Kultusgemeinde S. Almagla und des bekannten tüchtigen Zionisten Herrn Adv. R. Ascoli zum Schweigen gebracht wurde», gibt, es eine antisemitische Literatur ,,sui generis", die offen den Nachbarn Drumont und Ahlwardt die Hand reicht. Unter ihnen sind zu bemerken das jesuitisch-verschmitzte Werk des P. Vannuttelli: „Tsrael": aber das ausgeprägteste, merkwürdigste ist das Buch des Dr. Panonzi: „L'Ebro attraverso i secoli e la sae posizione nelle soc-ietfi moderne".15) Das Buch könnte als Seitenstiick zu „La France juive" bezeichnet werden. Für den Verfasser stammen alle TJebel, die Italien heimsuchen, nur von den Juden, die Literatur ist verjudet, es ist unter jüdischem Einfluss eine gottlose "Richtung im Richten und Leben eingeschlagen worden', der Materialismus wird für eine jüdische Doktrin ausgegeben, Jakob Moleschott, der Verfasser des ^Kreislauf des Lebens" für einen Juden erklärt, der Talmud ä la Rohling behandelt und zitiert, ja sogar das Blutmlirehen wiederholt. Zu den jüdelnden Dichtern und Schriftstellern zählt er auch die besten, wie Cardueci,Rapisardi, ja sogar denGabbriele d'Annunzio! Dieser letztere Dichter, der der Kunst neue Gesetze zu geben sich 10) Vgl. G. Negri: Rumori mondani, 1894. 31) Europa Giovane di Guglielmo Ferrero. 12) Vgl. K. Marx: Der Bürgerkrieg in Prankreich, S. 27 ff. 33) Vgl. „Ävanti" Tom Mai 1902. 34) Eine der »Städte1, die am dichtesten von Juden bewohnt ist. 35) Vgl. auch Lattes: Logni cPun Antisemita (Eine Antwort auf das Werk des Panzoni). berufen fühlt, ist mitunter ein Kollege der Komtesse Martel (Gyp), d. h. ein Antisemit. Und fürwahr! Wie kann er3 er, der Individualist, der die „Egoarehie", den Nietzscheanismus in seiner übertriebensten Form predigt, die sinnliche Genusssucht idealisiert, er, der die lateinische Kasse die grüsste der lebenden nennt und selbst der grösste aller Lateiner zu sein wähnt, wie kann er mit dem jüdischen Geiste harmonieren?! Denn trotz seiner Anpassungsfähigkeit, seiner Akklimatisierbarkeit bleibt der Jude im Grunde seines Wesens unter allen Zeiten und Völkern, unter allen Umständen doch — sich gleich. „Lombroso", sagt der scharfsinnige italienische Schrift stell er Ferrero16), hat mit Scharfsinn hervorgehoben, dass der Jude wie ein durchsichtiger Polyp die Farbe des Wassers, in dem er sich befindet., annimmt, dass er im venetianisehen Gebiet geschwätzig wie der Venetianer, in Piemont schweigsam und zurückhaltend ist u. s. w., aber diese Beobachtung ist mangelhaft. Zwischen dem Juden und dem Arier37) gibt es einen tiefgehenden psychologischen Unterschied . . . Wenige Schriftsteller haben in den letzten fünfundzwanzig Jahren Italien so in Aufregung versetzt, wie Lombroso, und doch ist kaum jemand dem Geiste nach weniger Italicner als Lombroso." Diese unverwischlichen ethnischen Charakterzüge, sein tiefer, ethischer Sinn, seine Lebensanschaung, die sich von der der anderen Völker vollständig unterscheidet. bilden für den Juden, welchem Lande er auch angehöre und welche Zunge er auch immer rede, eine unüberschreitbare Grenzmauer und einen Talisman zugleich, der ihn vom Aufgeben, vom Verschwinden rettet. Der innere Konflikt des Juden zwischen dem, was er ist und dem, was er sein möchte, bildet die tragische Seite des Seelenlebens des inodernen Juden. Er brachte in Deutschland den genialen leidenden Spötter Heine hervor, in Italien den ilim an Talent, aber nicht an Spottlust und Leiden im Spotte — Leiden eines entzweiten, im inneren Kampfe sich quälenden Gemüts — viel nachstehenden Giuseppe. Bevere. Um von all den Tatsachen und Beobachtungen, die wir im Laufe dieser Studie vorgeführt Haben, den Schluss zu ziehen, braucht man gerade nicht auf prophetische Gaben Anspruch zu machen. „Wissenschaft", sagt Aug. Comte, „heisst: sehen, um vorauszusehen (voir pour prevoir)Und das ist auch der Fall mit der Wissenschaft von der Gesellschaft, der Soziologie. Der Antisemitismus hat, wie wir gesehen haben, auch in Italien Keime geworfen und findet dort einen geeigneten Boden: wir haben gesehen, dass tTie politische Lage der Juden in Italien ein Produkt der allgemeinen ökonomisch-politischen Verhältnisse Kies Landes ist, die mit deren Aenderung notwendigerweise el>enfalls sich umändern wird. Das Leben der Juden ist eben ein geschlossener Zirkel — vom Judentum, vom Nationallehen geht es Iber die Schranken hinaus., wird zum weltbürgerlielien, allgemein menschlichen, und dann wird es — und manchmal auf sehr brutale Weise — wieder in seine natürlichen Schranken zurückgewiesen; es kehrt aber in das alte Flussbett mit neuen Kräften zurück, erneuert und erfrischt von all den Strömen., denen es am Wege l>egegnete und in sich aufnahm: dies ist ein Circulus, aber nicht vitiosns, sondern vielmehr glorios us. Und nun, bevor wir schliessen, die letzte Frage: Wie verhält sich das italienische Judentum zu dessen nationaler Wiedergeburt, zum Zionismus? Hat es in ihm die richtige Lösung aller Fragen, die Xufknüpfung des gordischen Knotens der jüdischen Existenz intuiert? Obwohl der zionistische Gedanke in Italien noch nicht die gebührende Würdigung gefunden hat, wird dennoch das jüdische Milieu ihm täglich geneigter1, und schliesslich beginnen auch die sorglosen italienischen Juden gewahr zu werden, dass auch an dem azurblauen Himmel ihres schönen Vaterlandes sich manche Wolken bilden, dass auch über ihrem Haupte ein Damoklesschwert hängt. M) 1. c. 353 "ff. 17) d. h. Nicht- J u d e n , denn nach den neuesten anthropologischen Forschungen ist d!er (Gegensatz Ar$ea:-Seimitie gefallen.