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Die Welt · 1902-09-26 · 39 (26.9.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
39 (26.9.1902)
Article
Rabbiner Dr. Isaac Rülf
Date
1902-09-26
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig'Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 39. Wien, 26. September 1902. 6« Jahrgang i Rabbiner Dr. Isaac Rillf. i Mit grossem Schmerze haben wir die Nachricht von dem Dahinscheiden unseres geliebten Altmeisters Di\ Isaac Rülf vernommen. Wir müssen den Verlust eines unserer Besten und Teuersten bei klagen, der im unerschütterlichen Glauben an die Zukunft seines Volkes diesem alles gab, was nur ein Mann seinem Volke geben kann. Uns all<>n war er Freund, Lehrer und Meister zugleich und sein Tod lässt in unseren Reihen eine Lücke zurück, die nicht auszufüllen ist. Nunmehr gehört der Gute und Edle nur mehr unserer Erinnerung an. Sein Name aber, sein Wirken und seine Werke sind unzertrennlich mit der Geschichte des neuverjüngten Volkes verbunden. weiten Erdenrund, da wird die schmerzliche Klage ertönen; Unser Rülf ist tot. Denn er war unser, lange bevor der grosse ttammelruf nach Basel an uns erging, als noch die Zionssehnsueht formenlos in unseren Herzen schlummerte, hinge bevor das Wort „Zionismus" geprägt war. Als ich wenige Minuten, nachdem die Schreckensbotschaft mich erreichte, an das Lager des von mildem Todessehweigen verklärten Meisters trat, da fühlte Ich den grossen Schmerz vorweg, der ganz Israel nun durchzittert. Wenigen jüdischen Männern war es vergönnt, ihren Namen so unauslöschlich in die Herzen ihrer Stammesgenossen einzugraben, wie es Isaac Rülf beschieden war. Und wie er geworden und was er gewesen, das verdankte er sich selbst, dieser Selfmademan edelster Art, ein leuchtendes Wahrzeichen der Kraft und Tüchtigkeit unseres Stammes, Am 10. Februar 1831 in R au U s* c h - H o 1 z h a u s e n , einem kleinen hessischen Dorfe., gelw>ren, wirkte Rülf als Lehrer und Prediger im Grossherzogtum Hessen, bis 18G5 als Rabbinerg«hilfe in Mecklenburg-Schwerin. Nach seiner im selben Jahre erfolgten Promotion begann er seine Rabbinatstütigkeit in der preussischen Grenzstadt Memel. In dieser an der Grenze westeuropäischer Zivilisation gelegenen Stadt, fernab von den geistigen Zentren des Kulturlebens, verbrachte er die längste Zeit seines .Lebens, das ausgefüllt wurde durch ein reichgesegnetes Wirken im Dienste der Wissensehaft, der leidenden Menschheit und seines Volkes. Rülf gehörte zu jenen gottbegnadeten Naturen, deren Schaffenskraft nicht erschöpft wurde durch eine einzige Tätigkeit, zu jenen Natuxen, die mit ihrem Geist „das Höchst' und Tiefste greifen''. Seine philosophischen Schriften: „Wissenschaft des Weltgedankens", „Wissenschaft der Gedankenwelt" usw. sind bedeutsame Werke" von unvergänglichem Wert. Aber seine ausgedehnten philosophischen Studien Hessen ihm noch Zeit zu umfassender publizistischer Tätigkeit. Glücklieherweise! Denn ohne diese würde ihn die Nachwelt nur einschätzen als einen der Grossen in Israel, nicht als einen der Besten. Und einer der Besten war er. Als der Riesenjammer seiner Brüder über die Grenze stöhnte, da griff er zur Feder und schilderte den westeuropäischen »luden, die von dem russischen Massenelende nur die allerunklarsten Vorstellungen hatten, in den Schriften „Meine Reise nach Kowno" und „Drei Tage in Jüdisch-Russland" das ungeheure Leid dieser Parias. Und er griff nicht nur zur Feder. Das Jahr 1867, das schwere Notjahr Ostpreussens, fand ihn an der Spitze des Hilfskomitees, das unter dem Protektorate des edlen Kronprinzen gebildet worden. Von nun an wirkte dieser einzelne Mann als ein Wohltäter tausonder und abertausender Bedrängter, und sein Wirken rettete tausende vor (k'iu sicheren Hungertode. Der Mann der lebendigen Tat, der in diesen von physischem und moralischem Druck niedergehenden. Judeiimasscn des Ostens gewaltige Summen sittlicher Kraft und Energie schlummern sah, wurde zum Nationaljuden, musste es werden. Das im Jahre ,1883 erschienene Werk „Aruehas Bas-Ami" — „Die Heilung meines Volkes" zeigt uns Rülf schon als einen Zionisten im umfassendsten Sinne dieses Wortes. Er hatte eben die letzten Konsequenzen seiner nationaljüdischen Lcbensansehauuiig gezogen. Von jetzt ab beherrschte der Zionismus seine Gedanken- und Gefühlswelt, er wurde sein Lebensprinzip, das er in Wort und Schrift verfochten bis an sein Lebensende. Ach, dass wir hier am Rhein uns seiner nur kurze Jahre freuen durften! Nun ist er tot, der Mann mit dem Schnee auf dem Haupte und dem jungen Herzen in der Brust. An seiner Bahre steht trauernd das jüdische Volk, dem sein Leben gehörte und das er liebte mit der ganzen Glut seiner grossen Seele. Wir aber, vom Schmerz gebeugt, finden Trost in Dr. Herzls Wort: „Kein einziger von uns ist heute mehr unentbehrlich. Wer immer von uns verschwindet oder aus den fieihen* falle3 die Sache geht weiter." B o n n a. Rh. Dr. E.

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