Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Article
- Manchester
- Date
- 1902-09-19
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 £Bie # W*lt" Nr. 38 Sammlung bewies, wie sehr das Ereignis der Eröffnung der Halle die jüdischen Bewohner Manchesters interessieite. Die Feier wurde mit der Absingung eines Psalmes in hebräischer Sprache eröffnet, worauf, ebenfalls hebräisch, das Gebet für den König und die Königin, sowie die englische Nationalhymne durch Rev. H. Boyarski von der Z^ntralsynagoge und seinen' Chor zum Vortrag gebracht wurde. — Der Vorsitzende Stadtrat Dr. Charles Dreyfus verlas eine Reihe von Entschuldi^ungs- und Begrüssungsbriefen und -Telegrammen. Darunter befand sich ein Schreiben des Rev. Harris Cohen aus Nottingham, worin der Genannte Mitteilung macht, dass er vor wenigen Tagen in Paris mit den zionistischen Führern Dr. Nordau und Dr. Marmorek Unterredungen gehabt hatte, ausweichen zu entnehmen ist, dass die zionistische Bewegung und Sache überaus zufriedenstellende Fortschritte mache. Auf die Frage, die er an Dr. Nordau gerichtet habe: „Wache, welche Stunde hats geschlagen?11 habe er die charakteristische Antwort erhalten : „Es ist noch immer Nacht, aber ich bin glücklich sagen zu können, dass schon Seiichoth-Zeit ist. Morgenrot ist nicht mehr ferne." Dr. Dreyfus setzte auseinander, wie notwendig die Vereinslokalitäten für die Mitglieder des Vereines sei^n. Aber ausser den mehr als 800 Mitgliedern des Vereines gebe es noch tausende von Juden in Manchester, die sich damit genug sein lassen Zionisten zu sein. Das genüge aber nicht. Jeder Zionist habe auch die Pflicht, aktiv einzugreifen, die heilige Sache zu fördern und zum endlichen Erfolge beizutragen. Herrn Jakob Moser, Friedensrichter in Bradford, war die Ehre zuteil geworden, die Lokalitäten zu eröffnen. Zu diesem Behufe wurde ihm ein vergoldeter Schlüssel übergeben. In begeisternden Worten schilderte Herr Moser die grosse kulturelle Bedeutung des Zionismus, die bereits erzielten Erfolge und seine hohen Ziele. Der Zionismus ist der einzige Weg, der zur Lösung der Judenfrage führt, und der Führer habe bewiesen, dass wir ihm vertrauensvoll folgen dürfen. (Lebhafter BeifaU.) Es sprachen noch ausserdem Mr. B. Balaban, Mr. A. Massel, Rev. J. Simon, Mr. E. Caro- Gor don und der berühmte Jargonpoet Goldfaden, der gerade in England weilt, wo er viel gefeiert-wird. Feuilleton. Der Prophet.*) Kino Dichtung von A d o 1 p h Dona t Ii. Niemand kannte ihn im Ghetto, Und es hiess, er sei aus weiten Feinen in das Land gekommen, Um der Sehnsucht, die verglommen, Neue Ziele zu bereiten. Doch es spotteten die Juden Uncl verhöhnten seine Lehren, Und sie wollten des Propheten, Dieses thöriehten .Asketen, Durch Verachtung sich erwehren. Denn die meisten von den Juden Hatten Furcht, wenn einer sagte. Dass sie nichts als Sklaven wären, Dass sie nur die Last des leeren Seihstbetrüge* immer plagte. Dass sie nur dem Gott dos Goldes Opfern, wenn die Knuten schwirren, Und dann wieder still beglückt sind, W enn der Peitsche sie entrückt sind, Und die Ketten fernher klirren . . . ■;<- Täglich wuchs der Hass im Volke, Nur ein kleines Hiiuflein Armer Scharte sich um seinen Sprecher, Pries ihn als des Volkes Rächer Und als seines Leids Erbarmer. .; *)' Aus dem in nächster Zeit im Jüdischen"Verlag" (Berlin) erscheinenden „Jüdischen 'Almauach", Unä des Abends, wenn die letzte Sonne aus den Wolken strahlte Und mit ihren Feuerbränden An des Xempels weissen Wänden Rote Flaamtienzeiehen malte, Lauscht^n^sie .dem Lied des Weisen, Der da sang: Im tiefen Leide * Liegt die Zionsbnrg im Osten, Ihre Zinnen., die verrosten, Und wie Knistern morscher Seide Geht es durch die Cedernwalder.;. Weine, Tochter Zions, weine! Deine Leier ist verdorben, Deine Sehnsucht ist erstorben, Deine nimmermüde, reine Glaubensstärke ist zerronnen, Deine Mutterliebe schwindet, Denn dein Volk ist siech geworden, Und die abtrünnigen Horden Sind schon längst für dich erblindet. Weine, Tocfiter Zions, weine! Aber deine Tränen sollen Unser Mutterland verjüngen, Neue Blüten werden dringen Aus den feuchten Ackerschollen. An des Libanons Gehängen Wirt! die Ceder wieder grünen. Kranke werden dort gesunden, Und in weihevollen Stunden Wird dein Volk die Frevel sühnen!-- ifr Voll ertönten diese Laute Und das Echo gab sie wieder, Und es schien, als glitten leise Aus der Sterne Silberkreise Diamantensplitter nieder, Und es glüTiten alle Rosen, Und durch Wälder und durch Haine Klang wie eine Wundersage Des Propheten Judenklage: Weine, Tochter Zions, weine . .; * * * Jahre waren hingegangen. Auf den satten Feldern regten Sich viel.tausend starker Hände, Die, des Sommers reicher Spende Froh, den Eisenpflug bewegten, Während in des Ghettos Mauern Der Prophet tlie Kinder lehrte: Dass in Gleichheit nur auf Erden Arm nnd fteieh geboren werden, Die der gleiche Tod begehrte. LTnd die Lernenden erstarkten, Trugen des Propheten Worte Immer weiter in die Welten, Bis in Jakobs stolzen Zelten Keine Hoffnung mehr verdorrte. Und ein neues Volk erhob sich, Reich an Liebe, reich an Kräften. Gleich an Bitte, gleich im Kleide, Frei von Furcht und stark im Leide Wuchs es fort mit frischen Säften.