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Die Welt · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Article
Czenstochau (Russisch-Polen)
Date
1902-09-19
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 38 „Die # Weif Seite 13 Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Czenstochau (Bussisch-Polen). Die Stadt Czenstochau, bekannt als Wallfahrtsort, war vor wenigen Tagen der Schauplatz von Ausschreitungen gegen die dort wohnenden Juden, welche a,n die schrecklichen Exzesse gegen Juden in Siidrussland zu Anfang der Achtzigerjahre erinnern. Die Lemberger Blätter berichten aus Czenstochau, dass dort die Ausschreitungen gegen die Juden vom Obstmarkte aus ihren Ausgangspunkt nahmen. Die Exzedenten durchzogen dann die Strassen der Stadt und vernichteten die Einrichtungsstücke der Juden, in deren Wohnungen sie drangen. Die Fensterscheiben der Judenhäuser wurden zertrümmert. Die Juden, deren Kaufläden man plünderte, wurden geschlagen und mit Steinen beworfen. Die aus Bendzin requirierten Kosaken ritten in die festgekeilte Menge der Exzedenten und töteten zwei Personen. Zwölf Personen wTurden so schwer verwundet, dass an deren. Aufkommen gezweifelt wird. Die Sieherheitsbeliörde nahm hundert Verhaftungen vor. Unter den Verhafteten befinden sich auch zwei Geistliche, welche vorläufig in einem Hotel untergebracht werden mussten. Militär war aus Bendzin, Radomsk, Petrokow und anderen Städten herbeigeeilt. Der Gouverneur von Petrokow, der ebenfalls in Czenstochau eintraf, eiferte die Kosaken zum energischen Einschreiten an. Ein Ober-Prokurator aus Warschau führt bereits mit entsprechendem Gerichtspersonal die Untersuchung. —> Dem „Berliner Tageblatt" wird, wie uns aus Berlin telegraphiert wird, aus Czenstochau von einem Augenzeugen folgendes berichtet: „Den verflossenen Donnerstag dürften die hier in grosser Zahl ansässigen Juden und überhaupt alle Einwohner so leicht nicht vergessen. Am frühen Morgen war es auf dem Alten Ring, welcher nur von Juden bewohnt ist und direkt im Judenviertel liegt, zwischen einem jüdischen Händler und einer polnischen Frau zum Streit gekommen, wobei iie Frau derartig verletzt wurde, dass dieselbe auf dem Transport zum Hospital starb. Infolge dessen gab es am Vormittag dauernde Angriffe von Seite der polnischen Arbeiter usw. auf die Juden, so dass sieh eine grosse Anzahl Juden veranlasst sah, die Geschäfte zu schliessen. Zur Mittagszeit sah man im Judenviertel schon keinen Laden mehr geöffnet, und die Polizei war bereits in grosser Anzahl überall vertreten. Nachmittags wurde der Krawall so schlimm, dass das nicht im Manöver befindliche Militär, Grenzjäger, aufgeboten werden musste und noch telegraphiscE aus Warschau Hilfe erbeten wurde. Abends gegen 7 Uhr, zu welcher Zeit die vielen hiesigen Fabriken geschlossen werden, begann aber ein wahrer Sturm gegen die jüdischen Häuser. Es wurden in der ganzen Stadt überall die .Fenster der jüdischen Häuser eingeworfen, die Möbel zertrümmert und die Läden total ausgeplündert, so dass ein grosser Teil der armen jüdischen Bevölkerung in der Tat nur das nackte Leben retten konnte. An einer Stelle zerschlugen die Angreifer ein Fass mit Petroleum und steckten es in Brand. Das Judenviertel war durch Militär vollständig abgesperrt worden. Erst gegen 10 Uhr nachts, nachdem vom Militär mehrfach scharf geschossen worden war, wobei es fünf Tote und viele Verwundete gab, wurde die Ruhe wenigstens einigeroiassen wieder hergestellt. Nachts trafen von ausserhalb 150 Kosaken und zwei Extrazüge mit Militär aus Warschau ein, wodurch nun einstweilen weitere Exzesse ausgeschlossen waren. Der nächste Morgen bot ein Bild des Jammers. Einige Häuser machten den Eindruck, als seien sie bei einem Bombardement beschossen worden, und vielfach fehlten die Fenster und Fensterläden, sowie die Türen völlig. Gegen 200 Verhaftungen, darunter auch die von zwei Geistlichen, sind bereits vorgenommen worden, und fortwährend finden noch weitere Einsperrungen statt, da man in Erfdhrung gebracht hat, dass diese Krawalle schon lange vorbereitet waren. — Von anderer Seite wird dem „Berliner Tageblatt" noch mitgeteilt, class ein polnischer Rechtsanwalt cjer Haupturheber der Judenhetze gewesen sei. Dass die Krawalle systematisch" und planmässig vorbereitet waren, zeigte das Verhalten der christliehen Bewohner^ in deren Fenstern ein Licht vor einem Madonnenbilde brannte. — Offiziell wird aus Petersburg über die Exzesse gegen die Juden in Czenstochau folgendes gemeldet: Auf dem Markte der Stadt Czenstochau wurde infolge eines Streites mit einem Krämer eine Bäuerin von Juden überfallen und erhielt einen Hieb auf den Kopf. Alsbald verbreitete sich das Gerücht, es sei eine Christin erschlagen worden. Eine Anzahl Arbeiter griff die Läden an), warf die Waren hinaus und schlug Fensterscheiben ein. Zur Wiederherstellung der Ordnung wurde eine Militärabteilung herbeigerufen, die, nachdem eine dreimalige Mahnung erfolglos geblieben und gegen die Abteilung Steine geschleudert worden waren, Feuer gab. Zwei Personen wurden tödlich getroffen und fünf schwer verwundet. Unser bekannter Gesinnungsgenosse Dr. Israel Friedländer, einer der eifrigsten Mitarbeiter der zionistischen Organisation in Strassburg, hat — trotzdem er Ausländer ist — die vieniä legeirdi an der Strassburger Uni7ersität erhalten, eine seltene Auszeichnung. Die Leser der „Welt* haben wiederholt Gelegenheit gehabt, Artikel aus der Feder Dr. Friedländers zu geniessen. Welr*@bFODi1<. Nationalbibliothek in Jerusalem. Dr. Chasanowitz in Bialystok,;der opferfreudige Begründer der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem, hat derselben weitere 3000 Bände zukommen lassen. Elise Orzesko über den Zionismus. Die gefeierte polnische Schriftstellerin Elise Orzesko hat, wie die „Nowosti" mitteilt, ausAnlass der Eröffnung des Zionisten-Kongresses in Minsk an Dr. G o r d o n folgenden Brief über den Zionismus gerichtet: »Der Schwerpunkt des Zionismus liegt meiner Ansicht nach in der hrage : Kann Palästina politisches Eigentum der Juden werden, und wenn ja, ist Palästina so gross und fruchtbringend, dass es alle Juden aufnehmen und ernähren könnte? Zweitens: Werden die Juden, seit Jahrhunderten unter verschiedenen geographischen Breiten und Kulturen lebend, auf einem Territorium und unter einem Gesetze miteinander leben können? Lässt Wissenschaft und Geschichte die rasche Schaffung eines Staates zu, der gewöhnlich langsam entsteht? Wenn das möglich ist, so hat die zionistische Bewegung eine glänzende Zukunft und die Juden werden ihr Ziel erreichen. Denn niemand ist berechtigt, das Recht der Jaden zu bezweifeln, ihre alte Heimat zu erwerben und ein selbständiges Leben zu führen. Ist aber diese Idee unverwirklichbar, so ist es schade, dass die Juden sich den Völkern noch mehr entfremden, unter denen sie leben. Ich glaube, die Führer des Zionismus haben auf diese Fragen sich bereits eine klare Antwort gegeben, denn für den Ausgang der von ihnen geleiteten Bewegung tragen sie die Verantwortung." Jüdischer Nationalfonds. Das goldene Buch. Verein „Chowewe Zion", Sektion „D avi d\ (Vorstandsmitglieder M. Schwarzfeld, H. Bejarano, Dr. R. Sigmund, D. Einhorn, Drd. E. Tauber, J.B Irnberg, J.Fe ins, Drd. J.Mo zes, J. Gross, J. S. Mänascu) in Bukarest 250 Lei. „Erster zionischer Verein" in Kutais 9o Rubel. „Societatea Beneh Z i o n", Sectia „Sani. P in e 1 es*' in Galatz, 10 Pfund Sterling. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Unter dem Namen „General-Anzeiger" erscheint seit dem 4. September in Berlin ein jüdisches Wochenblatt für die Gesamt-Interessen des Judentums. Als Herausgeber und Redakteur zeichnet sich Dr. Julius Moses. Unter dem Namen „De Joodsche Courant. Algemeen Weekblad voor het Nederlandsche Jodendom" erscheint seit dem 5. September d. J. im Haag ein neues jüdisches Wochenblatt, welches orthodoxer Richtung ist und zionistische Tendenzen verfolgt. Wir wünschen dem jungen Unternehmen, das für die jüdische Sache zu kämpfen verspricht, allseitigen Erfolg. ffas de* J|e^egüi)g!_ Gedenket des Schekeis!___ Voranzeigen, Wien. („Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter".) Sonntag den 21. d. M. V23 Uhr nachmittags, findet im Saale des Kongressbureaus eine Vorlesung von Herrn Hugo Philipp statt. Gäste willkommen. Wien. Das vorbereitende Komitee zur Gründung eines jüdischen Handelsangestellten-Vereines ladet sämtliche Angestellte, die dem Vereine beitreten wollen, ein, an der am 20. d. M., 8 Uhr abends im Restaurant Kühn, IL, Rembrandtstrasse 18, stattfindenden Besprechung teilzunehmen. Das Komitee. Berichte. Manchester. Zeugnis von der grossen Ausbreitung, des Zionismus in unserer Stadt gibt die Eröffnung der neuen Zionist Hall am letzten Sonntag-Nachmittag. Bekanntlich haben sich die bisher bestehenden sieben zionistischen Vereine je einer Körperschaft liiert. Die sehr starke Ver-

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