Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Article
- Die palästinensischen Kolonisten
- Date
- 1902-09-19
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 jm¥Fw*ti*\ Nr. 38 zuwander m Jeder Dampfer nimmt* auswandernde Kolonisten nach Afrika, Australien und Amerika aufJu Eine förmliche Hungersnot ist unter den Juden ausge-" brochen. Handwerker promenieren in den Strassen von Jerusalem und Jaffa und bemühen sich, einen Parä zu verdienen, indem sie sich den Nichtjuden als Träger und Führer vergeblich anbieten. Der spanische Konsul hat die Gelegenheit diesem Elends wahigenomih^A, um den Juden die Ansiedlung in Spanien, vorzuschlagen* Er erklärte sich im Namen der spanischen RegieaHing8frerejt, so viele Juden, als sich dazu melden, auf Kostendifcs-er Regierung nach Spanien zu überführen. 100 Familien — 75 aus Jerusalem und der Rest aus Jaffa — haben sehon durch:; Unterschrift ihre Bereitwilligkeit bekundet, nach Spanien, nach dem Lande, das mit dem Lebensblute von Israel . getränkt worden ist, nach dem Lande der schrecklichen Inijuisition. auszuwandern. Dieser verzweifelte Schritt hat unter der palästinensischen Judenschaft den peinlichsten Eindruck erzeugt. Doch ist diese ja nicht in der Lage, zu helfen. Wenn Geld gesendet wird, erreicht es kaum den, dem . es bestimmt war, er .verschmachtet en route. Das ist eine wahre.Beschreibung von Palästina und je eher diesem schrecklichen Zustand abgeholfen wird,umso besser für die Kolonisten dund. das Judentum. Die Kolonien sind kleine Paradiese und es. ist, herzbrechend zu denken, dass diese Pioniereauf einmal in Stich-gelassen werden sollten. Die Jude von Palästina müssen-dort zurückgehalten werden, was es auch kosten mag, aber nicht durch Mildtätigkeit, sondern durch Organisation und Fürsorge.4 Der Zionismus. ( Vus der Berliner Wochenschrift „Die Zeit', herausgegeben von Pastor Friedrich N a u m a n r.) Es ist eine allgemein anerkannte sozial-psychologische «Tatsache, dass Massenbewegungen und Massenbestrebungeii nicht auf Grund künstlicher flache in die Erscheinung treten; ihre Wurzeln müssen In der Seele der Massen ruhen. , Seit fünf Jahren sehen w ir innerhalb des Judentums eine starke Bewegung immer. H eitere Kreise ziehen -— den Zionismus. , Was will er und wie ist er entstanden 1 Ks scheint nicht unangebracht, einem Leserkreis, der wesentlich aus .nichtjüdischen Kreisen bestehen dürft*', die Hauptgedanken des Zionismus darzulegen.. Nur um Darlegung kann es sich handeln, nicht um Propaganda. Es bestehen in der Tat viel irrige Anschauungen über den Zionismus. Seine Gegner haben seit seinem Auftreten aus ihm eine klealstaatliche Schwärmerei gemacht, die niemals verwirklicht werden könne. Sehen wir aber zunächst von den praktischen Zielen des Zionismus ab, so können wir feststellen, dass er die Juden in zwei Lager geteilt, bezw. die Grenzlinie zwischen den immer bestehenden entgegengesetzten Auffassungen schärfer gezogen hat. Die geschaffene Gruppierung lässt sich kurz so zusammenfassen: Die einen wollen Juden bleiben, die anderen wollen es nicht. Das Programm der letzteren ist: „Verschwinden'*. ..Aufgehen in die Umgebung'*, das der Zionisten nicht nur die Erhaltung des Stammes, sondern die Erweckimg desselben zum neuen, besseren Leben auf der Grundlage einer gesicherten wirtschaftlichen Existenz. Der Grundton dieser Bestrebung hat innerhalb der zionistischen Gemeinschaft eine enge Verbindung der modernsten Kiemente des Judentums mit den konservativsten zuwege ge- *:: ) Pastor Friedlich Naumann zählt zu den hervorragendsten Persönlichkeiten des modernen Deutschland. Auf dem Gebiete der Politik und der Sozialpolitik ist der im zweiund-, vierzigsten Lebensjahre stehende Pastor Naumann eine anerkannte Autorität, dessen Werke überall Beachtung finden. Aus der Zahl dieser Werke wollen wir liier nur einige anführen: ..Weltpolitik und Sozial reform'', .„Deutschland und Oesterreich".. Nationale Sozialpolitik",. „Staat und Familie", Weltmacht und Sozialrefonn", ..Demokratie und Kaisertum" etc. Pastor Naumannist -auch Herausgeber der sehr geachteten periodischen Druckschriften „Hilfe" und .„Zeit'«. - '■ * bracht, denn beide■ ■'•wünschen die Erhaltung des Volkstums, das! heute zu keiner*-kulturellen. Weiterentwicklung durch Ausbau der eigenen Individualität gelangen kann. Was in der .europäischen " Kultur steht, sei nur ein verschwindend geringer Teil gegenüber der Masse, die in Stagnation verharrt, ohne an den Fortschritten der Menschheit teilzunehmen. Die Anhänger des Zionismus glauben daher, dass zur Gesundung und Wiederbelebung der jüdischen Masse eini; anderer Boden geschaffen weiden müsse. Aus!der jahrhundertelangen blutigen Verfolgung und aus der modernen gesellschaftlichen und staatlichen Aechtung heraus hat sich demnach die Ueberzeugung Bahn gebrochen, dass eine Lösung der Judenfrage nur, in zweierlei Weise vor sich gehen kann: entweder durch Aufsaugung der jüdischen Masse von ihrer .Umgebung' oder aber durch Konsolidierung derselben zu einem selbständigen, auf neuer Grundlage ruhenden Ganzen. Die Zionisten erstreben das letztere. Die bewegenden Paktoren ihres Wollens brauchen nicht weit gesucht zu werden. Wir sehen im Osten Europas, auf einem verhältnismässig engen Raum, eine recht- und schutzlose Masse von. Menschen zusammengepfercht, die nach Millionen zählt. Die spärlichen Erwerbsquellen, die ihr zur Verfügung stehen., würden kaum genügen, der Hälfte der vorhandenen Zahl Unterhalt zu bieten. Was nicht auswandert, um unstet und ohne welche Fertigkeiten zu besitzen, die Fristung des Lebens in fernen Himmelsstrichen zu suchen, lebt hierin Siechtum und Elend dahin. Der .Arbeitswilligkeit und Arbeitsfreudigkeit steht keine Arbeitsgelegenheit gegenüber: ein grosser Teil von Erwerbsquellen ist durch Sondergesetze verrammelt. Schacher und Handel, im Grunde genommen ein elendes Trödlertum, bleihen als einziger Rettungsanker übrig. Und doch ist es keine stumpfe, seine Lage nicht begreifende Masse, die im Alkohol Vergessen der Leiden sucht. Im Gegenteil, es. sind Angehörige eines Stammes mit einer m ehrtau send jährigen Kultur, mit einer Literatur und Geschichte, die der grösste Teil von ihnen kennt und in der jeder von ihnen lebt und webt. Für dieses, in tausendjährigen Traditionen verharrende, an den alten Ueberlieferungen mit zäher Starrheit festhaltende Volk gibt es kein Aufgehen in seine Umgebung, keine Auflösung oder Assimilation. Es lebt seine eigene Welt, losgelöst von den anderen Bewohnern des Landes, durch tausendfache Schranken von ihnen geschieden und im überwiegenden Teil auch der festen UeberZeugung, dass einst der 'gottgesandte Messias erscheint, der sie aus dieser Not hinwegführt in das Land der Väter. Für diese Unglücklichen eine Heimstätte zu schaffen, ist eine, der vornehmsten Aufgaben des Zionismus. Sie sollen dem entsittlichenden und zerstörenden Einfluss ihrer heutigen Atmosphäre entzogen und der uralten Beschäftigung auf eigener Scholle zugeführt werden. Dass hierfür Palästina gewählt wurde, ist begreiflich: es bedeutet die Nutzbarmachung von Idealen für praktische Ziele. Denn jeder dieser Aermsten hängt noch heute mit der ganzen Glut seines Herzens an Palästina und die ihbrünstiire Sehnsucht, dahin zurückzukehren, spricht er täglich wiederholt in seinen Gebeten aus. Die im grossen geplante Kolonisation Palästinas soll sich alier nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen vollziehen, wo die Anlegung einer Kolonie, ja jeder Landkauf nur unter Zuhilfenahme der Bestechung, des Bakschisch. vor sich gehen kann. Die Zionisten bezwecken vielmehr eine LTrbarmachung des Landes unter staatlicher Bewilligung und unter staatlichem Schutz und eine Besiedelung desselben mit denjenigen Elementen aus dem jüdischen Volke, die heute nirgends ein Heim, nirgends eine Bleibe haben, die dazu verurteilt scheinen, an der grossen Heerstrasse der Völker zu sterben, während diese vorwärts schreiten. Der Zionismus will aber das Volk nicht sterben lassen, er glaubt an dessen , Lebensfähigkeit und hofft, dass es nach Sicherung seiner wirtschaftlichen .Grundlage zu einer neuen Entfaltung seiner Kräfte gelangen wird. Mag -sein, dass der Realpolitiker über diese Bestrebungen lächeln, das_s er. sie in das Reich der Utopien verweisen wird! Aber schon der Wunsch, einem ,seit Jahrtausenden bedrückten und verfolgten Stamme einmal wieder Existenzberechtigung auf eige-