Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Article
- Das Schwert des Damokles
- Date
- 1902-09-12
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 '„Die fr Weltf« Seite 13 diesem Tempel, wo Ihr Eure Schmerzen dem Ewigen vertrautet, wo Dir heute in Italien eine Mutter, in allen Italienern Brüder anerkennt, heute auf diese göttlichen Bücher, die wir verehren, schwöret, dass Ihr Italien lieben werdet von ganzem Herzen, von ganzer Seele, aus allen Lebenskräften, dass Ihr ihm mit grosser, unwandelbarer liebe zugetan sein werdetj zu allen Zeiten, unter allen Nöten.4, Und die italienischen Juden erfüllten seine Mahnung treu. Sie haben sich nicht nur zu völligen Italienern herangebildet, sondern auch, wie Lombroso4) sagt, sind sie im venetianischen Gebiete ganz Yenetianer geworden, so dass sie in eine Komödie des Goldoni hineinpassen würden, und in Toscana ahmen sie dem Stenterelloß) nach. Treu ergeben ihrem Vaterlande, seine Interessen ausschliesslich im Auge habend, brüsten sie sich mit seiner Kultur, besingen und studieren sie mit Eifer und Liebe die Helden Italiens, seine Dichter und Denker und sprechen mft Begeisterung von Rom, vom Campidoglio oder Quirinal, als von ihren nationalen (!) Andenken. Und in demselben Rom, wo der Triumphbogen des Titus steht, im selben Rom, wo das elendeste aller Ghetti noch als Pranger der Geschichte sieh aufbewahrt hat, halten die on. Luzzatti, Barzilai usw. feurige Reden für „ihre" Nation, für die Grösse und Weltbedeutung Roms.0) „Iis sont plus italiens que les italiens meines'*___ Auf alle Gebiete des Gesamtlebens Italiens bat sich der Jude geworfen, an allen Fächern und" Betrieben nimmt er teil: er lenkt das Ruder des Staatsschiffes, leitet die öffentliche Meinung, unterrichtet und erzieht die Jugend und arb'eitet unermüdlich ad majorem gloriam Italiae. In dem verhältnismässig kurzen Zeitraum seit der Judenemanzipation haben sie solche verdienstvolle und ihrem Vaterlande zur Zierde gereichenden Söhne, wie es Lombroso, Loria, Luzzatti (Luigi, eigentlicIT Salomen)., Massarani, D'Ancona usf. sind, geliefert. Wenn nun edn Volk, ein dem Lande fremder StammT) sich nun so verschmilzt, dem Landvolke sich einverleibt, so w7äre die Erwartung natürlich, dass die vorherrschende Bevölkerungsmasse sie gänzlich verschlingen, unerkennbar machen werde. So war es der Fall mit allen Einwanderern in den meisten Kulturländern. So verschwanden die unter Friedrich dem Grossen nach Preussen eingewanderten Franzosen ganz unter den Deutschen, die Deutschen m Russland oder Amerika usw. unter den Wirtsvölkern. Aber die Physiognomie der jüdischen Hasse ist allzu eigenartig, allzu hervorstechend, als dass bei ihr so etwas zu befürchten wäre. Henry George, der berühmte amerikanische Nationalökonom, sagt in seinem ausgezeichneten Buche „Social Problems" in Bezug auf Amerika: „Wenn es in einem Lande allzu gut geht, wenn sich Kapitalien auf Kapitalien häufen, die Einwohnerzahl mit Riesenschritten zunimmt, so steht hinter dem Rücken das Schicksal des Polykrates, das neidische." Und diese Worte, wenn auch nicht vollständig wahr, wenn es sich um Amerika handelt, sind auf unseren Fall, das Leben und Weben der italienischen Juden, anwendbar. Während vor den russischen und rumänischen Juden das Problem mit drohender, fürchterlicher Haltung sich aufrichtet: „Wie und wo leben?", erhebt sich vor den italienischen ein anderes Problem, aber mit nicht minderer Dringlichkeit: „Sein oder nicht sein?". Befreit von allen Fesseln, die ihn an das traditionelle Judentum bänden, durchtränkt vom italienischen Dichten und Trachten, bleibt nichts für den modernen italienischen Juden, nichts, was ihn von der vollständigen Assimilierung abhielte, und der moderne italienische Jude hat für sein Judentum, keine „raison cPetre" mehr, und die italienische Judenschaft büsst allmählich ihre Besten Kräfte ein. Umsonst bemühen sich die 4) C. Lombroso: L'antisemitismo e le scienze moderne, Torino 1894. B) Eine Person aus einem florentinischen Lustspiele des 17. Jahrhunderts. °) Vgl. z. B. die Rede des on. Luzzatti bei der Viktor Hugo- Feier in Rom. * 7) Trotzdem die italienischen Juden sich als Lateiner reinen Geblüts ausgeben möchten,, wie es Chiidetti in seinem Buche „Pro Judaeis" behaupten will. Rabbiner Italiens, die Flamme des Glaubens wieder anzufachen. Die Zeit der religiösen Fragen jedoch ist vorüber; den Platz des Glaubens nehmen jetzt andere Ideale, rein menschliche, ein. Der alte Glaube weicht vor dem neuen. Es fehlte auch nicht an Versuchen, das Judentum mit der Wissenschaft zu versöhnen, es zu modernisieren; so trat schon S. D. Luzzatti mit seinem „Giudaismo Illustrato*\ E. Benamozegh mit seiner Religionsphilosophie hervor, aber ihre Versuche haben nicht viel gefruchtet, ihre Stimme blieb ein Ruf in der Wüste. Aber der jüdische Proteus, der jedesmal neue, manchmal bizarre, manchmal grossartige, aber immer lebensfähige, zeitgemässe Formen annimmt, er, der Phönix, der aus seiner eigenen Asche verjüngt aufersteht, erwacht nun unter einer anderen Gestalt, einer neuen modernen Form — der ethnischen. So ist es immer das Geschick der «faden; wenn sich schon einmal der Sturm der religiösen Kämpfe gelegt hat, wenn die Juden nach der kurzen, ihnen gegönnten Rast sich ganz im sicheren Hafen dünken, da wittern die sie beherbergenden Völker eine neue Gefahr, und sie beginnen, den Juden, die sich an sie schmiegen, laut die bittere Wahrheit zu verkünden, dass sie ein besonderer Stamm, von besonderer geistiger Anlage, von besonderen Neigungen und Idealen sind. Wenn die religiöse Frage aufhört, beginnt die ökonomische, entspringt die ethnische. In einem seiner Artikel (in der „Nuova Rassegua" 1893) schreibt der berühmte Soziologe und Hauptführer des italienischen Sozialismus, F e r r i , die folgenden schwerwiegenden Worte: „Wiewohl der sporadische, latente Antisemitismus überall in Europa zuhause ist, entbrennt der eigentliche wütende Antisemitismus nur in jenen Ländern, wo zwjei Parteien von ganz entgegengesetzter Richtung kämpfen, so in Deutschland, wo der Sozialismus vordringt, in Russland, wo es Nihilismus, und Oesterreich, wo es Nationalismus gibt. In jenen Ländern dagegen, wo der Sozialismus keine erobernden Schritte vorwärts macht, hat auch der Antisemitismus nicht um sich gegriffen, so z. B. in England, Italien und Spanien." Diese Worte des geistreichen italienischen Gelehrten scheinen anfangs ein Paradoxon zu sein: Wie? Der Sozialismus, der die Brüderlichkeit und Gerechtigkeit aus blosser Phrase in Fleisch und Blut verwandeln will, soll zum Antisemitismus führen! Aber wenn man sich die Sache genau ansieht, so ist der Ausspruch Ferris sehr wahr und tief begründet. Das Leben, die Geschichte ist die Vollziehung der Notwendigkeit, die von den Umständen, dem Kampf ums Dasein auferlegt ist; sie kennE keine Rücksichten, keine Sentimentalität. Eine Nation, eine Klasse, eine Gesellschaftsordnung wird unterstützt, gepflegt und verteidigt oder gehasst, vei folgt und enterbt, nicht nur aus blosser Sympathie oder Antipathie, nicht bloss aus religiösen, das heisst aus psychologischen Gründen, sondern vielmehr aus Motiven, die im innersten Verhältnisse zu dem ökonomisch-politischen Leben des gegebenen Volkes stehen, tief im Schosse der Volksgeschichte wurzeln, mit den stärksten, d. h. vor allem materiellen Volksbedürfnissen in engster Verbindung sind. Die Lage der Juden in den westeuropäischen Ländern ist aber gerade so gestaltet, durch ihr geschichtliches Leben so geformt worden, dass sie in dem ökonomischen Kampfe gerade bei der erwachenden Volksklasse des Proletariats und seiner Wortführer keine Sympathie finden können. Erläutern wir es am Beispiele eben des Landes, das zur gegebenen Stunde uns beschäftigt — Italiens. Die 38 000 Juden, die sieh in Italien befinden und welche fast ausschliesslich in Ober- und Mittelitalien wohnen, verteilen sich nach der Berechnung von Servi8) auf: Ackerbauer 0,7 pCt., Handwerker 4 pCt., Gutsbesitzer 5.6 pCt., Kultus 0,3 pCt., Freie Professionen 27,0 pCt., Beamte 120 pCt. (es gibt doch zusammen nur 100 pCt.), Bediente IG pCt, Militär etc. 13 pCt., Handel und Industrie 177 pCt. (Schluss folgt.) ) Vgl. auch Lombroso 1. c. cap. IX passim.