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Die Welt · 1902-09-12 · 37 (12.9.1902) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
37 (12.9.1902)
Article
Auf dem Friedhof
Date
1902-09-12
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 „Die # W*It" Nr. 37 Feuilleton. Auf dem Friedhof. Still blickt der Mond auf den guten Ort. Dort vor den weissen Steinen Und vor den schwärzlichen Hügeln dort Ertönt ein schmerzlich Weinen. Dort rasten mücT, bis zum Tod erschlafft, Viel Kinder, Mütter und Greise. Sind Juden, die auf der Wanderschaft, Nach Kanada geht die Reise. Der Weg ist hart und das Herz so bang, Der Hunger quält die Kleinen. Die ganze Gräberreih, entlang Ertönt ihr schmerzlich Weinen. Lind tröstend wiegt sie die Mutter ein: „Schlaf, Kind! Bald kommt der Morgen. Dann glänzt die Sonne, ihr froher Schein Sieht sicher uns und geborgen. Wir finden Brot und wir finden Ruh', Dann enden alle Sorgen. Wein' nicht und schliess' Deine Aeuglein zu, Schlaf, Kind! Bald, kommt der Morgen!14 Es schläft das Kind, und die Mutter sinnt: „O, dass der Tag erscheine!" Still zieht der Mond. Die Zeit verrinnt — Ernst winken die weissen Steine . . . Ernst Erdmann. . Das Schwert des Damokles. Eine Studie über das Leben der Juden in Italien. Von A. Coralnik (Florenz). Hei der trostlosen Lage", in der sieh die Juden der meisten Länder Europas befinden, ist es ein Lichtblick, auf die wenigen Länder hinzuschauen, wo die Sonne der Freiheit auch die Häupter der Juden bescheint, und das Leben für sie erträglich ist. Und diese Oasen in der düsteren, traurigen Wüste des Lebens des jüdischen Volkes sind in Europa, wie bekannt, England und Italien. Wenn man die jüdischen Organe der satten Kanal-Juden in die Hand nimmt, findet man in denselben die triumphierenden Mitteilungen von der Ernennung eines Juden, hier zum Regierungsrat und dort zum Kommcrzialrate und hinweisend auf diese Fortschritte rufen sie salbungsvoll aus: „Da sehet, der Antisemitismus wird" vorübergehen! Gibt es doch Länder, denen diese Krankheit fremd Ist!" Es ist wohl grausam, die Herren in ihrer rosigen Stimmung und ihren optimistischen Träumen zu stören, ihre süssen Illusionen zu vernichten, aber die Soziologie, wie die Anatomie kennt keine Gefühle, sie seziert kalt und rücksichtslos und forscht nach der harten, ungeschminkten Wahrheit. Und es ist doch Zeit auch bei der Besprechung der Judenlage und Judenfrage in diesem oder jenem Lande, sich nicht nach einigen äusseren Merkmalen zu richten, nicht mit oberflächlicher Beobachtung sich zu begnügen, sondern die Sache eindringlich und mit wissenschaftlicher Methode zu behandeln. Die neuesten Ereignisse in England, diesem vielgerühmten Hort der Freiheit, der Umschwung der öffentlichen Meinung zu Ungunsten der Juden sind ganz unzweideutig ein Fingerzeig, ein Vorbote einer vielleicht nicht besonders frohen Zukunft. In 11 a 1 i e n ist zwar noch" nichts Beunruhigendes* no<jh nichts Schreiendes an den Tag gekommen, aber ich will es versuchen, den Lebenserscheinungen im Schosse der italienischen Juden selbst uncT den Äusserungen der öffentlichen Meinung über sie nachzugehen und aus ihnen, sine ira et studio, die Schlüsse zu ziehen. Die italienischen Juden haben seit dem Anfange ihrer Geseilten te bis zur Mitte cles neunzehnten Jahrhunderts eine wahre Via crucis zurückgelegt. Mit Schmach und Elend ist ihre geschichtliche Bahn gebrandmarkt. Es ist überflüssig, die Leidensgeschichte der Juden in Italien zu wiederholen, da sie jedem gebildeten Leser durch das treffliche Buch von Dr. Berliner: „Geschichte der Juden in Rom" bekannt ist.1) In Rom, Venedig, Livorno, Ancona, Florenz usw. waren sie in den Mauern der schmutzigen Ghetti eingesperrt, mit übermässigen Abgaben belegt, von allen ehrlichen Beschäftigungen ausgeschlossen und nur auf den Wucher angewiesen. Noch jetzt, nach so vielen Jahren, haben sieh Ueberreste der Ghetti in Rom, Livorno und teilweise in Florenz erhalten. Diese dunkeln, schmutzigen Gassen und formlosen Gebäude, die in manchen Städten wie Rom und Livorno noch jetzt von Juden bewohnt sind, sprechen in ihrem. Schweigen von Jahrhunderten von Qualen, von Bächen von Tränen, von Schmach, von Verzweiflung ... Wucherei und Trödlerei — dies waren die einzigen jüdischen Erwerbszweige. „Ars judea est ars straziara." sagt eine päpstliche Bulle vom Jahre 1555. Das neunzehnte Jahrhundert brachte die Wiedergeburt Italiens, und unter dem allgemeinen Sturm und Drange, unter dem Hauch des neuen Lebens, das über Italien wehte, begann auch für die Juden das Licht der Freiheit zu leuchten. Am frühesten wurden sie im Piemontesischen Königreich emanzipiert durch den König Carlo Alberto aus dem Hanse Savoyen. Zur Zeit, als in der öffentlichen Meinung ein Umschwung zugunsten der Juden bemerkbar wurde, als man sich mit dem Plane herumtrug, die Dissidenten und Juden den übrigen Bürgern gleichzustellen, um in ihnen künftig dankbare Bundesgenossen und Mit- Iväitipfer im Freiheitskampf, den man schon witterte und zu dem mkn sich schon rüstete2), zu gewinnen, zogen einige der besten Schriftsteller Italiens ins Feld, um die Sache der Juden zu verfechten. Die bedeutendsten unter ihnen waren der Staatsmann und Schriftsteller Massimo D'Azoglio und der berühmte Freiheitskämpfer und Publizist Carlo Cattaneo. Der letztere sehrieb im Jahre 1S47 ein Buch „L'emancipazione degli Israeliti", worin er mit seltenem Scharfsinn und historischem WahrheitvSgefühl die jüdischen Fehler, die man ihnen damals zur Last legte, nämlich ihre unglückseligen Lebensbedingungen, aus ihrer historischen Stellung heraus erklärte. Er war der erste, der die Idee des berühmten englischen Nationalökonomien Mc. Culloch verfocht, dass die allgemein verbreitete Meinung vom Reichtum der Juden falsch ist.8) Und die Lehre Hieser Männer schlug durch. Eine alte böhmische Legende erzählt, dass nach dem Falle des Satans vom Bimmel Gott seine Körperteile unter die verschiedenen Nationen verteilte, womit er sozusagen ihren Charakter stempelte. In dieser Teilung sollten die Italiener das Herz des Satans bekommen haben, weshalb sie auch tückisch und trügerisch wären. Aber man muss es eingestehen, dass trotz des ererbten Satansherzens die Italicner ihre Versprechen nach allen Selten hin und den Juden gegenüber im besonderen viel treuer halten, als die braven Tschechen, die ihren panslavierenden, hussitierendon .».Mitbürgern mosaischer Konfession" die Scheiben einschlagen und liebreich Faustsehlgge verteilen. Die italienischen Juden wurden, vom Lichte der Freiheit geblendet, hingerissen. Voll Hingebung und glühender Begeisterung klingen die Worte des berühmten Rabbiners K. Benamozegh, die er im Jahre der Emanzipation, 1847, in Livorno seiner Gemeinde zurief: „In *) Vgl. auch Ett. Natali: II ghetto romano; Guido Carocci: II ghetto di Firenze 1884. Vgl. auch die meisterhafte Erzählung von Zangwill: „Joseph the Dreamer". 2) Vgl. av. Riguano: L'equaglianza civile etc. 3) Vgl. Carlo Cattaneo Scritti ed, ed in ed. Vol. I,

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