Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Article
- Die Juden in Kanada [Nachricht]
- Date
- 1902-09-12
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt*4 Nr. 87 W«l^©broi)ik. Die Juden in Kanada. In Kaiiada, wo es vor kaum einen Jahrzehnt nicht mehr als einige hundert Juden gab, wird deren Zahl gegenwärtig auf mehr als 16.000 geschätzt. Die Hauptstadt Montreal hat 8000 Juden, Toronto 3000, Winnipeg 2000. Besonders 'bemerkenswert ist das rege zionistische Leben im Lande. Keine noch so kleine Judengemeinde, die nicht auch ihren zionistischen Verein hätte und zumeist bildet die ganze Gemeinde den Verein. In Cap Breton und in Glace Bay sind die äussersten Vorposten jüdischer Ansiedlung, sie sind zugleich die glühendsten Adepten der Liebe und Sehnsucht zu Zion. Von der neuen Wasserleitung in Jerusalem. Der letzte Jahresbericht des englischen Konsuls in Jerusalem, Mr. Dickson, enthält einige interessante Einzelheiten über die Bewässerungsanlagen, die während des Jahres 1901 in Jerusalem ausgeführt wurden. Das Wasser wird bekanntlich jetzt in eisernen Röhren von einer Quelle nach der Stadt gebracht, die etwa 7 Meilen südlich von Jerusalem liegt und aus den Zeiten Salomos stammt.*) Die drohende Wassernot, die im vorigen Jahre zweifellos zu einer Katastrophe geführt hätte, wenn nicht die Eisenbahngesellschait schnell geholfen hätte, veranlasste die Stadtbehörden von Jerusalem, Vorsichtsmassregeln für ähnliche Fälle zu treffen, und so beschloss man, in Konstantinopel um die Erlaubnis zu bitten, einen Teil der Evkaf-Revenuen zu dem Zwecke verwenden zu dürfen, Jerusalem mit Wasser zu versehen. Das Gesuch wurde genehmigt und die Summe von 6000 Lstr. wurde für diesen Zweck bewilligt. Eine Kommission von Beamten in Jerusalem wurde dazu bestimmt, die Arbeiten zu überwachen, die von einem aus Konstantinopel entsandten Staatsingenieur ausgeführt wurden. Ein Teil des alten Aquädukt, der unter dem Namen Salomos Aquädukt bekannt ist, wurde an den Stellen benützt, wo er sich leicht reparieren liess, aber für den grössten Teil der Entfernung, beinahe 7 englische Meilen, wurden vierzöllige eiserne Röhren gebraucht. Die Lieferung derselben wurde nicht ausgeschrieben, aber der Konsul behauptet, dass die türkischen Behörden bei einer englischen Firma deswegen anfragten, die sich auch bereit erklärte, die fraglichen Röhren zu 4 25 Frcs. per Meter loko Jaffa zu liefern. Dieses Angebot sei aber zu spät gekommen, denn inzwischen habe ein in Jerusalem ansässiger Kaufmann mit den Behörden einen Vertrag geschlossen, wonach dieser die Röhren zu 4,90 Frcs. per Meter loko Antwerpen liefern sollte. Die Arbeit wurde dann schnell und ordentlich ausgeführt, wenn auch die Röhren vielleicht etwas zu übereilt gelegt wurden. Schliesslich konnte-am 27. November, dem Geburtstage des Sultans, das neue Werk feierlich eingeweiht werden. Es wurden in der Stadt zwei öffentliche Brunnen erbaut, einer bei der grossen Moschee und der andere ausserhalb der Mauern der Stadt. Der Zufluss des Wassers ist lange nicht genügend für eine so grosse Stadt, wie Jerusalem jetzt ist, aber trotzdem ist er eine grosse Hilfe für die ärmeren Klassen und jedenfalls wird er in Zeiten von Regenmangel eine Wassernot, wie sie im vorigen Jahre Jerusalem bedrohte, unmöglich machen. Zur Geschichte der Namengebung. In der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" stellt Professor Dr. G. Cohn bemerkenswerte Angaben zur Geschichte der Namengebung zusammen. Im frühen Mittelalter begnügte man sich in Deutschland wie im alten Griechenland (im Gegensatze zum alten Namenluxus) in der Regel mit einen einzigen Personennamen. Die Geschlechtsnamen kamen erst in der Zeit des Erblühens der Städte und zwar zuerst beim Stadtpatriziat auf, vermutlich unter dem Einflüsse byzantinischvenetianischer Sitte. Man fügte dem Namen der Person zur Unterscheidung den Beruf, eine Eigenschaft, das Amt, die Herkunft, den Namen des Vaters oder eines Besitztums oder auch einen Spottnamen bei, und diese Bezeichnungen wurden, obwohl die Kanzleien sie anfangs nur zögernd inihre Akten aufnahmen, mit der Zeit zum bleibenden und auf die Deszendenten in männiicher Linie übergehender Namensbestandteil. Urkundlich findet man sie zuerst im Laufe des 12. Jahrhunderts erwähnt. Ihren völligen Abschluss erreichte die Annahme von Geschlechtsnamen in Europa aber erst im 19. Jahrhundert bezüglich der Juden und zwar in Oesterreich 1787, in Frankreich 1808, in Hessen 1808 und 1812, in Preussen 1812 und 1845, in *) Vergl. „Die Welt", vom J. 1901, Nr. 33 „Eine Wasserleitung in Jerusalem". Bayern 1813. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden die [Neger nach dem Sezessionskriege (1863), in Algerien die Mohame daner durch ein Gesetz von 1882 zur Annahme von Geschlechtsnamen verpflichtet. Lustige Ecke. Am vergangenen Sonnabend erflehte der Prediger in der Synagoge Lützowstrasse (Berlin) den Segen für ein Kind, das den „Namen führen soll: Dinah, zu deutsch Santa Luci a". Der Prediger stockte, offensichtlich, weil ihm auf der Zunge ein anderer Name schwebte, nämlich Sancta Simpiicitas. Anregungen für den Nationalfonds. Es ergeht an alle Zionisten die Aufforderung, anlässlich der kommenden Feiertage statt der Versendung von Gratulationen Spenden für den R-F. zu leisten, deren Ausweis in der „Welt" (gratuliert Herrn . . „ ... allen Freunden) den Zweck, eine Aufmerksamkeit zu erzeigen, vollkommen erreichen dürfte. Wo Karten verschickt werden müssen, soll nicht verabsäumt werdenv,^ie mit einer entsprechenden Anzahl von Marken des - N*-F. zu bekleben. * Unserem geschätzten Gesinnungsgenossen Herrn J. Konstantinowsky in Odessa ist es mit Hilfe unseres bewährten Vorkämpfers Dr. F. Awinowitzky und zahlreicher Freunde gelungen, in genannter Stadt für seine Person allein über 6000 Aktien unserer Bank zu verkaufen, wofür ihm nach Abführung der Summe Herr Direktor S. Barbasch seine Anerkennung ausdrückte. Nach Schaffung des Nationalfonds arbeitet Herr Konstantinowsky mit Aufopferung auch für diesen und hat im Bestreben,' dem Fonds Mittel zuzuführen, eine Rundfrage an die von ihm gewonnenen Aktionäre gerichtet, ob sie nicht die Dividende ihrer Aktien für die ersten fünf Jahre dem Nationalfonds zuweisen möchten. Reich und Arm beeilten sich opferwillig, diesem Wege zur Förderung der Ziele unseres Volkes beizustimmen. Herr Konstantinowsky glaubt, wie er in einer Zuschrift an uns bemerkt, dass diese Massregel leicht überall durchdringen kann und schlägt sie sämtlichen Zionisten vor. (Wir bemerken hierzu, dass dieser Vorschlag von der letzten Zionistenkonferenz in Lodz zum Beschlüsse erhoben wurde. D. Red.) * Infolge der Anregung in der „Welt" zur Sammlung von unbenutzten Erlagscheinen der Postsparkasse zugunsten des Jüdischen Nationalfonds beschloss der „Allgemeine jüdische Arbeiterverein in Wien", dies durchzuführen und ersucht die P. T. Gesinnungsgenossen, die unbenützten Erlagscheine der Postsparkassen anFräuleinClaraS ch apiro, Wien, IL, Grosse Schiff^asse 11, zu senden. ^>i*ibut)e* P. T. Der Arbeits-Ausschuss ersucht die Kolleginnen und Kollegen, die sich zur Teilnahme an dem Internationalen Studenten-Kongresse in Budapest gemeldet haben, Folgendes zur Kenntnis zu nehmen: Die Kolleginnen und Kollegen, welchen das Geld bis jetzt nicht retourniert wurde, haben sich als Mitglieder der „CordaFratres" zu betrachten und werden Ihnen nächstens Legitimationskarte und Abzeichen zugeschickt werden. Ueber die Ursache der Absage des Kongresses wird die Kolleginnen und Kollegen ein Artikel, der nächste Woche in der „Welt" erscheinen wird, aufklären. Mit Zionsgruss Wien. Der Arbeits-Aussch uss. Die Parteiblätfcer werden höflichst um Nachdruck der obigen Mitteilung ersucht. .* P. T. Vereine und Gesinnnngsgenossen! Achtung! Soeben erschien im Verlage des „Jüdischen Vereines jugendlicher Arbeiter" in Wien die angekündigte Liedersammlung Nr. I. Dieselbe enthält drei beliebte Nationallieder sowie ein Verzeichnis empfehlenswerter jüdischer