Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Article
- Aus Rumänien
- Date
- 1902-09-12
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 „Die & Wel^* Seite 7 täten in der Mehrzahl nur an einem Haare noch mit dem Judentum verbunden sind, zumeist auch schon getaufte Kinder oder Enkel haben, so würden sie den armen, brotlos gewordenen und werdenden Handwerkern wenig nützen, wenn es auch anders wäre und die wenigen „Glücklichen8, denen das Kulturland Rumänien seine Ebenbürtigkeitspforten öffnet, in innigem Kontakt mit ihren Brüdern wären. Und gewisse jüdische Blätter schreiben schon (wörtlich) : „Es scheint endlich in Rumänien eine Wendung zum Besseren anzubrechen!" # In Bottuschani wütete vor kurzer Zeit ein Brand, der 90 jüdische Familien an den Bettelstab brachte. Man sollte doch glaubet), dass vor einem solchen Unglück der Fanatismus des Judenhasses Halt macht. Nichts weniger als das! In Bottuschani fand zugunsten der Abbrändler ein Volksfest statt. Da erliessen die Antisemiten folgendes öffentliche Manifest : „Rumänen! In Erwägung der Undankbarkeit, mit welcher dieses Volk eure humanitären Bestrebungen stets gelohnt hat; in Erwägung, dass es den Juden niemals eingefallen wäre, wenn ein solches Elementar er ei gnis lediglich Rumänen betroffen hätte, ihnen Hilfe zu leisten; in Erwägung, dass unter diesen £0 Abgebrannten nur drei Rumänen sind und unter diesen nur ein einziger Grundbesitzer ist; in Erwägung, dass sie selbst die Brandstifter (!!) und die Ursache ihres Unglückes sind; verdienen sie kein Mitleid, und mit Entrüstung protestieren wir gegen den unpatriotischen Vorgang, rumänische Feste in Gesellschaft der unseier Nationalität feindlichsten Elemente zu veranstalten. Wir sprechen den Rumänen in unserer Mitte, welche diejenigen ermuntern, die uns bestehlen und uns vor dem Auslände blossstellen, unsere Verachtung aus. Wir warnen jeden Rumänen davor, tatsächlich oder auch nur in Gedanken an einer solchen Erniedrigung teilzunehmen. Unsere Missbilligung und unsere verdiente Verachtung sprechen wir denjenigen aus, die sich für die Brüderlichkeit zwischen Rumänen und Juden erklären. Bottuschani, den 18. August. Die Studenten und Nationalisten." Wer den Einfluss und den Terrorismus der rumänischen antisemititischen Gesellschaften kennt, wird begreifen, dass diese Kundgebung ihre Wirkung nicht verfehlte. Der Vorgang illustriert am besten die Behauptung in einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung*, dass das rumänische Volk keine Judenfeindschaft kenne. Basel. Die hiesige jüdische Gemeinde sandte ein Schreiben an die „Comp, generale transatlantique", worin auf die Unmöglichkeit hingewiesen wird,bei Mehrung der mittellos hier durchreisenden rumänischen Juden aus den verfügbaren Mitteln der jüdischen Gemeinde den Bedürftigen die nötige Unterstützung angedeihen zu lassen. In diesem Schreiben wird die „C. G. T" gebeten, ihre Agenten in Wien anzuweisen, dass sie nicht direkte Billette Wien— Havre—New-York abgeben sollen, ohne um die Verpflegung dieser Auswanderer auf der langen Strecke Wien—Havre besorgt zu sein. Auch dieser Tage belagerten wieder zirka 250 Personen die Räumlichkeiten der Post am alten Centraibahnhof und die Bedürftigen erhalten Unterstützung in Naturalverpflegung, Kleiderund Geld; das jüdische Hilfskomitee bezeigt einen ehrenden Opfersinn für seine unglücklichen Stammesgenossen. # Amerikanischer Antisemitismus. Die „Kölnische Zeitung" schreibt in ihrer Nummer vom 31. August unter obiger Spitzmarke: „New-York. Die amerikanischen Zeitungen rühmen gern, dass in ihrem Lande Judenverfolgungen unmöglich seien. Man braucht aber nicht lange in Amerika zu sein, um wahrzunehmen, dass die Juden hier, ebenso Grund zur Klage wegen gesellschaftlicher und sozialer Ausschliessung und auch wegen unfreundlicher Volksstimrnung im allgemeinen haben, wie irgendwo sonst. In New-York hat schon mehr als ein Gasthofbesitzer schwere Verluste erlitten, weil ihm jüdische Kundschaft die anderen Gäste vertrieb. Vor einigen Jahren schrieb Simon Wolf, selber ein begeisterter Jude, geboren in Hinzweiler, vor 20 Jahren Gesandter am egyptischen Hofe, ein Leben des Kommodore Urian P. Levy, worin mit bewegten Worten die Gehässigkeiten geschildert werden, die jener Flottenoffizier auf Schritt und Tritt erfuhr. Die Ausschreitungen, zu denen es kürzlich bei der Begräbnisfeier des Oberrabbiners J o s e p h in New-York kam, haben daher niemand überrascht; auch aus Jersey City wird zum Beispiel berichtet, dass sich die Bevölkerung, namentlich die Jugend, fortgesetzt an den Juden reibe. Wie in anderen Ländern, haben in den Vereinigten Staaten die Juden in den letzten 20 Jahren das Kleider- und Modegeschäft in ihre Hand bekommen; die grossen Warenhäuser sind fast durchgehen ds in jüdischem Besitze. Das Witzblatt „Puck" brachte einmal ein New-Yorker Strassenbild, auf dem alle Ladenschilder die bekannten deutsch-jüdischen Namen trugen, bis auf einen einsamen John Smith, der hoch oben vom 25. Stocke eines Wolkenkratzers sein Schild aushängte, nach dem die Neugierigen mit Fernrohren blickten. Auch Rechtsanwälte und Aerzte beklagen sich häufig über das Eindringen der Juden in ihre Berufe. i)eFsoi)a1i)acb?icbtei)* Dienstag den 14. Elul (16. September) findet im „Hotel Braunschweig" in Bad Homburg v. d. Höhe die Trauung des Herin David L. Wolffsohn, Neffen des Herrn Bankdirekfcors W o lf f s o hn, mit unserer geschätzten Gesinnungsgenossin Frl. Jenny Wölpe, Tochter unseres werten Freundes Herrn Jonas Wolp e (Frankfurt a. M.), statt. In Baltimore, Nordamerika, ist Dienstag den 26. August Prof. Dr. Aaron Friedenwald im Alter von 66 Jahren gestorben. Alle Blätter der Stadt widmen dem Verstorbenen als einem der bedeutendsten Mitbürger ehrenvolle Nachrufe, und das Leichenbegängnis gab Zeugnis von der hohen Achtung, die der Verstorbene unter Nicht-Juden und Juden genoss. Ganz besonders aber betrauern die Juden diesen Verlust. Dr. Friedenwald war im Jahre 1836 in Baltimore geboren, erwarb in dieser Stadt den Grad eines Medicinae-Doctors und war an der medizinischen Schule seiner Vaterstadt seit 1873 als Lehrer der Augenheilkunde tätig. Den lebhaftesten Anteil nahm er an allen jüdischen Angelegenheiten seiner Heimat und war Vorstand oder Ausschussmitglied der meisten jüdischen Vereine und Gesellschaften. Mit Feuereifer bekannte er sich als Zionist, und als solcher bekundete er allen jüdischen Brüdern ohne Unterschied der Abkunft die treueste Liebe, und nahm sich insbesonders der armen Einwanderer stets aufs lebhafteste an. Und seiner Intervention haben die Einwanderer die Erzielung einer wichtigen Vergünstigung zu verdanken: In dem neuen Gesetze, welches die Einwanderung weiter beschränken soll, ist als Mittel hiezu die sogenannte Bildungsprobe vorgeschlagen, die darin besteht, dass der Einwanderer zehn Zeilen der amerikanischen Konstitution in irgend einer Sprache lesen können muss. Dr. Friedenwald erkannte, welche Gefahr es für die jüdischen Einwanderer sei, dass in dem Verzeichnis der Sprachen, in der diese Bildungsprobe stattfinden dürfe, Hebräisch und Jagon fehlten, und setzte mit Hilfe von befreundeten Senatoren und Kongressmännern die Aufnahme dieser zwei Sprachen ins Verzeichnis durch. Die Zioniston von Baltimore beschlossen, den Namen Prof. Dr.F r i e d e nwaldsins „goldene Buch" des Nationalfonds eintragen zu lassen.