Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 37 (12.9.1902)
- Article
- Die Juden in New-York
- Date
- 1902-09-12
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315997-3324574--34603-3324694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 „Die # WeitP Nr. ^37 ergibt sich als Totale der in New-York lebenden Juden 609.958. Eine weitere Bestätigung erhalten diese Ermittlungen durch die Angaben, welche die Ortsansässigen von New- York bei der Volkszählung von 1900 über ihre „Nationalität" resp. Herkunft gemacht haben. Nimmt man an, dass von denjenigen, die in Russland geboren sind oder von russischen Eltern abstammen, S0°/0 Juden sind (wir glauben, dass diese Perzentuation eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist) so ergibt sich als Zahl der russischen Juden in New-York 396.605; nimmt man ferner von den Oesterreichern 70% als Juden an, von den Deutschen 6%, von den Engländern 30/0> so ergibt sich: österreichische Juden 128.346, deutsche Juden 66.144, englische Juden 6279. Fügt man das Totale der „Rumänen" hinzu, so bekommt man die Gesamtziffer von 607.843, ohne Inbetrachtziehung der Einwanderung und der natürlichen Zunahme seit 1900. Aus allen diesen Berechnungen ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, dass die Zahl der Juden in New-York 600.000 übersteigen muss oder 16*5°/o der Gesamtbevölkerung von Greater New-York ausmacht. Davon wohnen */a Million auf Manhattan Island, wo sie 27% der Bevölkerung ausmachen, das heisst jeder vierte Mensch ist dortselbst ein Jude. New-York ist somit die grösste Judengemeinde der Welt und zählt Vj2 mal so viel Juden als ganz Rumänien. *#* * Durchschnittsvermögen der jüdischen Einwanderer in Amerika. Dem offiziellen Berichte des amerikanischen Einwanderungs- Inspektors entnehmen wir die kennzeichnende Tatsache, dass unter allen in Nordamerika Einwandernden die Juden am wenigsten Geld mitbringen. Pro Kopf wiesen auf: die die Engländer 32-64 Dollars, die Deutschen 31.14, Franzosen 39.37, Spanier 30.23, Norditaliener 23.52, Süditaliener 8.67 und die Juden nur 6.58 Dollars. Theater in New-York. Während der kommenden Saison wird es in New-York vier jüdische Theater geben. Eines davon, in der Grand Street, wird erst jetzt zum erstenmale neu eröffnet, während die drei anderen schon früher dem gleichen Zwecke mit einem Fassungsraum für 1000 Personen dienten. Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Wilna. Die jüngst bekanntgewordenen Tatsachen über die erschreckende Armut der Juden in Wilna scheinen auch auf die russischen Behörden der Stadt einen deprimierenden Eindruck gemacht zu haben. Der Wilnaer Polizei meister Bogdanow besucht persönlich die industriellen Etablissements der Stadt* um für die hungernden Juden Arbeit zu suchen. Er erklärte sich sogar bereit, Juden als Arbeiter für städtische Arbeiten zu verwenden. Aber alle diese Massnahmen erweisen sich erfolglos. Die Armut nahm einen solchen Umfang an, dass die gottesfürchtigen Juden ihre „TalIis"1 und ..Tefilin" um einen Spottpreis verkaufen. Noch mehr, der Brotmarkt von Wilna bot unlängst ein Bild höchster Verzweiflung. Hunderte von hungernden jüdischen Handwerkern stürzten sich auf die Brotläden und nahmen den Vorrat an Brot zu sich, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vor dem Untersuchungsrichter erklärten die Brotverkäufer, das Brot den jüdischen Arbeitern geschenkt zu haben; so sehr waren sie von der Verzweiflung der Juden erschüttert, dass sie den Mut nicht fanden, gegen diese Unglücklichen auszusagen. Von den 11623 Handwerkern., welche in Wilna vorhanden sind, sind drei Viertel Juden und sie alle hungern jetzt buchstäblich. Die Zahl der Handwerker im ganzen Gouvernement Wilna beträgt 33767, darunter 22510 Juden, die nicht wissen, womit sie den nächsten Tag werden überleben können. Nicht geringe Schuld an dem Unglücke der jüdischen Handwerker trifft die polnischen Magnaten von Wilna, welche Hand werker-Verbände bilden, um die jüdischen Handwerker zu verdrängen. Der polnische Magnat Montvillo ist der eifrigste unter diesen Herren, welche sieh die Verdrängung der jüdischen Handwerker zur Aufgabe gemacht haben. Auch bei der Eisenbahn werden die jüdischen Arbeiter nicht beschäftigt, so dass die ganze Masse der hungernden Juden von Wilna einer schrecklichen Zukunft entgegengeht. « L i h a u. Am 16. August sind aus Libau 170 jüdische Atiswanderer aus dem Gouvernement Grodno nach den argentinischen Kolonien der „Ica" abgereist. Diese Auswanderer bilden nur einen Teil der von dem Kolonisten Kazowitsch zusammengestellten Auswanderer-Partie, welche demnächst ebenfalls nach Argentinien geht. Der Einschiffung wohnte das Mitglied des Zentralkomitees der „Ica", Dr. Feinberg, bei. * Odessa. Das Odessaer Komitee der Gesellschaft izur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina hat seine Generalversammlung für die nächste Zukunft anberaumt. Dieser Versammlung wird der Bericht über die Tätigkeit des Komitees in den letzten drei Jahren, sowie der Bechenschaftsbericht des Agronomen Ettinger über die ökonomische Lage der jüdischen Kolonien in Syrien und Palästina unterbreitet werden. * Charkow. Die Zeitschrift „Donskaja Ketsch" schildert die tragischen Geschicke eines jüdischen Jünglings, der dreimal Aufnahmsprüfungen in die Realschule am Don glänzend bestanden hat und dennoch nicht aufgenommen wurde, weil die bekannte Perzentnorm an den Mittelschulen die Aufnahme unmöglich machte. Da nach den geltenden Bestimmungen Reflektanten zu den Aufnahmsprüfungen nur dreimal zugelassen werden können, so hat der Vater des oberwähnten jüdischen Reflektanten den Kurator des Charkower Lehrbazirkes ersucht,, seinem Sohne die Ablegung der Aufnahmsprüfungen zum viertenmale zu gestatten. Der Kurator gab diesem Gesuche Folge, ohne jedoch die Aufnahme des Betreffenden in die Realschule zu bewilligen.. Der Judenknajbe wird auch diesmal die Prüfungen glänzend bestehen, wird aber doch über Bord geworfen werden. * Ljwowo JGouvernement Cherson). Die diesjährige Ernte in der jüdischen Ackerbau-Kolonie Ljwowo ist, wie der „Woskhod" meldet, nicht gut ausgefallen. Der Weizen ist fast vollständig vom Käfer vernichtet worden. Ausserdem bietet die Liquidation der Ernte grosse Schwierigkeiten aus Mangel an landwirtschaftlichen Gerätschaften., unter dem die jüdischen Kolonisten leiden. Da die Kolonisten infolge der Missernten der letzten fünf Jahre bedeutend verschuldet sind, so dürften sie diesmal ohne ausgiebige Unterstützung kaum auskommen können. * Taurien (Gouvernementsstadt). Der Gouverneur von Taurieh hat vor wenigen Tagen, wie die „Odesskija Nowosti" melden, ein Zirkular erlassen, das in mancher Hinsicht sehr bemerkenswert ist. In diesem Zirkular spricht sich der Gouverneur gegen die ausnahmslose Ausweisung der Juden aus den Dörfern des ihm unterstehenden Gouvernements aus; er ist auch ehrlich" genug, um gleichzeitig zu erklären, dass die christliche Bevölkerung unter diesen Ausweisungen stark leidet, daher müssten im Interesse der Christen diese Ausweisungen einigermassen gemildert werden. Dieses interessante Aktenstück lautet unter anderem: ,,Aus den Akten der Gouvernementsverwaltung sowie aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Polizeibeamten des mir unterstehenden Gouvernements bedingungslos alle Juden ausweisen, welche zum zeitweiligen Aufenthalte in den Dörfern des Gebietes eintreffen, ohne den Anlass zu erwägen, welcher den betreffenden Juden in dieses oder jenes Dorf geführt hat. Eine solche Praxis, die Freiheit der Juden beengend, berührt gleichzeitig die ökonomischen Interessen der nicht jüdischen Bevölkerung des Gouvernements, weil ihr dadurch die Möglichkeit genommen wird, die speziellen Kenntnisse der Juden auszunützen oder Handelsbeziehungen mit jüdischen Kaufleuten anzuknüpfen. In Berücksiehtfgung dieser Umstände ersuche ich die Polizeichefs, künftighin jeden Fall der Ankunft eines Juden auf dem flachen Lande genauer Erwägung zu unterziehen, hauptsächlich den Zweck des Erscheinens des Juden im betreffenden Orte klarzustellen, keinesfalls aber den Polizeibeamten zu gestatten, in solchen Fragen ak^iv einzugreifen. Zweifelhafte Fälle sollen der Begutachtung der oberen Behörde unterbreitet werden/* Aus Rumänien. Der rumänischen Regierung sind die Augen aufgegangen. Sie ist pndlich darauf gekommen, wie man es zu machen hat. um den Finanz-Juden Sand in die Augen zn streuen, um das Odium der Judenverfolgung von sich weisen zu können, ohne die Judenverfolgung selbst irgendwie aufzugeben. Sie will das Beispiel der westeuropäischen Staaten nachmachen. Dort kann der gewöhnliche Jude nicht den geringsten Posten erlangen, aber man ernennt ein oder zwei Herrenhausmitglieder. Man haut die Juden und verleiht als Pflaster einem Rabbiner einen Orden u. s. w. Die rumänische Regierung will einigen hundert * jüdischen Notabilitäten* die Naturalisation gewähren und um ihre volle Objektivität zu zeigen, ernennt sie einen Juden in Paris. Mr. Leopold Louis Dreyfus, zum rumänischen General- Konsul in dieser Stadt. Obzwar diese jüdischen Notabiü-