Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-09-12 · 37 (12.9.1902) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
37 (12.9.1902)
Article
Der Zionismus in Süd-Amerika
Date
1902-09-12
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315997-3324572--34597-3324692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Die # Welt" Nr. 37 veröffentlicht. Seine jüngste Reiseskizze ist dem Zionismus in Süd-Amerika und dessen Führer gewidmet. Dieser Führer des Zionismus in Süd-Amerika war bisher nur als Grossindustrieller und Besitzer einer grossen Fabrik von Druckmaschinen bekannt. Noch mehr, niemand hatte bis jetzt gewusst, dass dieser reiche und feingebildete Jurist Jude ist. Gegenwärtig aber ist der Name des Doktor O s t w a 1 d, des Hauptes der Zionisten Süd-Amerikas, in ganz Argentinien sehr populär. Die argentinischen Blätter, sogar die Monatsschriften, widmen ihm Artikel und spenden der von Dr. O s t w a 1 d vertretenen zionistischen Sache rückhaltloses Lob. Einer der hervorragendsten Rechtsgelehrten Argentiniens, der argentinische Bluntschli-Senator Dr. Cevallos, hat in der Monatsschrift „Revista de derecho, Historia y Letras" („Rundschau für Recht, Geschichte und Literatur") dem Zionismus und Dr. Ostwald einen längeren Aufsatz gewidmet, der umsomehr beachtenswert ist, als Senator C a v a 11 o s ein blutreiner Spanier, ein direkter Nachkomme des heiligen Torquemada ist. In diesem Aufsatze schreibt Senator Cevallos unter anderem : „Die zionistische Bewegung, welche gegen Ende des abgelaufenen Jahrhunderts entstanden ist, bedeutet einen grossen Fortschritt . . . Die Juden sind der Fortschritt. Ich habe das gesehen und empfunden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Ich kann behaupten, dass solche Städte wie Cincinnati, St. Louis. Chicago u. a. der jüdischen Hände Arbeit, das Resultat der Energie, der Kenntnisse und des Kapitals der Juden sind. Die mir völlig sympathische zionistische Idee hat in Argentinien tiefe Wurzel geschlagen. Die argentinische Republik, deren Handel und Fortschritt den Juden mehr verdanken, als man gewöhnlich annimmt, hat sich mit besonderem Eifer der zionistischen Bewegung angeschlossen (seha ineroporado con vigor). Alle Juden der Republik haben sich unter der Fahne des Zionismus vereinigt, sie bilden jetzt eine imposante Macht unter einer Leitung. Dieser Erfolg ist erzielt worden durch die Bemühungen eines Grossindustriellen, des Chefs einer berühmten Handelsfirma, des Eigentümers der reichsten Bibliothek wissenschaftlicher und philosophischer Werke in ganz Südamerika, des Dr. Ostwald." Wir werden später noch Gelegenheit haben, auf den bemerkenswerten Aufsatz des Senators Cevallos zurückzukommen. Wir wollen zuerst die Tätigkeit des Dr. Ostwald näher beleuchten, weil sie tatsächlich eine beachtenswerte Erscheinung in dem Entwicklungsgange des Zionismus bildet. Dr. Ostwald, von der Idee des Zionismus völlig hingerissen, hat in Argentinien einen Zentral-Verein „Sion* geschaffen, dessen Vorsitzender er ist. Dieser Verein, dem unzählige Zweigvereine im ganzen Lande unterstehen, leitet die zionistische Bewegung in Südamerika mit grosser Umsicht und Energie. Aus einer Agitationsrede des Dr. O s t w a 1 d sei hier folgendes wiedergegeben : „Wenn ich auch nicht von jüdischen Eltern abstammen würde, auch dann hätte ich mich den Schwachen angeschlossen, um ihre Interessen zu verteidigen. Ich verspreche, immer und überall alles zugunsten meiner Brüder zu tun. Meine Haltung kann nur solche Juden befremden, welche alle Mittel anwenden, um als Nichtjuden zu erscheinen. Ich kenne einen Caballero, einen blutreinen Juden, der seinen Gästen aus der hohen Gesellschaft das Bild seines „Onkels" in erzbischöflicher Tracht zeigt, damit man glaube, dass auch er, der Hausherr, ein Katholik pur sang sei. Die Ursache dieser verabscheuungswürdigen Aufführung ist der Mangel an einem nationalen oder politischen Ideal. Die Juden, welche sich mit ihren [anderen Mitbürgern zu assimilieren suchen, finden niemals das Gesuchte. Es genügt nicht, bloss zu wünschen, dass man denke und empfinde, wie die Vertreter anderer Nationen denken und empfinden. Gefühl und Ideen leben im Blute der Rasse. Und wer sich bemüht, fremde Ideen und Gefühle sich anzueignen, der verurteilt sich zu einer lächerlichen und widrigen Rolle während seines ganzen Lebens, . .Jetzt aber eint und vereinigt uns alle der Zionismus. Als ich zum erstenmal von dem Zionismus hörte, erschien er mir als eine Utopie. Jetzt bin ich in diese Idee verliebt (enamorado), weil sie völlig verwirklichbar ist, sie steht im Buche der Zukunft der Völker. Diese Idee ist deshalb eine Notwendigkeit, weil Zivilisation und Fortschritt mit Riesenschritten vorwärts gehen, und können nicht zulassen, dass sieben Millionen Juden fortfahren sollen, das elende Dasein von Parias unter den anderen Völkern, ohne politisches Ideal, ohne eigenen Platz auf der Erde, zu fristen. Senator Cevallos hat dieser Rede des Zionistenführers in Süd- Amerika einen Artikel gewidmet, in welchem er den Zionismus als die einzig mögliche Lösung der sogenannten Judenfrage bezeichnet. Er sagt unter anderem: Die von Dr. Ostwald so klar und deutlich ausgesprochenen Ideen sind der Aufruf zugunsten derer, welche die Zierde der Nationen bilden und dennoch an fremden Tischen höchstens nur geduldet werden. Die Hoffnungen der Zionisten werden sich früher oder später verwirklichen, jetzt muss fleissig gearbeitet werden, um der Zukunft den Weg zu ebnen." Das Interessante dabei ist, dass Senator Cevallos selbst für den Zionismus arbeitet und alles tut, um die Idee des Zionismus zu verbreiten. Er erklärte erst unlängst, der Tag der Verwirklichung des Zionismus würde einen der grössten Triumphe der Menschheit bilden. Vereint und zielbewusst geleitet, bereitet sich der Zionismus in Süd- Amerika mit grosser Schnelligkeit aus, ein Beweis mehr dafür, dass er in sich die einzige Heilkraft gegen das Judenelend birgt. Gh Ankauf Palästinas. (Ein Vorschlag von christlicher Seite.) .,lVarsons Magazine*' bringt in seiner September-Nummer unter dem Titel: „Ein neues Plaidoyer für einen K reuz z u g, der aber mit Geld statt mit Waffen g e f ü 1) r t werden s o 1 Y( folgenden Artikel Von Arthur S m cdiey-Gree n e." „Wie widerspruchsvoll ist es, dass das heilige Land, in dem Christus geboren worden ist, wo er lebte und starb', unter der Kontrolle eines arglistigen, abergläubischen und barbarischen Volkes sich befindet! Das ist eine traurige Tatsache, ungeachtet dessen, dass wir dem Christentum' den reichen Segen unserer gegenwärtigen Zivilisation, des Fortsehrittes und der Erleuchtung verdanken. Unter dem blauen orientalischen Himmel gelegen, mit einer rühmenswerten Ueppigkeit des Baumwuchses ausgestattet, reich , an köstlichen Früchten und herrlichen Blumen, und im Ueberfluss gesegnet mit reichen natürlichen Hilfsquellen, ist Palästina augenscheinlich von Natur aus bestimmt, das Paradies der Welt zu sein. Was aber ist heute Palästina? Ein durch mohamedanische Misswirtschaft verwüstetes Land; ein Land von Vagabunden und Bettlern, welche die Reisenden und Pilger ausrauben; ein Land mit schlechten Wegen und schmutzigen, ungeschotterten Strassen, welche einem Reisenden alle Gefühle und Stimmungen ausbeuteln, bevor er eine Meile weit geritten ist. Was den breitesten Platz haben sollte, ist der Schauplatz der traurigsten Entweihung. Wie lange noch will das Christentum zugeben, dass dieses prächtige Land unter dem vernichtenden Einfluss einer der Christenheit aggressiv feindlichen Macht bleiben soll? Es ist wahr, dass seit dem Mittelalter von den Christen manche Versuche gemacht worden, sind, das heilige Land ans den Händen der Räuber mit Gewalt zu entreissen, aber sie alle sind misslungen, weil Eroberung doch nur Diebstahl im weiteren Masse, und daher nicht im Einklänge ist mit den Grundsätzen des Christentums. Mein Vorschlag geht nun dahin, einen neuen Kreuzzug zu beginnen, der in Uebereinstimmung ist mit Christi Lehren und dem modernen Rechtsgefülüe. Es muss ein Kreuzzug mit Hilfe von Geldmitteln sein, welche von den christlichen Völkern der ganzen Welt zum Zwecke des Ankaufes des heiligen Landes befgesteuert werden sollen. Eine Vereinigung christlicher Männer und [Frauen ohne Unterschied des Glaubens und Dogmas, die sich zu diesem Zwecke

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.