Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Article
- Zionistische Versammlung in Kapstadt in Sachen der rumänischen Juden
- Date
- 1902-09-05
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die Welt" Nr. 36 binowitz zu kondolieren, der stets an der rumänisch.-jüdischen Frage eifrigen Anteil nahm. Als Cecil Rhodes 1890 Premierminister und Merriman Chef des Sehatzamtes waren, verwendete sieh der Verstorbene bei der Regierung, um den rumänischen Juden eine Zuflucht in Mashoualand zu verschaffen. Darauf erwiderte Merriman, da-ss Rhodes den Plan begünstigen werde, wenn ein ausgearbeiteter Vorsehlag vorgelegt würde. Die englisch-jüdischen Behörden versäumten das zu tun und eine grossartige Gelegenheit, ein sicheres Land zur Ansiedelung der Verstossenen zu erhalten, war verloren. Herr D. Goldblatt unterstützte die Sympathiekundgebung an die Familie Eabinowitsch mit der Bemerkung, dass der Rabbiner stets mit seinem ganzen grossen Ansehen für das jüdische Volk eintrat. Die Beileidskundgebung wurde beschlossen. Der Vorsitzende schritt hierauf zur Verhandlung über das Hauptthema. Er konstatierte, dass jeder Jude mit Vergnügen die Nachricht gelesen habe, dass Viscount Cranborne, Sekretär des Ministeriums des Aeussern, im englischen Unterhause erklärte, die englische Regierung hätte die rumänische zur Erfüllung des § 44 des Berliner Vertrages ermahnt. Dieser Paragraph lautet: „Es darf bei niemandem der Glaube Grund des Ausschlusses sein von den bürgerlichen Rechten, von der Zulassung zu öffentlichen Diensten und Aemtern, von der Ausübung der verschiedenen Berufs- und Erwerbszweige, an welchen Orten immer es sei." Die Versammlung drückte der englischen Regierung unter starkem Beifall den Dank aus. Weiters führte der Vorsitzende aus: Gleich nach dem Zustandekommen des Berliner Vertrages, auf dem die bürgerliche Gleichstellung der Juden auf dem Balkan durch die Bemühungen Sir Moses Montefiores erreicht wurde, erklärte die rumänische Regierung, die fünf Prozent Juden im Lande, die seit alten Zeiten darin wohnten, als Fremdlinge. Sie mussten zwar Geld- und Blutsteuer zahlen, konnten aber keine Bürgerrechte erlangen. Gegen Fremdlinge aber hielt sich die Regierung zu nichts verpflichtet und Hess ihrem Hass freien Lauf, vertrieb die Juden vom flachen Lande und brachte sie um jeden Erwerb. In 25 Jahren nahm sie von den durch Steuern ausgepressten Juden nur 80 (!) in den Staatsverband auf. Diesem Vorgehen gegenüber schlägt der Vorsitzende folgende Resolution vor: „Die heutige Versammlung von Juden aus Kapstadt und Umgebung drückt der königlich englischen Regierung ihren tiefsten Dank für ihr edles Vorgehen aus, den rumänischen Juden ihre Rechte nach dem Berliner Vertrag sichern zu wollen. Zugleich versichert die Versammlung der Regierung, sie immer und überall, wo es nötig ist, tatkräftig unterstützen zu wollen." Diese Resolution wird von H. Goldblatt unterstützt. Herr J. B, Shaksnovits führt aus, dass die Geschichte Englands für die jüdische Rasse seit dem Regierungsantritt der verstorbenen Königin (Beifall) niemals Bedrängnis zu verzeichnen hatte und die Juden hoffen zuversichtlich, Se. Majestät der König werde dem Beispiel seiner edlen Mutter folgen. (Beifall.) Herr Stern sagt u. a.: England, seit jeher der Hort der Freiheit für unterdrückte Völker, wird gewiss in seinen Bemühungen für unsere unglücklichen Brüder nicht erlahmen. Nach einstimmiger Annahme der Resolution schlägt der Vorsitzende die Bildung eines Hilfskomitees vor. Er wendet sich an alle Juden, die in guten Verhältnissen volle Freiheit gemessen, ihre Brüder vor dem Hungertode zu schützen. Das Komitee wurde gewählt und besteht aus den Herren: Advokat M. Alexander, Präsident; D. Goldblatt, Vizepräsident; Jacobs, Schatzmeister und folgenden Komiteemitgliedern: M. Cohen, S. Stern, J. B. Shaknovis, Kantor, Shur jun., Cosay, P. Tyfield, J. Sacks. Ueber Antrag H. Jacobs', der von H. Goldblatt unterstützt wurde, wurde beschlossen, Kopien der einstimmig angenommenen Resolution dem Staatssekretär des Aeussern, dem Staats-Kolonialsekretär und dem South African High-Commissioner zu überreichen. Die Versammlung wurde mit dem Absingen der Nationalhymne geschlossen. 93 Pfd. St. wurden für das Hilfskomitee gesammelt. — Bis zum 13. August waren schon 275 Pfd. St. (zirka 7000 K) beim Komitee eingelaufen. S. Stern. Im Vorliegenden bietet sich ein Bild der praktischen Hilfstätigkeit der Zionisten für unsere rumänischen Brüder. Nur der Zionismus, der weltumspannende, konnte jenseits des Aequators ein Echo für judische Leiden wecken, weil er das Gefühl der Zusammengehörigkeit ganz Judas erwecken musste. * Hornel. Die eifrigsten Vorbereitungen zur bevorstehenden Konferenz der russischen Zionisten, die am 22. August (4. September) in Minsk, einer der grössten Städte des jüdischen Ansiedlungsgebietes, stattfinden wird, sind in vollem Gange und machen sich überall, wo Juden wohnen, sehr bemerkbar. In jedem Vereine kämpfen mehrere Kanditaten lebhaft um die Ehre, in Minsk als Delegierte zu erscheinen. Die Minsker Konfereuz, zu der nicht weniger als 600—700 Delegierte erwartet werden, wird voraussichtlich im Zeichen der Kulturfrage stehen. Der Schriftsteller Achad-Haam (U. Ginzburg), der zur Zeit hier weilt, wird einen Vortrag über die Hebung der Kultur halten. Dann folgen die Fragen der Organisation und der Hebung der ökonomischen Lage. — Der Kongress wird voraussichtlich durch Herrn Prof. Mandelstamm und im Falle seiner Abwesenheit durch das Mitglied des A. C, in dessen Rayon der Kongress stattfindet (zur Zeit med. Dr. G. Bruck, Rabbiner in Witebsk), eröffnet werden. Für unsere russischen Verhältnisse ist es keine leichte Aufgabe, von deren Lösung so manches abhängt, die Wahl des Präsidiums richtig zu treffen. Es gehört viel Takt und Energie dazu, um die Geschäfte einer Versammlung von 600—700 Delegierten mit Erfolg und Würde leiten zu können. Die Behörde steht dem Zionismus aus manchen Gründen freundlich gegenüber, und so wurde es möglich, eine Konferenz nach Minsk einzuberufen. Diese Konferenz ist etwas noch nie Dagewesenes, etwas völlig Unbekanntes und Beispielloses in Russland, wo bekanntlich keine Spur von Vereins- und Versammlungsfreiheit existiert Also für den Zionismus — eine Ausnahme! N. B. * Sofia, Bei den Wahlen des Verwaltungs-Komitees der jüdischen Schulen am 11./24. v. M. in Sofia siegte mit 400 Stimmen gegen 60 die rein zionistische Liste, an der Spitze mit unserem bekannten Gesinnungsgenossen Dr. Josue Caleb. Treu dem Baseler Programme scheuen die Zionisten in Bulgarien keine Mühe und Zeit, um die Gemeinden in ihre Hände zu nehmen. Ausflug der Wiener Zionisten nach Pressburg. Der Verbrüderungsgedanke des Zionismus fand beim Volksfeste des Pressburger Zionvereines sichtbare Form. Die Wiener gesinnungsgenössi sehen Vereine waren der Einladung der genannten Körperschaft gefolgt und überfüllten den Donaudampfer, der sie gegen 11 Uhr nach Pressburg brachte. Die herzliche Einigkeit der Wiener Zionisten brachte am Schiffe eine lebensfreudige Heiterkeit hervor, der selbst die ehrwürdigsten Landeskomitee- Mitglieder zum Opfer fielen. Sogar das Schiff war von der Fröhlichkeit angesteckt und fuhr betrunken bald rechts, bald links über die faulen Wellen* aus denen mit Hilfe von Stöcken, Tüchern und angehängten Schiffsnägeln verschiedene Weidenruten und ein Schuhoberteil herausgeangelt wurden. Auf dem Verdeck wurden inzwischen allerlei Gegenstände und von der Karmelgesellschaft zur Verfügung gestellter Karnielwein zugunsten des National fonds ausgeboten und mit Begeisterung gekauft. Hallender Chorgesang gab den gefürchtetsten Sängern Gelegenheit, im Meere der Töne unterzutauchen. Sogar der Himmel lachte. Im Handumdrehen waren die vier Fahrstunden zu Ende. Voran das vorbereitende Komitee Dr. Bernhard, jur. Haas, einige Vereinsvorstände, ging man über die Landungsbrücke und wurde von einer Deputation des Pressburger Vereins mit einer liebenswürdigen Ansprache empfangen, worauf Dr. Bernhard unter brausenden ' ..Hoch Zion" - Rufen antwortete. In flotten Viererreihen ging man in die {Stadi: und tat ■gemeinschaftlich etwas für den sterblichen Teil. Der Nachmittag war vorerst Besuchen der Jeschiba und lohnender Aussichtspunkte gewidmet. Um 2 Uhr begann das Volksfest in einem Garten der Stadt, den man unter den Klängen einer Kapelle gemeinsam erreichte. Bemerkenswert ist, dass im liberalen Ungarn das Ministerium dem Festkomitee verschieden© Programm- Hummern untersagte mit der Begründung, dass der Reinertrag rumänischen Juden, d. h. Ausländern gewidmet sei!! Das tat allerdings dem Feste keinen Abbruch. Zwischen blau-weiss bewimpelt&n Bäumen, an Tischen, mit Ortsnamen von Palästina versehen, beim Klange nationaler Mäiuierchöre der wackeren Pressburger entwickelte sich bald ein fröhliches Bild. Ein weissblauer Luftballon stieg zum blauen Himmel mit weissen Wölkehen, weiss-blau gekleidete Mädchen von 12—20 Jahren verkauften Marken und Karten für den „N.-F.", ein Glücksrad bot erstrebenswerte Ding«, Palästinawein wurde an den Meistbietenden losgeschlagen, Wettlaufen', Ballwerfen vergnügte Alt und Jung. Dramatische und heitere Vorträge wechselten ab. Herr Dr. Kahn vom A. C, jung mit der Jugend, packte die Zuhörer mit kräftigen nationalen Worten, denen brausender Beifall folgte. Ein Begrüssungstelegramm aus Aussee, unterzeichnet von den Herren Dr. Herzl, Äreh. Marmorek und den Herren Direktoren Wolfisolm, Cowen und Katzenelsohn langte in Pressburg an und wurde mit Jubel aufgenommen. Als das Pest noch im besten Gange war, mussten leider die Wiener zum letzten Zuge fort. Begleitet von den Pressburger Brüdern, beim Klange unserer schönen Nationallieder, trennte man sich in herzlichem Einvernehmen unter donnernden Hochrufen auf die Freiheit unseres Volkes. U.