Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Article
- Familienverbände und Familienstiftungen
- Date
- 1902-09-05
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 fjm # Welt4* Nr.: 36 treten, sie soweit wie möglich zu bekämpfen und sie, sei es auch mit kleinen Mitteln jedenfalls solange hintanzuhalten bis für die grossen Mittel zur Beseitigung der Judennot die Möglichkeit der Anwendung geschaffen ist. Als ein solches kleines Mittel erachte ich die Gründung von Familienverbänden und Stiftungen, zu der nach einer Zeitungsnotiz auch die preussischen Polen gegriffen haben, um im Kampfe gegen die Germanisationsbestrebungen ihre Nationalität zu stärken. Diese Familien verbände und Stiftungen hätten in erster Linie den Zweck, innerhalb der Familie die wirtschaftlich Schwankenden durch materielle Unterstützung zu halten, darüber hinaus aber für den Fall das, was häufig eintreten dürfte, Destinatare für die Mittel der Stiftung innerhalb der Familie vorhanden sind, bedrängten Glaubensgenossen wirksame Unterstützung zuteil werden zu lassen. Dass das Beharren beim Judentum Bedingung der Zugehörigkeit zum Verbände und der Genussberechtigung an der Stiftung sein müsste, ist selbstverständlich. Je weiter diese Familien Stiftungen gefasst werden — indem man die Abstammung von einem möglichst entfernten Aszendenten der Zugehörigkeit zugrunde legt, umso kapitalskräftiger und um so befähigter sind sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben. Die Mitgliedschaft einzelner Personen bei mehreren Verbänden würde ein Zusammenwirken erleichtern und grössere Gesammtorganisationen ermöglichen. Die Wirksamkeit dieser Organisationen würde sich dann mit Leichtigkeit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus erstrecken lassen. Die Zusammenfassung der Familien zu Familienverbänden würde auch eine erziehliche Wirkung im Sinne des Zusammenhaltens und der Solidarität der Juden ausüben. Jetzt pflegten die getauften Juden in der Mehrzahl der Fälle erst in den späteren Generationen die Scheidung von der treugebliebenen Verwandtschaft zu vollziehen, der Uebertritt pflegt das Familienband meist kaum zu lockern. Anders wenn damit ein Ausscheiden aus dem der ganzen Verwandtschaft gemeinsamen Verbände verknüpft ist; dann bedeutet der Uebertritt einen Bruch mit den Treugebliebenen, der markant genug ist. Davor aber, offiziell mit den Ihrigen zu brechen, schrecken viele zurück. So vermehrt die Zugehörigkeit zum Familienverbande auch die Zahl der der Taufe entgegenstehenden Hemmungsmomente, und darauf kommt es bei unseren gebildeten Juden sehr viel an. Je entfernter der Gedanke an die Taufe, umso näher liegt der Wiederanschluss an die Gesamtheit der Juden, nenne man sie Volks- oder Religionsgemeinschaft. Die vorstehenden Erwägungen treffen gewiss nicht sämtlich für alle Fälle zu. Hier wird der Nutzen der Organisationen in der einen, dort in der anderen Richtung mehr in die Erscheinung treten. Die Art und Intensität der Wirksamkeit wird auch von der Form der Organisation abhängen, für die vielleicht ein Normalstatut aufgestellt werden könnte. Mir liegt mehr daran, eine Idee zur Debatte zu stellen, als eine bestimmte Form ihrer Verwirklichung zu befürworten. Dass derartige Korporationen für das Judentum vonnutzen sein können, wird man kaum bestreiten; ich halte sie auch darum für empfehlenswert, weil sie geeignet sind, eine jüdische Charaktereigenschaft, die auch in unseren Kreisen, trotz alles Assimilantentums, Gottseidank noch in ausreichendem Masse vorhanden ist, den Familiensinn, für gesamtjüdische Interessen nutzbar zu machen. Gesetzliche Schwierigkeiten stehen weder der Gründung von Familienverbänden noch der von Familienstiftungen in Preussen entgegen. Dr. jur. Pinsus. Stimmen der Presse und des Publikums über die konstantinopler Verhandlungen. Die jüdische Presse der ganzen. Welt beschäftigt sich natürlicli mit der Konstantinopler Reise Dr. Herzls. Zu den Urteilen, die wir in unserer vorigen Nummer reproduzierten, wollen wir heute die Worte hinzufügen, mit denen das Triestiner Blatt „II Coniere israelilico" die Nachricht begleitet. „Wir können dem Wirken und dem Entschlüsse Dr. Herzls nur den lebhaftesten Beifall spenden. Es ist unerlässlich, von der türkischen Regierung eine genügend weite und entschiedene Konzession im Sinne der Zionisten zu erlangen, wenn die Ansiedlung der Juden eine solide Basis haben soll. Mit seiner seltenen Geschicklichkeit und feinstem diplomatisch e;-n Takte, von dem er auch diesmal glänzende Beweise gegeben hat3 hat Dr. Herzl die ihm gemachten Vorschläge, welche ihm uicht genügten, zurückgewiesen. Die Erfahrungen der Vergangenheit, dass den kleinen Konzessionen nicht zu trauen ist, die sich nur zu oft für uns Juden in bittere Enttäuschungen verwandelt haben, gibt den Zionisten recht, keine halben Konzessionen anzunehmen, sondern eine volle Konzession zu erstreben, welche die grösstmöglichste Garantie für den Erfolg und die Sicherheit bietet. In Nr. IT£ des „Eazefirah" äussert sich N, Sokolow über den Gegenstand in der geistreichen, fesselnden Art, die wir an diesem hebräischen Publizisten grossen Stils stets bewundern müssen. Mit feinem Sarkasmus und überlegener Dialektik geisselt er zunächst die ebenso verständnislose wie übelwollende Haltung der antizionistischen Publizistik, die die Lebensfähigkeit und Entwicklungsstärke einer nationalen Bewegung von der weltgeschichtlichen Bedeutung des Zionismus an dem momentanen Erfolg oder an der momentanen Erfolglosigkeit einer einzigen Anstrengung unter tausend anderen abmisst, an den jeweiligen Ergebnissen der Schritte eines einzigen tätigen Menschen da, wo ein ganzes Volk tätig sein muss. Er gelangt sodann zu folgenden Schlüssen: „Ohne jede Schönfärberei behaupte ich, dass die jüngste Konstantinopler Reise Dr. Herzls ein gutes Omen für den Zionismus ist. Ich will dies gleich begründen: 1. Eine Regierung, die von der Erteilung autonomer Gerechtsame an irgend ein Volk nichts wissen will, wird mit den Leitern der betreffenden Bewegung nicht verhandeln. Die Türkei wird sich gewiss nicht an die Wortführer der Armenier oder an die Jungtürken wenden, um mit ihnen Unterhandlungen zu pflegen. Die offenkundige Tatsache, dass die türkische Regierung mit den Männern, die an der Spitze der zionistischen Bewegung stehen, in Unterhandlung tritt, muss die Starrsinnigsten überzeugen, dass sie diese Bewegung nicht missbilligt. Bei der ersten Audienz Dr. Herzls mochten Skeptiker sich um diese Schlussfolgerung herumdrücken, aber die Tatsache periodischer Verhandlungen der Häupter des türkischen Reichs mit Dr. Herzl und dem Präsidenten, der Jüdischen Kolonialbank Iässt sich absolut nicht missdeuten. 2. Die Vertreter des Zionismus wollten nicht jede Art von Konzession, die man diesem gewähren wollte, akzeptieren, sondern blieben standhaft, ihren Mandanten und dem zionistischen Programme treu. Dadurch haben sie bewiesen, dass sie feste Grundsätze haben, und dies gereicht sowohl ihnen wie der Sache, die sie verteten, zur Ehre. 3. Seien wir eingedenk, dass selbst so gewöhnliche, unkomplizierte Abmachungen wie Handelsverträge oft Jahre zu ihrem endgiltigen Abschluss erfördern. Es kann also den politisch geschulten Beobachter durchaus nicht wundernehmen, wenn eine ganz neuartige politische Abmachung, die eine Sache wie den Zionismus mit seinen verwickelten Problemen betrifft, nicht im Handumdrehen zustande kommt. Nicht die Langsamkeit, sondern die Schnelligkeit der Verhandlungen müsste man in diesem Falle als befremdlich ansehen. — Auf alledem gründe ich mein Urteil, dass die Ergebnisse der jüngsten Reise Dr. Herzls recht befriedigend sind, und ich muss dem Aktionskomitee Anerkennung spenden, dass es uns durch das Kommunique" in der „Welt" Einblick in den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit gewährt hat." Unter dem Titel „Tot" schreibt die Brünner „Jüdische Volksstimme": Die antizionistische Presse schwingt wieder einmal ihre Federhalter gegen uns. Wer ist diese antizionistische Presse? Ist es die Stimme des Volkes? Zeigt sie ihm einen Ausweg aus seiner Not? Ist sie eine Macht vor den Behörden oder fürchtet man ihre Kritik in .jüdischen Verwaltungskörpern? —r Wer lacht da nicht? „Es wird schon besser werden" ist der Leitsatz ihrer hohen Politik dem verzweifelnden jüdischen Volke gegenüber. „Ausharren, ausharren!" das ist der Ausweg für hungernde Massen, auf der Unterlage einer Speisekarte geschrieben, Eine Macht bei Behörden? Der Zensor wird dafür bezahlt, dass er sie liest. Die Furcht jüdischer Führer? Diese Furcht hat schon ihre Waffen in der Tasche — es muss nicht gerade ein Revolver sein. Von alledem nichts ist das Lebenselesment dieser Presse. Sie ist das Organ