Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Article
- Russische Presstimmen anlässlich der Zionisten-Konferenz in Minsk
- Date
- 1902-09-05
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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- Minsk 2× ep/1000754
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m. b& *Die # Welt** Seite 3 werden. Die Juden erblicken in dem Zionismus den Genüss, den Christen eine «Nase" drehen zu können. Daher rufen sie: „Wir gehen fort, wir "bleiben nicht länger Ve Die Arier aber könnten zu diesem Exodus sagen: Steigt der Gevatter aus dem Wagen, wird's dem Wagen leichter!<c — Auch die „Petersburgskij a Wj edomosti" widmen der Zionisten-Konferenz in Minsk einen Artikel, den sie „Die Retter der Judenschaft" betiteln. Hier fehlt es zwar an Ausfällen gegen die Juden, dafür aber suchen sie nachzuweisen, dass die Gründung eines Judenstaates eine Chimäre wäre. Doch die Machtstellung des Zionismus erkennen auch sie rückhaltlos aü. Sie schreiben unter anderem: „Die Zionisten-Konferenz in Minsk ist eine Erscheinung, die erörtert zu werden verdient. Die zionistische Strömung hat unter den Juden in SLussland einen grandiosen Umfang angenommen, so dass man mit dem Zionismus rechnen muss. Etwas in der Geschichte der Völker Ungewöhnliches geht vor uns vor. Die jüdischen Massen sind von der Idee des Zionismus begeistert, sind bereit, dieser Idee die moralischen und geistigen Kräfte des Volkes zu opfern, sie träumen nur von der Zukunft. Und das geschieht in dem Augenblicke, wo die Städte und die Städtchen des xAnsiedlungsrayons mit hungernden Juden gefüllt sind, wo die jüdischen Mädchen in den Freudenhäusern zugrunde gehen. Und das Blatt des Fürsten Uchtomskij meint, dass es besser wäre, wenn die ^ionisten-Konferenz in Minsk die Mittel hergeben wollte, um den hungernden Juden in Russland Hilfe zu erweisen. Aber darin eben liegt die Verirrung des Blattes, welches glaubt, dass irgend welche materielle Mittel imstande wären, den immer mehr um sich greifenden Buin der Juden aufzuhalten. Die Quelle des spezifisch jüdischen Unglücks liegt nicht in der Armut allein, sondern in vielen anderen Faktoren., die den „Petersburgski ja Wjedomosti" ebenso gut bekannt sind, wie allen anderen Freunden und Feinden der Juden. Und diese Faktoren will der Zionismus verschwinden machen. Einen ganz anderen Ton schlägt die liberale Monatsschrift „Russkoja Bogatstwo" "(Russischer Reichtum) an. Hier behandelt der Publizist Bikermann den Zionismus und gelangt zu dem Resultat, dass die Aufgabe des Zionismus, einen jüdischen Staat zu schaffen, eine Chimäre sei. Es fehle an den nötigen Kräften, die auf diese Aufgabe gerichtet werden könnten, ja der Zionismus habe überhaupt keine bestimmte Aufgabe; bisher habe man über dieses Thema nur phantasiert. Gerade der Illusion, die ihm zugrunde liegt, verdankt der Zionismus seinen relativen Erfolg. Der Zionismus und der jüdische Nationalismus* welche durch die Reaktion ins Leben gerufen wurden, seien selbst reaktionäre Erscheinungen; beruhe doch der Zionismus auf dem Gedanken, dass die Feindschaft zwischen Nichtjuden und Juden ewig und unauslöschlich sei. Die nationalistisch-zionistische Propaganda, die immer grössere Wellen schlage, habe eine durchaus defensive Tendenz und gelange dadurch ganz unvermeidlich in eine reaktionäre Richtung. Da aber nun gerade ein Fortschritt des jüdischen Volkes, soweit er überhaupt bei den gegenwärtigen Verhältnissen möglich ist, nicht nur für das Wohl der Juden wichtig sei, sondern auch der Erhaltung der jüdischen Nation diene, so sei die nationalistisch-zionistische Propaganda, weil sie tatsächlich diesem Fortschritt entgegenwirke, eine antinationale Erscheinung. Doch welcher Ersatz könnte den Juden für die Chimäre des Zionismus geboten werden? Was müsste etwa im Interesse der russischen Juden geschehen-? Da liesse sich vieles anführen: Die Gemeindeverfassung müsste reformiert, die Zahl der Schulen vermehrt, das Schulwesen überhaupt verbessert, die Geschichte und die Wissenschaft des Judenvolkes bearbeitet, ein billiger und allgemein zugänglicher Kredit geschaffen, billige Rechtshilfe in den komplizierten Fragen der speziellen jüdischen Gesetzgebung eingeführt, die Uebersiedlung erleichtert, die Organisation der Ärbeitshilfe erleichtert, die Ansiedlung jüdischer Familien auf städtischem Grund und Boden gestattet werden usw. Die Juden selbst müssten in ihrer Arbeit Hand in Hand gehen mit den führenden Elementen des Volkes, unter dem sie leben. Was auch die Antisemiten und Zionisten sagen mögen, die Juden sind keine abgerissenen Fetzen, keine Enklaven im fremden Lande, sondern ein lebendiger Teil eines lebensvollen Ganzen. Siecht der ganze Körper dahin, so kann der einzelne Teil nicht gedeihen, und umgekehrt. Darum sei es auch Aufgabe der Juden, für das Wohl des Ganzen zu schaffen. Das sei ihre Pflicht als russische Staatsbürger, aber auch als Juden, die für das Wohl ihrer Stammesbrüder zu wirken haben. Was soll aber für die jüdische Nation geschehen, wenn die Ideen der Nationalisten und Zionisten undurchführbar sind? Hier sei die Aufgabe — Erhaltung und Entwicklung des jüdischen Volkstums, Erhaltung und Ausgestaltung ihrer Kultur, Erhaltung und Ausbildung alles Guten, das in dieser ihrer Kultur liegt. Man Hebe das materielle und geistige Niveau der fünf Millionen russischer Juden, man befördere einen möglichst schnellen und möglichst leichten Uebergang von mittelalterlicher Weltanschauung zur modernen, man gebe dem jüdischen Volke die Möglichkeil in die Hand, als mehr aktiver Faktor in der Geschichte des Vaterlandes mitzuwirken/ und maxi könne überzeugt sein, dass es als jüdisches Volk in die Arena treten werde. Eine Kultur von 4000 Jahren könne man nicht so ohne weiteres von sich abstreifen. Wenn einmal die jüdische Nation aktiv am Leben, des Volkes teilnehmen werde, in dessen Mitte sie lebe, so werde sie ihren historisch-kulturellen Typus zum Ausdruck bringen, und zwar nicht als etwas Stationäres, sondern als eines der Elemente, aus denen sich ihr künftiger historischkultureller Typus formieren werde. Je grösser die Zahl der Juden sei, die für die moderne Weltanschauung gewonnen seien und aktiv in die Geschichte eingreifen könnten, desto weniger laufe die jüdische Intelligenz Gefahr, sich von anderen Völkern aufsaugen zu lassen. Die nationalistische Propaganda3 die die Forderungen des Lebens den nationalistischen Empfindungen über die Erhaltung der „jüdischen Nation*' ,als Selbstzweck unterordne, strebe, trotz aller schönklingenden Phrasen, im Grunde doch nur danach, den natürlichen Fortsehritt aufzuhalten, sie hindere die Entwicklung des jüdischen Volkes., so weit diese bei den gegenwärtigen realen Verhältnissen überhaupt möglich sei, und wirke damit gerade der Erhaltung der jüdischen Nation entgegen. Gegen Herrn Bikermann polemisieren, hiesse einen Stockblinden sehend machen. Da ist doch die „Nowoje Wremja" viel aufrichtiger, welche unverblümt sagt: „Steigt der Gevatter vom Wagen, wird's "dem Wagen leichter." Das hat Graf Ignatiew anno 1883 mit den Worten ausgedrückt: „Die Grenze steht den russischen Juden offen . . . Und was den Juden nach der Ansieht des Publizisten aus dem ^Russkoje Bogatstwo" fehlt, das eben will der Zionismus ihnen geben, aber unter solchen Umständen, unter denen man ihnen dies wird nicht mehr wegnehmen können. Aber eine Frage sei uns gestattet: Ist Herr Bikermann nicht ein Jude? So kann nur ein Assimilationsjiide schreiben! Aber wie immer unsere Feinde und angeblichen Freunde über den Zionismus urteilen mögen,, eines haben auch sie bezeugt: Der Zionismus ist zu einem Machtfaktor geworden, mit dem nolens volens gerechnet werden muss. Gt. Familienverbände und Familienstiftungen. Die Mär von der Kapitalskraft der Juden und von ihrer dadurch begründeten Machtstellung findet heute in ernsten Kreisen, weder bei Jaden noch bei Christen Gläubige. Die Juden in Osten sind fast durchwegs Proletarier, die westeuropäischen Juden verlieren in ihrer Gesamtheit täglich mehr Kapital durch den Uebertritt ihrer Geldaristokratie zum Christentum. Mag nun auch diese Geldaristokratie die Macht ihres Kapitals in noch so geringem Masse in jüdischem Sinne angewendet haben, es lässt sich nicht leugnen, dass der gänzliche Verlust desselben zugleich eine Machteinbusse des Judentums in seiner Gesamtheit darstellt, wenn man nicht etwa die Stellung des Kapitals als Machtfaktor überhaupt leugnen will. Denn durch den Uebergang des Kapitals in nichtjüdische Kreise wird die Möglichkeit, es jemals für gesamtjüdische Zwecke in die Wagschale zu werfen, völlig ausgeschlossen. An einen Ersatz der jüdischen Kapitalien ist darum nicht zu denken, weil, wie die letzten Jahrzehnte lehren, nur das Kapital selbst Kapital anzieht. Ein Emporarbeiten mittlerer jüdischer Kapitalisten zu dem Eeichtum der Geldaristokratie ist aber bei den für die Juden jetzt besonders ungünstigen sozialen und politischen Verhältnissen unmöglich. Vielmehr ist auch in diesen Kreisen ein Rückgang der Kapitalskraft zu befürchten, vielleicht an vielen Orten schon eingetreten. Damit erscheint aber die Gefahr der Proletarisierung auch der westeuropäischen Juden näher gerückt und ihr allmähliches Hinabsinken auf die wirtschaftliche Stufe ihrer östlichen Brüder unvermeidlich. Würde unserer jüdischen Geldaristokratie auch aristokratisches PflLchtbewusstsein innewohnen, das sie veranlasste, der bedrängten Gesamtheit nach Kräften zu helfen, so würde dieser Entwicklung mit Erfolg von diesen Kreisen aus entgegengearbeitet werden können. Dazu müsste aber erst der dort herrschende Geist der Fahnenflucht, das Assimilantentum, mit der Wurzel ausgerottet werden, ein Ziel, zu dem der Weg noch weit und dornenvoll genug ist, der aber ins Auge gafasst werden muss. Einstweilen mwss aber meines Erachtens auch in den von der Proletarisierung unmittelbar bedrohten Schichten der Judenschaft etwas geschehen, um der Gefahr entgegen zu-