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Die Welt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Article
Karlsbad [Nachricht]
Date
1902-08-29
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 Die # Welt04 Nr. 35 60 Kr. abgeführt. Die Neuwahlen ergaben folgendes Resultat: Obmann Herr J. Auerbach, Obmann-Stellvertreter und Kassier jur. Hugo L ö w, Schriftführer und Bibliothekar M. Löbl, Revisor Dr. Ottenfeld. Lemberg. In den Räumen des hiesigen „Dorsche Schlom Z i o n" fand unter V orsitz des Herrn J. H o c hi'eld etne Vollversammlung alier zionistischen Vereine statt. Als erster Redner hielt Herr Dr. Bier er einen gediegenen Vortrag über „Kongresse4*. An der Diskussion beteiligten sich der Journalist H. Selinkow (Berlin), Aktionskomitee-Mitglied Dr. Kornhäuser (Jaslo), Dr. Malz, Hochfeld, und Dr. Pilpel. Die Redner forderten die zionistischen Gesinnungsgenossen auf, gemäss der letzten Koustantinopeler Meldung für praktische Politik, nämlich Schekelsammlungen, Agitationen, Organisation, Umsatz von Kolonialbankaktien und Pflege der Kultur, Sorge zu tragen. Diese notable Versammlung hat einen tiefen und günstigen Eindruck gemacht. Es wurde auch für den Nationalfonds gespendet. Rumänien. Bucecea. Der hiesige Verein „B n e i Z i on Dr. Lippe", der auf Initiative des Herrn D. Goldhammer gegründet wurde, empfing am 11. d. M. den von der Zentrale abgesandten VoJksredner Herrn S. Goldenthal, der am Abend in der Synagoge über „Der 9. Ab und der Zionismus" sprach. Herr S. Golden thal forderte alle Anwesenden auf, dem Vereine beizutreten, auf dass ein einiges Juda für die heilige Idee arbeiten könnte. Die Rede wirkte zündend und alle Anwesenden versprachen, für den Zionismus einzutreten. Herr D. Goldhammer unterliess es nicht, zusammen mit Herrn B. Wohlberg für den Nationalfonds zu sammeln. Die Sammlung ergab eine hübsche Summe, welche zum übrigen Kapital geschlagen wurde, das für die Einschreibung des Vereines ins „goldene Buch" bestimmt ist. Am folgenden Tage sprach Herr S. Goldenthal abermals, wodurch er unserer Idee neue Anhänger gewann. Der Verein bestellte mehrere Aktien zum Verlosen. Die Mitgliederzahl heträgt am Schlüsse des jetzigen Semesters 110 Mitglieder. Die Wahl, die für das neue Semester vorgenommen wurde, ergab folgendes Resultat: Ehrenpräsident D. Goldhammer, Obmann Idel Schein, Obmann-Stellvertreter Schalem R o s m a n n, Kassier Salomon Jonas, Kontrollor Israel Rabinowicz, Sekretär: Luca Bercovici. Ausschussmänner: J. Spiegel, J. Hein ig, M. Marcus, U. Kupe rschmied, M. H e r s c o v i c i, B. Wohlberg. Im Laufe der nächsten Woche versprach Herr stud. Leo Goldhammer das Thema zu behandeln: „Warum müssen die rumänischen Juden Zionismen sein?" O el. England. Dublin. Unser Verein, die „Dublin Choveve Zion Association", hat heuer 11 Pfund Sterling an Schekelgeldern eingehoben. In Ansehung der jüdischen Bewohnerzahl Dublins ist dies eine beträchtliche Summe. Im Jahre 1900 betrug die Summe 7 Pfund 7 Shilling und im Jahre 1901 9 Pfund 2 Shilling. Daraus ist zu ersehen, dass wir Fortschritte machen. Wir haben auch einen Share-Klub und sammelten von März 1900 bis Juni 1902 136 Pfund 18 Sh. Die Mitglieder des Klubs schafften sieh auf dem Wege monatlicher Teilzahlungen von 1 Shilling 75 Shares an, während etwa 35 Shares, die bei der Klubverwaltung erliegen, noch nicht ganz ausbezahlt sind. Ein Mitglied erwarb durch den Klub 25 Shares. Gegenwärtig ist bereits die Mehrzahl der Juden von Dublin im Besitze von Shares der Jüdischen Kolonialbank. L. Benjamin, Ehren-Sekretär. Südafrika. Ceres. Der wackere Verein „Tikwath Zion" bemerkt in einer Zuschrift an uns, der eine namhafte Spende für den Nationalfonds beiliegt, dass unsere dortigen Gesinnungsgenossen auf eine Ueberzeichnung des Nationalfonds hoffen, dessen Kapital sie in Shares unserer Bank angelegt wissen möchten. Wir konstatieren mit Befriedigung eine grosse Regsamkeit unserer dortigen Gesinnungsgenossen, die durch den Krieg etwas eingedämmt wurde, sich aber jetzt frei entfaltet. Wir verweisen auf unseren heutigen Spendenausweis, in welchem sich die Namen unserer braven Agitatoren finden. Sekretär ist Herr H. Miller. Feuilleton. Der 24. August 1349 in Mainz. Das Jahr 5108 jüdischer Zeitrechnung war für Deutschland ein Schreckens jähr. Mit stolzem Gepränge war der Kaiser zur Krönung nach Italien gezogen, mit einem furchtbaren Begleiter kehrte das Heer zurück. Der schwarze Tod war über die Alpen mitgezogen. Wie ein Tiger schlich die Pest über das Land und würgte den Landmann am Pfluge, ergriff den Ratsherrn am offenen Markt. In den bleischweren Sonnenstrahlen zitterte ein nnfassbarer Tod und dampfte ans der regenschweren Erde. Da flog Entsetzen duch das Land. In den vollen Feldern stampfte das Wild, niemand ging zur Ernte. Hinter dreifach geschlossener Tür sass der Bürger und zitterte. Nur'das arme Volk, das keinen Taglohn fand, kam vor Hunger aus seinen Hütten heraus und raubte, was es brauchte. Das gute Lehen liess die Schrecken vergessen und jubelnd verprassten die Banden bei Fackelschein auf dem nächtigen Marktplatz den Vorrat der ausgestorbenen Häuser. Und fiel gleich einer hin mit Schaum, vor dem blaugefärhten Munde, tranken ihm die johlenden Kumpane eins zum Abschied zu. N~iei^nd wehrte ihnen, der Tod war Herr der Herren und die Knechte waren frei. An einem Hochsommertag dieser Zeit wandelte eine unscheinbare Gestalt längs der Rheinstrasse, die nach Mainz führt. Ein trichterförmig unförmiger Hut, rotgelb mit weissem Rande, und ein gelbes Rad an der Brust zeigte schon von weitem den Kammerknecht des Kaisers, den vielgeschmähten, viel misshandelten Juden. Schon warf der Abend lange Schatten. Müden Sehrittes ging der Jude an dem Flusse entlang bis zu einer Brücke, an deren jenseitigem Ende ein mit dreifacher Kette gesperrtes Tor eine hohe, graue Mauer unterbrach. Diesseits stand ein Wächterhans, dessen Bewohner sonst mit rohen Spottreden den Würfelzoll ab verlangten, wenn ein Jude die bischöfliche Stadt' betreten wollte. Heute lagen aber drei aufgedunsene widerliche Leichen vor der Türe und beklemmender Hauch entstieg ihnen. Hastig küsstc der Wanderer seine Tefilim und ging eilends auf das Tor zu, an das er dreimal kurz nacheinander schlug. Das war ein Geheimzeiehen an den Ghettotoren, dass ein Jude komme. Von innen hörte man Schritte und eine furchtsame Stimme fragte hebräisch: „Wer bist du und was willst du?" „Sendbote des hoch weisen Rabbi Mcir von Frankfurt, gesegnet sei das Andenken des Frommen, an den hochweisen Rabbi Esra." Behutsam öffnete sich ein Pförtchen in der Mauer, und der Wanderer stand auf einem halbrunden Plätzchen, in das von allen Seiten schmale, winkelige Gässchen einliefen. „Seid gesegnet/' sagte er, „führt mich zum Rabbi." „Wollt ihr bei uns weitergehen?" fragte der Wächter. „Uns schickt der Zorn des Ewigen die Krankheit Egyptens." „Der Wille des Herrn geschehe! Führt mich eilig!" Die Nacht war schon hereingebrochen. Im Schatten der hohen Häuser, die auf Armlänge einander gegenüberstanden, schritten die Männer stumm dahin, bis endlich der Führer stehen blieb und sagte: „Hier wohnt der Rabbi. Oeffnet nur diese Türe, die Tag und 5Tacht offen steht allen Brüdern in Israel." Dem Lichtscheine nach kam der Fremde in eine Stube, in der ein hochgewachsener Greis ruhelos auf- und abschritt. Die trübe Oellampe beleuchtete einen edelgeschnittenen Kopf mit wallendem, weissem Barte. In der

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