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Die Welt · 1902-08-29 · 35 (29.8.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
35 (29.8.1902)
Article
Russische Schriftsteller über den Zionismus
Date
1902-08-29
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seiten „Die # Welt" Nr. 35 mächtigen Durst nach Freiheit .erblicke, ist es für mich eine reale Erscheinung, eine grosse Lebensangelegenheit. Ans der Tiefe meiner Seele wünsche ich dem jüdischen Volke und auch allen anderen Menschen, in diesen Traum die Kräfte des Geistes zu legen, ihn in Fleisch zu kleiden, um, vom heissen Blut durchtränkt, alles Ungerechte, Wilde und Banale zu besiegen." Der berühmte russische Nationalökonom M. T ugan- B a r a n o w s k i j äussert sieh f olgendermassen: „Vom ganzen Herzen sympathisiere ich mit der zionistischen Bewegung als einem Proteste gegen die tief empörende Behandlung der Juden, welche in der modernen Gesellschaft herrscht. Die zionistische Bewegung weckt meine Sympathien auch deshalb noch, weil ich in ihr den Ausdruck eines hohen Ideales erblicke. Wahr ist es, dass noch kein historischer Staat so gegründet wurde, wie es die Zionisten mit der Wiederherstellung des jüdischen Beiches beabsichtigen, aber die Vergangenheit kann der Zukunft keine Lehren erteilen. Die Gründung eines jüdischen Reiches wäre eine der grössten Errungenschaften des menschlichen Geistes, welche die Geschichte nur kennt. Der Erfolg dieser Sache würde den Anbruch einer neuen Aera in der Weltgeschichte bedeuten. Ich finde keine Ursachen, an der Verwirklichung der zionistischen Sache absolut zu zweifeln. Aus der Tiefe meines Herzens wünsche ich der Sache der Zionisten Erfolg." Der hervorragendste Kulturhistoriker Russlands, Professor P. Milgukow, schreibt folgendes: „Ich sympathisiere vollkommen mit der kühnen Idee des Zionismus und wünsche, dass der Zionismus alle Hindernisse und Widersprüche besiegen soll, welche bei jedem Versuche, vorwärts zu schreiten, auftauchen. Selbst diese inneren Widersprüche zwischen dem national-politischen und traditionellen Elemente der Frage beweisen mir nur, dass der Zionismus das Yolksbewusstsein mächtig ergriffen hat. Und unabhängig von seiner praktischen Aufgabe kann der Zionismus mächtigen und wohltuenden Einfluss auf die Hebung des kulturellen Niveaus der jüdischen Masse haben. Diese Umstände geben die Möglichkeit, ja sie legen sogar die Pflicht auf, den Zionismus inniglich zu begrüssen; das müssen sogar jene tun, welche in ihren Endzielen mit dem Zionismus nicht einverstanden sein sollten." Der bekannte Kritiker Stadtrat K. A r s s e n j e w schreibt: „Die zionistische Bewegung scheint mir sehr sympathisch zu sein. Und es ist wünschenswert, dass die Bewegung nirgend auf künstliche Hindernisse stosse." Der hervorragende Moskauer Kunstkritiker und Publizist \V. ('} ol z ni sagt in seiner Antwort: „Ich sprach oftmals über die jüdische Frage, d. Ii. über'das jüdische YoJk mit dem mir teuren Freunde W. Solowjew (dem unlängst verstorbenen grössten russischen Denker). Wir waren darin einer Meinung. Mich als Küssen empört tief (üe Judenhetze in unserer Presse. Der Zionismus ist eine höchst sympathische Bewegung. Wenn sogar nicht alle J uden, sondern einige Millionen derselben sieh in Palästina ansiedeln werden, würde es eine grosse Stütze für die Juden überhaupt sein." Der bedeutende russisch-armenische Publizist Totomianz schreibt: „Die Geschicke des unglücklichen jüdischen Volkes erinnern mich an das arme armenische Volk, welches unterdrückt wird. Während aber die Armenier ihre heimatlichen Ortschaften in der Türkei verlassen, ist unter den Juden eine mächtige Bewegung nach ihrer alten Heimat Palästina entstanden, um durch beständige und. ehrliche Arbeit das Aufblühen dieser Heimat herbeizuführen. Die Bürgschaft für den Erfolg dieser Bewegung liefert das korporative Prinzip, welches als Grundlage dieser Arbeit dient.'"'' Staatsrat Mordowzew, dessen Ausführungen über den Zionismus wir bereits gebracht haben, sagt in seiner Antwort unter anderem folgendes: „Ich bin fest davon überzeugt, dass das jüdische Volk im Besitze Palästinas, bei seiner ungewöhnlichen Begabung und verblüffenden Energie des Geistes dort, wo einst das geschäftliche Leben der Phönizier gesprudelt, einen mächtigen und reichen Staat begründen wird. Und das wird sieh verwirklichen, ich glaube fest daran: das Volk wird nicht zugrunde gehen, .welches unter der schrecklichen Bedrückung seine Ideale Jahrtausende hindurch zu wahren wusste." Einige andere hervorragende Schriftsteller Busslands haben in ihren Antworten die Verwirklichung der zionistischen Idee aus finanziellen Gründen bezweifelt, den hohen Wert der Idee selbst aber zweifellos anerkannt. Der bekannte Soziologe N". M i e h a i 1 o w s k i j z. B. schreibt in seiner Antwort folgendes: „Mir scheint, dass die Verwirklichung der zionistischen Aufgabe riesige materielle Mittel erfordert, die kaum aufzutreiben wären. Auch wäre es tief bedauerlich, wenn Europa eines solchen energischen und fähigen Elementes wie der Juden beraubt würde." Wladimir Korolenko schreibt unter anderem: „Der Zionismus ist unstreitig ein süsser Traum, und es geht nicht an, mit der Bestrebung des verfolgten Volkes, ein eigenes Vaterland zu begründen, keine Sympathie zu empfinden. Die ganze Frage liegt aber in der praktischen Verwirklichung, darüber aber kann ich mir keine bestimmte Meinung bilden, weil ich diese Seite der Präge nicht genau kenne." Der bekannte Schriftsteller M e 1 s c h i n, Autor des sensationellen Buches „xUis der Welt der Verstosscnen", äussert sich in seiner Antwort folgendermassen: „An die praktische Möglichkeit der Begründimg eines neuen jüdischen Reiches in Palästina will ich gerne glauben. Ich hoffe, die europäischen Regierungen selbst, trotz ihres Antagonismus (oder richtiger dank ihrem Antagonismus), den Juden aktive Hilfe in der Verwirklichung ihres Planes erweisen werden. Aber darin eben erblicke ich ein grosses Hebel. Alle Juden werden nach Palästina nicht gehen können. Der grösste Teil der Juden wird auf ihren alten Plätzen bleiben. Diese aber werden noch mehr unterdrückt werden, um auch sie zur Auswanderung nach Palästina zu nötigen. Das könnte eine Quelle neuen Hasses gegen die Juden schaffen." Diese Bedenken gegen die Polgen des Zionismus, welche nur; zwei Schriftsteller erheben, liefern einen Beweis mehr dafür, dass die zionistische Idee auf dem Wege zur Verwirklichung Siebenmeilenschritte macht. Die finanzielle Seite des Zionismus kann durch die Opferwilligkeit des jüdischen Volkes besiegt werden. Alle anderen Bedenken können vielleicht vom Standpunkte der in die Triebfedern der zionistischen Bewegung wenig Eingeweihten als stichhältig erscheinen; für die Eingeweihten aber dürfte es klar sein, dass der Zionismus auf allen Linien dem jüdischen Volke die einzig mögliche Rettung verheisst. Gt. Die rumänische Judenfrage. Die rumänischen Auswanderer in Basel. ,,Ich kann den Blick nicht von Euch wenden" — dieses Diehterwort gebt mir nicht ans dem Sinn und immer wieder sehe ich im Geiste die Szenen tragischen Elends vor mir, die ich vor einigen Tagen, von .Freiburg i. Br. herüberkommend, in Basel am alten Bahnhofe erschaut habe. Woche um Woche zieht liier ein Strom rumänischer Auswanderer vorüber. In Basel wird einen Tag- Halt gemacht, dann geht die Reise weiter,, über "Paris, Havre nach Amerika in eine ungewisse Zukunft hinein, die, wie der Baseler Aufruf an die Kultusgemeinden treffend sagt, sich von einer unerträglichen Gegenwart im wesentlichen dadurch unterscheidet* dass sie mit einem wohltätigen Schleier cerhüllt ist. Ei^i Teil der Auswanderer wird auf Kosten der Allianee israelite (?;<ji. R<) befördert; für sie ist ausreichend. Fürsorge getroffen. Ausser

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