Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Article
- Cherson [Nachricht]
- Date
- 1902-08-22
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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Seite 8 „m* & Welt* Nr. 34 Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Cherson. In der jüdischen Abteilung der Domänenverwaltung in Cherson und Bessarabien werden gegenr wärtig Vorbereitungen zur Qebergabe der jüdischen Kolonien in den Gouvernements Cherson und Bessarabien an das Ministerium des Innern getroffen. Die bisherige jüdische Abteilung, welcher die Verwaltung der Kolonien oblag und die auch einige jüdische Agronomen zu ihren Mitgliedern zählt, wird gänzlich abgeschafft. Mit dem Uebergang der jüdischen Kolonien an das Ministerium des Innern dürften viele gemilderte Bestimmungen ihre Kraft verlieren, die das Domänen-Ministerium zugunsten der jüdischen Kolonisten eingeführt hatte. * Losowaja (Gouvernement Jekaterinoslaw). Infolge der in Südrussland ausgebrochenen industriellen Krise sind tausende von jüdischen Kohlenarbeitern im Donetz-Becken brotlos geworden. Denn die Verwaltung der Donetz-Schächte war die einzige, welche Juden als Steiger und Aufseher beschäftigt hatte. Alle anderen Verwaltungen der Kohlengruben im Donetz-Becken nehmen als Arbeitsgeber Juden nicht auf. Die Lage der arbeitslosen Juden gestaltet sich aber noch dadurch sehr düster, weil sie als „Beschäftigungslose" in den Ortschaften des Donetz-Beckens sich nicht mehr aufhalten dürfen. * Kiew. Wie die „Kiewskaja Gazeta* meldet, ist die Zahl der in diesem Jahre in die Universität des heil. Wladimir zu Kiew neueintretenden jüdischen Studenten auf 7 gegen 10 Perzent im Vorjahre reduziert worden. Unter diesen 7 Perzent befinden sich aber auch jene jüdischen Studenten, welche infolge der Unruhen relegiert wurden, jetzt aber die Erlaubnis erhalten hatten, in die Universität wieder eintreten zu dürfen. Im Kiewer Polytechnikum sind von 400 Gesuchen jüdischer Reflektanten nur 30 berücksichtigt worden. .* Warschau. Wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewnik" meldet, haben sämtliche Spar- und Vorschussvereine im Weichsel-Gebiete mit Zustimmung des Finanzministeriums die Juden aus der Verwaltung derselben ausgeschlossen« Zugleich erlaubt die obere Behörde des Gebietes den Juden nicht, einen Spar- und Vorschuss verein zu gründen. * Kislowodsk (im Kaukasus). Wiewohl der Petersburger Senat in seiner Entscheidung vom 30. März 1900 ausdrücklich erklärt hatte, dass die Frauen akademisch gebildeter Juden alle Rechte gemessen, welche das Gesetz ihren Ehemännern einräumt, werden Frauen dieser Kategorie dennoch zum Aufenthalte im Innern Russlands ohne Beisein ihrer Männer nicht zugelassen. Im Kurorte Kislowodsk wurde in diesem Sommer vielen Frauen jüdischer Aerzte und Juristen der Kurgebrauch untersagt. Frau Dr. M. erhielt auf ihre energischen Reklamationen die Erlaubnis, in Kislowodsk als Gattin eines Arztes Handel zu treiben, aber nicht die Kur gebrauchen zu dürfen . . . * Solotonoscha (Gouvernement Poltawa).Wie die „Nowosti" melden, hat der neue Gouverneur von Poltawa, Fürst Urussow, unlängst die jüdische Stadt Solotonoscha besucht. Er wurde nach russischer Sitte mit Brot und Salz empfangen und nach der Synagoge geleitet, wo er die Vertreter der Kultusgemeinde ins Gespräch zog, um über die Lage der Juden Näheres zu erfahren. Der Gouverneur war von den Berichten über die erschreckende Armut der Juden von Solotonoscha tief erschüttert. Besonders fiel ihm das armselige jüdische Bethaus auf und er fragte nach der Ursache dieser Erscheinung. Er erfuhr jedoch, dass die Juden in Solotonoscha nicht einmal imstande sind, ihre Familien zu ernähren. Fürst U r u s s o w wies den Juden den Betrag von 1000 Rubeln an, um das Bethaus zu verschönern . . . # Odessa. Der vom Odessaer Komitee der Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Syrien und Palästina zur Besichtigung der jüdischen Kolonien in Judäa und Galiläa entsendete Agronom J.Etting er ist unlängst von seiner Inspektionsreise nach Odessa zurückgekehrt. Er hat äusserst interessante Daten über das wirtschaftliche, häusliche und geistige Leben der jüdischen Kolonisten gesammelt, welche er in seinem Rechenschaftsberichte verarbeitet hat, den er demnächst dem Komitee unterbreitet. Wir werden auf diesen Bericht noch zurückkommen» # Warschau. Vor kurzem starb in Warschau einer der hervorragendsten Vertreter der hiesigen Judengemeinde, J. Günzburg. Er war einer der ersten, welcher dem Zionismus mit Leib und Seele ergeben war und alle Mittel anwendete, um die jüdische Kolonisation in Palästina zu fördern. Die ersten jüdischen Pionniere in Palästina erhielten vom Verstorbenen grosse Geldsummen, die er teils selbst opferte, teils unter seinen Bekannten sammelte. Er hat auch die jüdische Volksküche in Warschau begründet und den aus Moskau ausgewiesenen Juden Hilfe erwiesen. Friede seiner Asche! * Wilna. (Die Polizei und die Arbeitslosigkeit.) Infolge der in Russland bestehenden ökonomischen Krisjs und der daraus resultierenden Stockung auf dem Gebiete der Bautätigkeit sind tausende von jüdischen Zimmerleuten, Maurern, Tischlern, Schlossern und sonstigen Bauhandwerkern seit Monaten ohne Beschäftigung und sterben mit ihren Angehörigen buchstäblich vor Hunger. Hier aber waren die jüdischen Arbeitslosen in solcher Verzweiflung, dass sich sogar die Polizei veranlasst sah, sich für die Bauhandwerker um Arbeit umzusehen. Die Polizei in Wrilna lässt die Trottoirs ausbessern und befahl sämtlichen Hausbesitzern, ihre Häuser frisch zu streichen. Ausserdem hat sie die jüdische Gemeinde alarmiert und ihr aufgegeben, um jeden Preis für die Arbeitslosen zu sorgen. Die Gemeinde hat nun die ganze Stadt in .17 Bezirke eingeteilt und für jeden Bezirk eine Armenkpmmissioh eingesetzt. Letztere verteilt nun unter den arbeitslosen Bauhandwerkern (die anderen Arbeitslosen bekommen nichts!) 2 Pfund Brot per Kopf und Tag. Ausserdem versucht ein speziell eingesetzter Ausschuss für Arbeitsnachweis den arbeitslosen Bauhandwerkern Beschäftigung zuzuweisen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass diese Bemühungen ziemlich fruchtlos sind. Jetzt haben die unglücklichen Bauhandwerker zum Aeussersten gegriffen: Sie wandern in grossen Scharen aus, und täglich verlassen hunderte von zerlumpten jüdischen Handwerkern Wilna, um nach Amerika, Australien und Südafrika zu gehen. Die „St. james Gazette" in London publizierte anlässlich der Krönung des "Königs und der Königin eine eigene Festnummer, zu der über Einladung der Redaktion die hervorragendsten englischen Schriftsteller beigetragen haben. Israel Z..an jgwiÄli'l schreibt nun: „Das Krönungs-Rituale in der Westminster-Abtei ist eine Ueberraschung für mich. Obgleich ich weiss, dass jedes