Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 34 (22.8.1902)
- Article
- Die Juden in Kairo und in Persien
- Date
- 1902-08-22
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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«r. 34 MOie # ziell Juden-Beschränkungen bestellen dort nicht. Den Juden steht es frei, sich überall in Egypten auisiedeln und jedem beliebigen Gewerbe oder Erwerbe nachgehen zu dürfen. Und doch leben die Juden in Egypten in „Qhetti" und in erschreckender Armut. Das jüdische Ghetto in Kairo, Dai-El-Barabar genannt, verblüfft durch seine Armut und durch Ii« Zusammenpferchung der Bevölkerung. Die engen und schmalen Gassen, in denen kein Wagen passieren kann, sind bedrückend düster, die Wohnungen in den halbverfallenen Häusern völlig finster. Die wenigen reichen Juden, welche Geschäfte in der Miiska-Strasse, dem Zentrum der Stadt, besitzen, wohnen in ander«» Stadtteilen, in Ismailia, Abbasia und Midon-El-Mohammed-Eli Aber dieses kleine Häuflein wohlhabender Juden, das fast ausschliesslich aus eingewanderten rumänischen und österreichischen Juden besteht, vermag nicht die Notlage der in Dar-El-Barabar lebenden Juden zu lindern. Und die Lage der Juden im Ghetto zu Kairo gestaltet sich immer schlechter. Von den siebenhundert Familien, welche in Dar-El-Barabar leben, sind 80 Prozent ohne jedwede sichere Existenz. Die allgemeine Amiut und die Ungewis&keit über den kommenden Tag bedrücken die Notleidenden auch moralisch, während das künstlich geschaffene „Ghetto" sein Gepräge auf das Antlitz eines jeden Juden aufdrückt. Viele von den notleidenden Juden sind Handwerker, befinden sich aber fceständig ohne Arbeit, folglich auch ohne Brot... Die Hauptursaehe dieser Arbeitslosigkeit liegt in der Unmöglichkeit, mit den Arabern zu konkurrieren, welche ihre Dienste äusserst minimal taxieren. Jeder Arbeitgeber in Kairo beschäftigt bei sUl am liebsten Araber, denen er einen sehr kleinen Arbeitslohn zahlt und sie ausserdem nach Belieben behandeln kann. Auch die Unkenntnis der fremden Sprachen, welche durch den internationalen Charakter von Egypten verlangt werden, verschlechtert die Lage der Juden in Kairo, die infolge dieser Unkenntnis nicht einmal als Taglöhner und Hafenarbeiter Verwendung finden können. Durch diese Faktoren sind die Juden in Kairo zu Bettlern gemacht worden. Die jüdischen Schneider, Anstreicher und Fabrikarbeiter hatten sich vor kurzem dem in Kairo ausgebrochenen allgemeinen Strike angeschlossen, hauptsächlich deshalb, weil die &tiikenden die Nichtzulassung der Araber in die europäischen Werkstätten verlangten. Die Fabrikbesitzer und andere europäische Arbeitgeber hatten zwar diese Forderung grundsätzlich angenommen, erfüllen konnten sie dieselbe aber nicht. Die Folge davon ist, dass zwei Drittel der Bevölkerimg von Dar-El-ßarabar brotlos sind und immer mehr herunter kommen. Einen deprimierenden Eindruck machen die Kinder in Dar-El-Barabar. Nackt und hungrig, ohne Aufsicht und irgendwelche Pflege, liegen diese Kin<kr des Elends in den sehmutzstarrenden Gassen und Gässchem des jüdischen Ghetto umher... Auch die anderen, ausschliesslich von Juden bewohnten Ortschaften von Kairo, wie El-Komp und El-Chendl, bieten ein Bild des Elends und des Jammers. Noch einen Beweis dafür, i&ss die Juden, sogar dort, wo sie eine versehwindend kleine Minorität der Bevölkerung bilden, in grosser Notlage leben, liefert Persien. Einige Daten über die Lage der Juden in Persien wurden unlängst in der „Revue Blanche" veröffentlicht. Wir lesehränken uns auf die Daten, welche die Lage der Juden in Teheran beleuchten, weil sie als Gradmesser für die Lage der Juden in den anderen Städten Persiens dienen können. Die jüdische Gemeinde in Teheran zählt im ganzen 6000 Mitglieder. Und nur drei Juden aus dieser Zahl besitzen ein Vermögen von ungefähr 30 000 Tranes; alle übrigen Juden leben in tiefster Armut. Das unter den Anhängern des Islam verbreitete Vorurteil, wonach alle Gegenstände, welche von den Juden berührt, alle Wohnungen, welche von Juden bewohnt werden, unrein wären, bedrückt die Juden in Teheran unsäglich. Sie sind gezwungen, Häuser käuflich zu erwerben, um dort wohnen zu können. Da die Häuser von einem Anbänger des Islam nicht einmal umsonst genommen werden, so haben sie mir als Wohnstättea einen Wert. WelW* Seite 7 Und ein Blick in das Innere einer jüdischen Wohnung in Teheran genügt, um die jüdische Armut in ihrer ganzen Grösse kennen zu lernen. In diesen Wohnungen befindet sich kein einziges Möbelstück; we*der Tisch, noch Stuhl, noch Kasten sind dort vorhanden. Auf dem Boden ist ein aus Stofffetzen zusammengenilhter Teppich ausgebreitet, auf dem die Bewohner sitzen, essen und schlafen. Die Küche liegt im Hofe unter einer Bedachung voll Rauch und Buss. Wovon die Juden leben, ist eine Frage, die niemand beantworten kann. Ohne Arbeit und Beschäftigung sind die Juden von Teheran nicht in der Lage, sich selbst, geschweige denn ihre Familien mit trockenem Brote ernähren zu können. Die Folge dieser schrecklichen Armut ist, dass die Grundpfeiler der jüdischen Familie in Teheran arg erschüttert sind. Ehescheidungen sind unter den Juden in Teheran eine alltagliche Erscheinung. Die Judenmädehen in Teheran werden im zartesten Alter verheiratet, sie werden jedem zur Frau gegeben, der darum ansucht. Man kann in Persien kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen sehen, welche bereits Mütter sind. Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, viele persische Juden in Russland kennen zu lernen und muss bezeugen, dass diese Juden auch in anderer Hinsicht sehr bemerkenswert sind. Die Armut und die Sorge um den morgigen Tag haben in ihnen das Bewusstsein ihrer Menschenwürde fast erstickt. Sie sind schüchtern, niedergeschlagen und hilflos. Fast alle Juden in Teheran leiden buchstäblich Hunger. Die Versuche einiger jüdischen Philanthropen aus Westeuropa, den persischen Juden materielle und geistige Hilfe zu erweisen, haben bis jetzt keine greifbaren Resultate ergeben. &t... Nationalfonds - Kommission. (Mitteilung.) Einzelne Mitglieder der Nationalfonds-Konimission und auch verschiedene Gesinnungsgenossen haben bei mir das Begehren gestellt, dass ich ihnen die bisher eingelaufenen Anmerkungen u. dgl. zum Entwürfe des Nationalfonds- Statuts einsende. Ebenso haben einzelne Antragsteller den Wunsch geäussert, dass ihre Anträge sofort nach deren Eingang versendet werden. Diesen Wünschen kann nicht nachgekommen werden. Es wäre eine Unmöglichkeit, die einzeln eingelaufenen Anträge, Anmerkungen einzeln zu versenden. Einerseits würde die Arbeit des Unterzeichneten dann in eine Abschieiaingsarbeit ausarten, die viel Mühe, ohne übrigens viel Nutzen zu bringen, verursachen würde. Der Einlauf ist ein viel grösserer, als sich manche Herren vorstellen. Andererseits kann es sich nicht darum handeln, systemlos das ganze Material zu versenden, heute den einen, morgen den andern Antrag. Der Unterzeichnete erfasst seine Aufgabe darin, nicht als Vervielfältigungsmaschine oder als Postbureau zu fungieren, sondern den gesamten Einlauf systematisch zu verarbeiten. Er ist jetzt mit der Verarbeitung dieses Einlaufes beschäftigt. Die Arbeit konnte früher nicht begonnen werden, da der modifizierte Antrag des Aktionskomitees erst Ende Juni erschienen ist. Uebrigens steht noch jetzt die Rückäusserung einer Behörde aus. Im Monat September wird ein gedruckter Bericht des Unterzeichneten erscheinen. Der Bericht, der in systematischer Weise den Inhalt des gesamten Einlaufes wiedergeben wird, wird den Mitgliedern der Nationalfonds- Kommission, des Aktions-Komitees, wie auch der Presse zugesendet werden. Dieser Bericht wird auch als Grundlage für die Beratungen des kleinen Kongresses, eventuell für die einer in Verbindung mit dem kleinen Kongress stattfindenden Sitzung der Nationalfonds-Kommission dienen können. Die zionistische Presse wird ersucht, die gegenwärtige Mitteilung abzudrucken. Zürich, den 5. August 1902. Der Präsident der Nationalfonds-Kommission: Dr. Farbstein.