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Die Welt · 1902-08-22 · 34 (22.8.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
34 (22.8.1902)
Article
Judentum und Zionismus in Amerika
Date
1902-08-22
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 „Die $ Weit" Seite 3 Problem selbst ist von so interessanter Art, dass nur der, welcher selbst hier gewesen ist, es begreifen kann, welche Aussichten das Judentum hier hat. Wenn ich je überzeugt war, dass Zionismus die einzige Logik im jüdischen Leben ist, bin ich es hier inmitten der wimmelnden Seharen des New-Yorker Ghetto. Eine Handelsgesellschaft in Palästina. Unser Gesinnungsgenosse Herr H. Vogelsohn in Lodz will eine Handelsgesellschaft für Palästina ins Leben rufen- Er sendet uns die nachstehenden Ausführungen über die Bedeutung dieser Handelsgesellschaft für die industrielle Entwicklung Palästinas, die wir der Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen.: Vom Standpunkte ausgehend, dass die Kolonisierung Palästinas nur dann zweckmässig betrieben werden kann, wenn dieselbe auf einer Berechnung des bestmöglichst zu erreichenden Wohlstandes der einwandernden Bevölkerung beruht, das heisst, damit die Leute, welche nach Palastina kommen, leichter ihre Existenzmittel sich dort verschaffen können, als in dein Lande, aus welchem sie ausgewandert sind, damit sie sich dort bequemer das Leben einrichten und ruhiger in die Zukunft blicken können, damit sie endlich die neue Stätte als dauernden Ansässigkeitsort betrachten, müssen wir unserseits das Möglichste tun, die Erwerbsquellen des Landes zu vervielfältigen und die Lebensverhältnisse derart zu gestalten suchen, dass es den Eingewanderten nicht allzu schwer fällt, sich zu akklimatisieren. Als eine der wichtigsten Erwerbsquellen ist die Kleinindustrie zu betrachten. Ich wende mein Augenmerk der Klein in dustrie eher als der Grossindustrie zu: 1. Weil die Grossindustrie eine weitere Entwicklungsstufe der Kleinindustrie überhaupt ist, das heisst nichts anderes als die Folge eines starken Massenverbrauches der Artikel der Kleinindustrie. 2. Weil bei der Kleinindustrie der Nutzen unter den dabei Beschäftigten gleichmässiger verteilt wird und der allgemeine Wohlstand sich besser hebt als bei der Grossindustrie, welche dazu beiträgt, einerseits grosse Kapitalien in einzelnen Händen anzusammeln und andererseits die Masse der Arbeiter ausschliesslich vom täglichen Verdienste abhängig zu machen. 3. Weil die meisten Bedarfsartikel des Lebens überhaupt, und besonders in einer Gegend, die nicht auf hoher kultureller Stufe steht, wie zum Beispiel Palästina oder andere Teile des Orients, eher der Kleinals der Grossindustrie entstammen. Eine Industrie in einem Lande kommt nur allmählich und entsteht meistens, um die unabweisbaren Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen uod erst später auch die Bedürfnisse, welche mit der Entwicklung des kulturellen Lebens sich vermehren und wachsen. Länder mit stärkerer industrieller Entwicklung pflegen die Erzeugnisse nach Ländern mit schwächerer Industrie auszuführen und sie sozusagen dort anzupflanzen. Weun Erzeugnisse zu Bedürfnissen geworden sind und. der Absatz in grossen Quantitäten vor sich geht, dann entsteht dort, wohin die Artikel eingeführt werden, die Frage, wie die Herstellung derselben zu verbilligen wäre. Es beginnt eine Nachahmung der Artikel und damit ist auch ein neuer Industriezweig geschaffen. Um neu entstandenen Industriezweigen zum Gedeihen zu verhelfen, respektive selbst neue Industriegebiete zu schaffen, soll in Palästina ein Agentur- und Kommissionsgeschäft gegründet werden, das im speziellen folgendes bezweckt: 1. Einfuhr der diversesten Bedarfsartikel und Absatz derselben bei der dortigen Bevölkerung. 2, Förderung der Kleinindustrie dort 3. Ausfuhr der dortigen landwirtschaftlichen Produkte nach den verschiedenen Ländern. Es bestehen in Palästina bereits grosse Handelsfirmen, welche europäische Artikel dorthin ein- und einheimische Artikel ausführen. Es dürfte daher voraussichtlich auch unserer Firma, die mit einem relativ leistungsfähigen Anlagekapital versehen ist und von gediegenen Fachmännern geleistet werden wird, nicht schwer fallen, leistungsfähige Vertretungen zu erhalten und das Vertrauen der kaufmännischen Welt sich zu erwerben. Da nun durch uns Bezugsquellen und Absatzländer bekannt gemacht werden, so eröffnen wir dadurch auch neue Operationsgebiete für Kaufleute, die ihrerseits wiederum neue Verbindungen anzuknüpfen suchen werden. Hierbei könnten selbstredend viele unserer Stammesgenossen, die mit den dortigen Verhältnissen bekannt sind, lohnende Beschäftigung finden und beim Erfolge auch die Konkurrenz, der treibende Faktor der Geschäftswelt, mächtig angespornt werden. Wir sind umso berechtigter, auf Erfolg und die Erfüllung unserer Wünsche zu rechnen, als der Hauptzweck unseres Unternehmens nicht so sehr pekuniärer Verdienst als vielmehr die Förderung der Kleinindustrie überhaupt an Ort und Stelle sein soll. Deshalb werden wir auch ganz besonders darauf bedacht sein, der Bevölkerung die Anweisung zur Herstellung der verbreitetsten Artikel zu geben. Das geschieht durch Heranziehung von Fachleuten auch aus anderen Ländern, durch Import von Maschinen und Einrichtungen, durch Gründung von Werkstätten u. s. w. Findet ein Artikel Anklang, so kommt die Entwicklung desselben von selbst. So sehen wir zum Beispiel vor unseren Augen, dass vor mehreren Jahren in Kaiisch die ersten jüdischen Pionniere sich niedergelassen haben, um Spitzen zu machen, und dabei mit sehr geringen Mitteln angefangen haben. Daraus hat sich bereits dort ein grosser Industriezweig entwickelt, welcher so manchem nicht nur zum Wohlstande, sondern sogar zum Reichtum verholten hat; was aber die Hauptsache ist, viele Hände sind bei dieser Fabrikation beschäftigt, und die meisten haben ihr anständiges und sicheres Auskommen. Erst vor kurzer Zeit waren in den Zeitungen verschiedene Berichte erschienen über Entstehung und Entwicklung der Hausleinen- Industrie im Witebsker Gouvernement; die Bauern haben die Leinengewebe anfangs nur zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse hergestellt: die Nachfrage steigt aber mit jedem Tage und sie erzielen schon Umsätze von mehreren tausend Rubeln jährlich. Dieser Aufschwung hat die Gründung einer grossen Spinnerei zur Anfertigung von Garnen in Witebsk selbst veranlasst, da die Garne bis vor kurzem aus Riga bezogen wurden, was für die Weber mit grossen Kosten und Umständen verbunden war. Wir würden zu weit gehen, wollten wir Beispiele der Entwicklung der Hausindustrie anführen; jeder Kaufmann kennt das zur Genüge vom alltäglichen Leben und aus eigener Erfahrung. Welche Bedeutung der Kleinindustrie sogar in Russland, der Kornkammer von Europa, beigemessen wird, sehen wir aus dem Umstände, dass erst unlängst dort eine allrussische Ausstellung der Erzeugnisse der Kleinindustrie veranstaltet wurde und dass der Minister des Innern allen Gouverneuren vorgeschrieben hat, Daten über die Entwicklung der Kleinindustrie zu sammeln, sowie erforderliche Massregeln zu ergreifen, um, dem Geschmacke und den Verhältnissen eines jeden Ortes entsprechend, die geeignete Branche der Kleinindustrie zu fördern. Die Entwicklung der Industrie geht aber auch Hand in Hand mit der Landwirtschaft. Durch die Industrie steigt der Bedarf für die Rohprodukte, welche ihr die Landwirtschaft liefert. Der Ueberschuss aber nach Befriedigung des örtlichen Bedarfes kann nach anderen Ländern exportiert werden.

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