Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Article
- Die Kleidermacherin
- Date
- 1902-08-15
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 „tae # Weit" S«ite 15 von niemandem gestört werden. Weife, weit ausserhalb der Stadt lag der jüdische Friedhof. Es war ein besonders heisser Tag. Die Sonne sengte unerträglich, in der Luft lag eine drückende Schwüle. Mit sichtlicher Anstrengung legte Basja-Gitel den langen Weg zurück. Grosse Schweisstropfen perlten über ihre Stirne, sie atmete schwer. Endlich erreichte sie den Friedhof. Und ein Schwärm von Gedanken, einer schmerzhafter als der andere, durchzuckte ihre Seele und nahm ihre Sinne gefangen. Hier, an dieser Stelle, war sie vor zwei Jahren erschienen, um ihren Chaim zu Grabe zu tragen» Damals, als die letzten Erdschollen auf den Sarg geworfen wurden, glaubte sie, sich selbst zu ihrem Manne in die Gruft legen zu müssen. Und doch, sie lebt noch, während ihr Chaim in der Erde modert. In ihren Gedanken bemerkte sie gar nicht, dass sie' bereits neben dem Grabe ihres Mannes stand. Und in unsäglichem Schmerze warf sich Basja-Gitel auf den bescheidenen Grabhügel nieder. Ein Wehklagen durchzitterte die Luft. Basja- Gitel klagte ihrem Chaim ihr Leid, bat ihn, vordem Throne des Allmächtigen als Fürsprecher für sie und die Kinder zu erscheinen und von der Gnade des Allbarmherzigen die Rückkehr des Moische Leeb zu erflehen. Bei dem Gedanken an Moische Leeb, welcher im feruen Kaukasus der harten militärischen Pflicht obliegt, fühlte Basja-Gitel einen nagenden Schmerz in der linken Brustseite, der den Rest ihrer Kräfte rauben zu wollen schien. Lange lag Basja-Gitel auf dem Grabhügel, und eine Flut von Tränen entströmte ihren durch nächtliche Näharbeit geschwächten Augen. Die Sonne ging bereits unter, der Friedhof war menschenleer geworden, doch Basja-Gitel lag noch immer auf dem Grabhügel ihres Chaim, als wollte sie ihn nicht mehr verlassen . . . Gebrochen und unsäglich schwach kehrte Basja-Gitel erst nach Abenddämmerung heim. Sore stürzte besorgt der Mutter entgegen und war nicht wenig ersehreckt, als sie deren ungewöhnliche Blässe bemerkte. Uni es kostete dem Mädchen viel Mühe, die Mutter zu bewegen, nach dem schweren Fasttage irgendwelche Speise zu sich zu nehmen. Ein Glas Sauermilch und ein Stück Brot stillten ihren Hunger, der, wie sie sagte, merkwürdigerweise gar nicht vorhanden war. — — — — — — — — — Und wiederum rasselten die Nähmaschinen, und wiederum sassen zwei abgehärmte und abgequälte Gestalten da, um die Leiber zu den Toiletten für Fräulein Sophia Borissowna Schwarzmann fertig zu machen. Mussten doch die Toiletten am folgenden Tage geliefert werden. In tiefer Niedergeschlagenheit und mit unsäglichem Kummer im Herzen sass Basja-Gitel an der Nähmaschine. Bleischwer war ihr Kopf, alle Glieder taten ihr weh und die Augenlider fielen immer zu. Doch nicht Schlafsucht, sondern ein ihr unerklärlicher Zustand war es, der in ihr ein merkwürdiges Gefühl des Unbehagens hervorrief und gleich einem Schwiudelanfalle ihr die Sehkraft trübte. Es kostete ihr viel Mühe, um sich aufrecht zu erhalten uud die Postarbeit fortzusetzen. Doch bei Tagesanbruch schienen alle ihre Anstrengungen nicht mehr zu helfen. Sie legte ihren Arm auf die Nähmaschine, Hess das müde Haupt auf denselben nieder und versank in Halbschlummer. Und Basja- Gitel träumte von Moische Leeb, der durch die Fürbitte ihres toten Chaim heimgekehrt war, frisch, gesund und munter, um seiner armen Mutter in ihrer Not beizustehen. Aber merkwürdigerweise schien der Körper der Basja- Gitel gar kein Lebenszeichen zu verrathen. Die an der zweiten Maschine ruhig arbeitende Sore warf bereits besorgte Blicke auf ihre noch immer schlummernde Mutter, wagte jedoch nicht, sie zu wecken. Als jedoch das Hornsignal des Kuhhirten, der die Kühe der Stadt zur Weide trieb, ertönte und Basja-Gitel noch immer nicht erwacht , war, da bemächtigte sich des Mädchens eine angstvolle Unruhe. Leise stand sie vom Sitze auf, leise fing sie an, die Mutter zu rütteln. Doch Basja-Gitel erwachte nicht. Behutsam hob Sore das Haupt der Mutter, und ein gellender Angstschrei durchzitterte die Morgenluft und lockte Passanten herbei. Das Gesicht von Basja-Gitel war erdfahl, die schmerzvoll zusammengezogenen Lippen wiesen keine Blutstropfen auf, nur die halbgeöffneten Augen schienen ein Meer von Kummer auszudrücken. Basja-Gitel war tot, sie hatte ausgerungen. Der Arzt sagte, ein Herzschlag hätte ihrem Leben etn Ende gemacht. — — —■ — — — — Sophia Borissowna Schwarzmann erhielt ihre Toiletten zum festgesetzten Termine nicht. Sie musste unter dem Vor wände der Unpässlichkeit der grossen Unterhaltung beim Stadtbaumeister fernbleiben. Mitteilungen des Landeskomitees. An unsere Vereine und Vertrauensmänner! In letzter Zeit kamen uns wiederholt Mitteilungen zu, wonach Gruppen rumänischer Emigranten an unsere Gesinnungsgenossen herantreten mit der Bitte, ihnen je Frcs. 150 zu verschaffen, damit sie durch Erlag dieses Betrages an die „IcaÄ von derselben in den Vereinigten Staaten oder in Kanada angesiedelt werden. Gestützt wird dieses Ansuchen durch die Behauptung, die „Ic&" habe sich bereit erklärt, 50.000 Auswanderer in den genannten Ländern zu kolonisieren, wenn sie per Kopf eine Beitragsleistung in der Höhe von Frcs. 150 erhalte. Das österreichische Landeskomitee hat nun sofort Recherchen eingeleitet, um Authentisches über die Richtigkeit der aufgestellten Behauptungen zu erfahren, und ist heute in der Lage, auf Grund einer an das Landeskomitee gelangten direkten Rückäusserung der „Ica" zu erklären, dass diese Gesellschaft eine Zusage in dem geäusserten Sinne niemals gemacht hat und daher alle daran geknüpften Angaben und Daten aus der Luft gegriffen erscheinen. Diese Mitteilung erfolgt selbstverständlich nicht in der Absicht, Unterstützungsaktionen, soweit solche eingeleitet sein sollten, irgendwie zu behindern, sondern einzig und allein zu dem Zwecke, um Irreführungen entgegenzutreten, die nur nachteilig auf die Hilfsbereischaft der österreichischen Zionisten wirken könnten. Für das ö s t e r r e i c h i s ch e L a n d e sk o m i t e e : Dr. S. Krenbergerm. p. Egon Lederer Obmann. Referent in Sachen der rum. Durchwanderung. Spenden. Für den jüdischen Nationalfonds: Aus Piatra-N.: FrauFridaB. EL Kolomeyr Lei 15.05, Bei Hochzeit Roza Bermann durch Fräulein Betty Löbelsohn und Betty Zissu 3.50, Bei Hochzeit L. Katz: L. Katz 1.-, L. Goldfarb, Lippa Katz, Tipra Wechsler, M. Hermann ä 0. 50, Sophi Abeles 0.75, J. Steiner, R. Alterescu, A. Leibovici, S. Abramovici, A. Grinberg, H. Katz, M. Zilbermann, B. Katz, Frau Bermann ä 0.25, L. Mendel 0.30, Frau Weismann. Frau Goldenberg, Frau L. Katz, C. Goldenberg, Sofie Leibovici, Jeanette Weintraub ä 0.20, Frln. Katz 0.10, zusammen Lei 7.60, Bei Hochzeit Bstera Katz: Lipa Katz, Ch. Adelsberg, S. J. Katz, Marcu Herman ä Lei 1.—, Itic Katz, N. Feinstein, Josef M. Katz, Moses Daniel, Ch. Thierer, Hiiel Katz, B. Katz, M. Strulovici, Leib Katz, S. Zalmanovici, Ruchel Leia Hermann ä 0.50, Jtic Menar, H. Zalmanovici ä 0.30, Men Lazarovici, Moise Avram, Rb. Mendel, Jtic Beer ä 0.20, zusammen Lei 10.90, Durch Frl. Roza Heller bei einer Hochzeit: Grigore Jonescu, D. Samsony, W. Daniel ä Lei 1.—, J. S. Brill 1.—, J. Tucker, J. Steiner, J. Marcovici, Rosenthal, L. Jakerkauer, B. Jakerkauer, L. Brüll, J. Strich, Jos. Haimsohn, B. S. Bercovici, P. Daniel ä 0.50, Jul. Sperling 0.70, Diverse 3.60, zusammen Lei 13.80, Totale Lei 50.85, ab Porto 0.85 Lei 50.- Kr. 47.60, Sammlung bei der Gymnasialjugend in Stryj durch Gymnasiast Moses Herber, Lemberg Kr. 7.97, D. C, aus Brody 1. —, M. H. aus Drohobycz 1.—, Sammlung bei Verlobung des Fräulein Emma Lewy in Nierstein mit Jul. Koch in Dalheim 31.—, Mehrere Herren in Frankfurt anL Promotion Dr. Emil Rosenwasser 3.25, . F. Margulis, Tarnopol 0.97,