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Die Welt · 1902-08-15 · 33 (15.8.1902) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
33 (15.8.1902)
Article
Witebsk [Nachricht]
Date
1902-08-15
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Di* Welt1" Nr. 33 Beschhiss der Judengemeinde von Dwinsk annulliert und die Ausfolgung der Spende inhibiert. * B alta. Der Gemeinderat von Balta hat die Judengemeinde der Stadt genötigt, die beim Gemeindeamte erliegenden speziellen Geldsummen zur Bestreitung der Kosten für die Erhaltung verschiedener spezieller Wohlfahrts-Einrichtungen dem Gemeinderate zur Pflasterung der Strassen auszufolgen. Dieser ungesetzliche Beschluss wurde von der Gouvernements-Verwaltung bestätigt. Die Strassen von Balta wurden nun, wie die „Kiewskaja Slowo" mit Recht bemerkt, mit dem Golde gepflastert, welches die armen Juden zusammengelegt haben, um ihren noch ärmeren Brüdern in ihren Nöten helfen zu kömien. ■* Jekaterinoslaw. In dem in Jekaterinoslaw erscheinenden Blatte „Pridneprowskij Kraj" veröffentlicht der russische Schriftsteller P. Besobrasow einen längeren Artikel über die jüdische Armut in Jekaterinosslaw, der einen deprimierenden Eindruck macht. Besobrasow schreibt unter anderem: ,Jm Rechenschaftsberichte des jüdischen Hilfsvereines steht zu lesen, dass die Hilfe des Vereines auch Handwerker und Kleinhändler — 112 Schneider, 75 Schuhmacher, 36 Kutscher und 246 Kleinhändler — in Anspruch genommen haben. Mein Besuch in einigen im Erdgeschosse liegenden Wohnungen dieser Armen hat mich erst den Bericht t»egreifen zu können gelehrt. Betrachtet dieses Weib, welches in der Ortschaft Gendarmskaja Balka einen Stand hat! Fünf Zitronen, einiges Backwerk — das ist ihr ganzes Geschäft. Das Weib wohnt mit ihrer Schwester in einem Zimmer. Die Schwester ist verheiratet und hat viele Kinder. Alle bilden hier in der Nacht einen Haufen. Man sagt, der Tote braucht nicht viel Raum: drei Ellen in der Länge und anderthalb Ellen in der Breite genügen ihm vollkommen. Die Einwohner der Ortschaft der Elenden wären glücklich, wenn jeder von ihnen bei Lebzeiten die Hälfte von dem Raum haben könnte, der einem Toten gegeben wird. Was kann aber schlechter sein, wenn einer dem anderen die Luft wegnimmt, wenn auf der Strasse Haufen von in Lumpen gehüllten Kindern zu sehen sind, welche monatelang ihre Kleider und Wäsche nicht wechseln. Was kann schlechter sein? Und doch gibt es in Jekaterinosslaw noch solche Winkel, wo die Leute in noch schlechteren Verhältnissen leben. Die Wohnungen dieser Unglücklichen gleichen halbverfallenen Stallungen, ihr ganzes Hab bildet einen Haufen Fetzen. Um so zu leben, muss man ungeheuer viel Geduld haben. Und diese unglücklichen Juden, vom ungerechten Schicksal niedergeschmettert, murren niclit und glauben fest an Gott. Sie stehlen nicht, sie empören sich nicht, sie morden nicht. Sie suchen Arbeit. Wenn Menschen, die hungern und immer von einem Stück Schwarzbrot träumen, nicht stehlen, sondern auf ihre Arbeit hoffen, sind es niclit bloss ehrliche Menschen, sondern sie sind Helden von Selbstverleugnung und starkem Willen. Im Gefängnisse bekommt jeder seine Schlafstätte und täglich sein Essen. Im engsten Gefängnlss aber ist es besser zu leben als in der Gendarmskaja Balka." * Grodno. Wie das polnische Blatt „Kurjer Codzieimy" meldet, macht sich unter den Juden im Gouvernement Grodno eine starke ^uswanderungsbewegung bemerkbar. Die Auswanderer emigrieren hauptsächlich nach Südafrika. * Zellinvali im Kaukasus. Das ganze jüdische Viertel der Stadt ist das Opfer einer Feuersbrunst geworden. 300 Häuser sind eingeäschert worden^ mehr als 1500 Juden sind bvot- und obdachlos. Personalnachrichten. In Berlin ist — auf der Durchreise nach Karlsbad begriffen — der Herausgeber des „Woskhod* in St. Petersburg, Herr Adolf Landau, plötzlich gestorben* Der Dahingeschiedene hat ein Alter von etwa 55 Jahren erreicht. Sein Verlust wird in ganz Russland betrauert werden, wo er ein Menschenalter hindurch für die jüdischen Interessen mutvoll kämpfte und wirkte. — Am 29. Juli starb in Paris die Gattin des allverehrten Rabbiners der russischen und polnischen Gemeinde Rabbi Jehuda Lubetzki, unseres treuen Gesinnungsgenossen. Sie war ein jüdisches Weib in dem guten alten Sinne, die frühzeitig (kaum 52 Jahre alt) ihrer Familie und ihrer Gemeinde, in der sie unermüdlich wohltuend wirkte, entrissen wurde. Der Gross- Rabbiner von Frankreich, umgeben von allen Pariser Rabbinern, sowie fast die ganze polnisch-russische Gemeinde sreleiteten die Verblichene auf ihrem letzten ^r ^ribüiK. In Angelegenheit der Palästina-Ethrogim schreibt uns Gesinnungsgenosse I. L. Koretz in Kopczyce, der in dieser Sache alljährlich in rühmlichster Weise tätig ist, folgendes: Binnen kurzem werden die Ethrogim-Händler sich wieder auf den Weg nach Triest machen., um den griechischen Judenfeinden ihre Erzeugnisse abzunehmen, und obgleich hunderte von rabbinischen Koryphäen den rituellen Gebrauch nichtpalästinensischer Ethrogim., da deren Züchtungsweise nicht den religionsgesetzlichen Anforderungen entspricht, für unzulässig erklärt haben, geht alles seinen alten Gang .... Niemand bedenkt all die Mühsal, die unsere Kolonisten in Palästina bei der An- X>flanzung und Zucht der Ethrogim erdulden und wie ihre einzige Hoffnung bei Anlegung dieser Pflanzungen darauf beruhte, dass die ausländischen Brüder ihre Erzeugnisse denen der judenfeindlichen Griechen freudig vorziehen werden. Es ist tief beschämend, dass nach so langjähriger unausgesetzter Agitation die Nachfrage nach Palästina-Ethrogim noch immer überaus gering ist und der grosste Teil unserer Brüder gedankenlos nach „schönem" Ethrogim aus Korfu und Parga greift, die ihr gleissendes Aeussere lediglich der religionsgesetzlich unzulässigen Pfropfung mit Schösslingen fremder Arten verdanken. Es ist geradezu ein phsychologisches Problem: Hätte eine gleich grosse Anzahl hervorragender Rabbiner sich gegen irgend einen anderen religiösen Missbrauch ausgesprochen, ihre Worte würden ohne Zweifel Gehör gefunden haben. Nun aber, da es sich neben dem religionsgesetzlichen Moment auch noch um da,s Lebensinteresse hunderter von jüdischen Familien in Palästina handelt, kümmert sich niemand um die Gutachten der Rabbiner, als stellten diese an die grosse Gesamtheit unerfüllbare Forderungen! Demgegenüber ist es Pflicht aller Verständigen, denen die Sache nahe geht, unermüdlich gegen diesen Abusus mit aller Entschiedenheit aufzutreten und die unwissende und indifferente Menge über die Wichtigkeit dieser Angelegenheit aufzuklären. Insbesondere wir Zionisten dürfen es nicht dulden, dass der alte Schlendrian weiter bestehen bleibe. Die einzelnen Landeskomitees sollten sieh die Sache in ihrem Wirkungskreise angelegen sein lassen und denjenigen Einzelvereinen, die in dieser Richtung erfolgreich tätig sein könnten, entsprechende Weisungen und Anregungen zukommen lassen. Wo eine Einwirkung auf den Ortsrabbiner und auf die Händler möglich ist, dürfen die Zionisten es nicht unterlassen, in diesem Sinne energisch tätig zu sein. Meiner Ansicht nach ist der beste Weg zur Einbürgerung der Palästina-Ethrogim der, den ich voriges Jahr im „Hameliz" Nr. 130 und im „Hamagid" Nr. 32 vorgeschlagen habe. Ich rekapituliere hier kurz das dort Ausgeführte: In allen Landeshauptstädten sind Paiästiiia-Ethrogim-Komitees einzusetzen, beispielsweise in Warschau für das Königreich Polen, in Lemberg für Ostgalizien usw. Diese Komitees sollen aus uneigennützigen Zionsfretmden bestehen und sich damit befassen, den Interessenten. Palästina-Ethrogim zum Selbstkostenpreise zu liefern. Zu diesem Zwecke sollen sie sich mit den palästinensischen Kolonisten einerseits, mit dem Ethrogim kaufenden Publikum und den Händlern andererseits in Verbindung setzen und den Vertrieb der Palästina-Ethrogim nach, kaufmännischen Usancen, jedoch wie gesagt, ohne jeden Profit, besorgen. Die Verwaltungs¬ und sonstigen Spesen könnten durch den gleichzeitigen Verkauf der anderen drei zum Feststrausse gehörigen Früchte mit Leichtigkeit gedeckt werden. Allenfalls würde sich das kaufende Publikum einen Aufschlag von 5—10 Perzent gerne gefallen lassen, und die Palästina-Ethrogim mtissten in diesem Falle noch immer nicht oder nur um ein Geringes teurer zu stehen kommen als die griechische Frucht gleicher Qualität. Ein Umstand dürfte jedoch dabei nicht übersehen werden: es müsste durch ein entsprechendes Kontrollsystem Vorsorge getroffen werden, dass

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