Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Article
- Zur Lage des jüdischen Proletariats in Mohilew am Dnjepr
- Date
- 1902-08-15
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 38 „Die # Welt^ Seite 7 hofes, die er selbst entweder auf dem Markte oder in kleinen liäden kauft, in ölen Dörfern herumreist und diese Waren gegen Produkte der ländlichen Wirtschaft umtauscht. Er wählt seinen Beruf nicht aus wirtschaftlicher Ueberlegung, sondern infolge seiner Not. Seine ganze fixe Kapitalsanlage besteht aus einem einfachen Holzwagen und einem kleinen, billigen Pferdchen, mit welchem er in den Dörfern herumzieht. Auch dieses Kapital ist er einem fürsorgenden Wucherer schuldig, der seine Zinsen, wie es unten noch genauer ausgeführt werden wird, gut einzukassieren weiss. Das zirkulierende Kapital des Lumpenhändlers (der Betrag seiner umlaufenden Ware) beträgt 3—10 Kübel, weiche gewöhnlich im Laufe eines Tages umgesetzt werden. Seine Tätigkeit beginnt früh morgens. Da pflegt er seine Waren auf dem Markte einzukaufen: Eisenwerkzeuge, billige Kleidungsstücke, Tabak, Häringe, Zündhölzehen u. dgl. Ein Teil dieser Wiaren wird oft auch in Kramladen, angekauft, welche ihrerseits als Arbeitgeber für kleine jüdische Alleinmeister auftreten. Mit dieser Ladung besteigt nun unser Lumpenhändler seinen Wagen und begibt sich allein oder in Begleitung seiner Frau oder eines erwachsenen Sohnes in die benachbarten Dörfer. Dort bietet er den bäuerlichen Einwohnern seinen Kram an und tauscht ihn dann gegen Geflügel, Federn, Eier und sonstige Produkte der Bauernwirtsehaft um. Gewöhnlich funktioniert er nur im Sommer während der Zeit der Feldarbeit; im Winter bringt der Bauer seine W7aren selbst auf den Markt und tauscht sie für Geld um. Nachdem der Tausch vollzogen ist, kehrt der Lumpenhändler spät, abends nach Hause in die Stadt zurück, wo er gewöhnlich schon von jüdischen Krämern, Hausierern und Hausiererfrauen erwartet wird, die ihm seine umgetauschten Waren abnehmen. Auch Makler kömien sich manchmal dazwisch ensehieben, wenn es dem Lumpenhändler gelingt, eine grössere Beute (Kleinvieh, Leinwand) mit nach Hause zu bringen. Beim guten Geschäftsgange trägt ihm dieser Handel im Durchschnitt 2r/.r—5 Rubel wöchentlich ein; also, sieht man von dem minimalen Unternehmergewinst und Arbeitslohn ab und rechnet man im Durchschnitt sein zirkulierendes Kapital auf 10 Rubel, so verzinst dieses Kapital sich selbst beim täglichen Umschlag 13 bis 26 Mal im Jahre. Es handelt sich also bei solchen Zwergumsätzen um eine ganz enorme Verteuerung des Zinsfusses. Im Laden sowohl als auch beim Hausierer bleibt die Ware ebenfalls nicht lange liegen. Die Krämer verkaufen sie schon in den peripherischen Stadtvierteln, wo das ganze jüdische Proletariat wohnt, während die Hausierer sie in der Stadt auf dem Markte, auf der Strasse oder in Häusern verkaufen. Ihr Verdienst beträgt 5—10 Kopeken täglich. Wie viele überflüssige Menschenkräfte dabei verschwendet werden, wie gross daher die Konkurrenz unter ihnen ist, könnten vielleicht folgende Zahlen aus einer von mir hergestellten Enquete beweisen. In den 1000 jüdischen Familien, die von der Verfasserin befragt wurden, waren beschäftigt: Als „Lumpenhändler" 20, als Hausierer 107 Menschen, davon Frauen 100, darunter Witwen 25, Mädchen 5; als Kleinkrämer mit dem Absätze in derselben Strasse, in der die Waren eingekauft werden, 72 Menschen, davon Frauen 35, darunter Witwen 7. Es ist klar, dass bei solcher Konkurrenz der Kampf um den Groschen so gross ist, dass davor jede wirtschaftliche Berechnung in den Hintergrund treten niuss. Verweilen wir einen Augenblick bei den Hausiererfrauen. Nur ein kleiner Teil von ihnen, und zwar der „vornehmere", beschäftigt sich mit dem Herumtragen der von Lumpenhändlern gekauften Wären (Hühner, Federn, Eier). Sie betreiben ihr Gewerbe regelmässig und haben gewöhnlieh ihren bestimmten Kundenkreis. Daneben kommen ca. 5 Milch Verkäuferinnen, für die ebenfalls ihr Abnehmerkreis bestimmt ist. Anders die grosse Zahl der übrigen, welche dem Konsumenten förmlich nachzuspüren haben und selir oft nur auf seine Gunst angewiesen sind. Obst, Kartoffel, welches bei den Bauern auf dem Markte gekauft wird oder Gebäck und billige Leckereien werden von ihnen auf dein Markte und auf den Strassen herumgeschleppt; ihre Umsätze betragen oft nicht mehr als 50 Kopeken täglich und auch nur dann, wenn sie den ganzen Tag herumstreifen. Mangel an Geld — denn auch diese Meine Summe erseheint hier als Kapital — verleiht diesem Gewerbe einen sporadischen Charakter. Man beschäftigt sich mit demselben, nicht wenn man die Marktverhältnisse für besonders günstig hält, sondern wenn man gerade ein paar Kopeken zusammengespart hat. Wirtschaftlich also ganz und gar unnützlich, ist aber dieses Geschäft vom Standpunkte der Einzelwirtschaft aus eine unentbehrliche Hilfsquelle zum kümmerlichen Verdienste des Fanülieiihauptes.*) Es handelt sieh also in der Masse des jüdischen „Unter« nehmer-Proletariats" um wirtschaftlich ganz und gar überflüssige Elemente, welche nur bei einer ganz elenden Lebenshaltung bestehen können und welche von der durch den bevorstehenden Bau eines Eisenbahnzweiges in Mohilew möglicherweise entstehenden Grossindustrie wahrscheinlich völlig aufgesaugt sein werden. - (Schluss folgt.) Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Kiew. Das in Kiew erscheinende Blatt „Kiewskoje Slowo" publiziert ein Verzeichnis der Gymnasien und Mittelschulen im Südwestgebiete, welche in diesem Jahre für jüdische- Zöglinge völlig gesperrt wurden. Die Gymnasien in Belsk, Süwalki, Lubny, Lublin, Nemirow und Starodub haben die Aufnahme von Juden in diesem Jahre gänzlich eingestellt. Die Gymnasien in Kelzy, Belozerkow und Slatopol haben heuer die 4., 5. und 6. Klasse für die Juden gesperrt. Das Gymnasium von Elisabethgrad hat alle Gesuche jüdischer Zöglinge einfach zurückgewiesen; ** * . M oska u. Die Entgegennahme von Gesuchen um Aufnahme in die Moskauer Universität wurde heuer bis zum. 23, d. verlängert, aber nur für Studenten des orthodoxen Glaubens. Juden werden nur in der Zahl von 2 Perzent der Gesamtzahl der Neuaufgenommenen Aufnahme finden. :*. Akkerman. Das seehsklassigc Gymnasium' dieser Stadt wurde unlängst in ein achtklassiges verwandelt. Der pädagogische Senat des Gymnasiums hat verfügt, dass (]ie jüdischen Schüler der 6. Klasse beim Aufsteigen in die 7. Klasse als Neueintretende betrachtet und infolge dessen der bekannten perzentuellen Einschränkung unterworfen werden müssen. * Krementsch ug. Die jüdische Bevölkerung von Krementschug hat mit Rücksicht darauf, dass die jüdischen Kinder in die Lehranstalten des Reiches fast gar keine Aufnahme .finden, das Finanzministerium angesucht, in Krementsehng eine' Handelsakademie zu errichen, deren Kosten von den Juden bestritten werden und die auch Christenkinderu in der Höhe von 50 Proz. der Gesamtzahl der Zöglinge offen sein soll. Durch dieses großmütige Opfer wollten sich die Juden die Möglichkeit erkaufen, eine öffentliche Lehranstalt zu besitzen, in die Juden in der Höhe von 50 Prozent Aufnahme finden. Das Finanzministp.rj-uiu gab vor kurzem diesem Gesuche Folge. Nunmehr aber wurden die Bittsteller, wie die „Kiewskaja Gazeta" meldet, verständigt, dass das Finanzministerium die bereits bestätigten Statuten dahin abänderte, dass die prozentuelle Norm der jüdischen Zöglinge nur 40 Prozent erreichen kann, die auch dann nicht überschritten werden darf, wenn die für die Christen bestimmten Plätze vakant bleiben sollten. * Witebsk. Die jüdische Gemeinde von Dvvinsk, ehemals Dünaburg, hat den Abbrändlern von Bohrnisk und Onikschty 2000 Rubel aus den speziellen jüdischen Goldsummen spenden wollen, welche jede jüdische Gemeinde im Bürgermeisteramte der betreffenden Stadt erliegen hat. Die Gouvernements-Verwaltung, von der die Genehmigung dazu eingeholt werden muss, hat diesen '*) Von den 100 von der Verfasserin befragten Hausiererfrauen waren Witwen 25, Mädchen 2; Frauen von Lastträgern und anderen Taglöhnern 21, von Fuhrleuten 20, von ..Lumpenhändlern" .2, von Schustern 7, von Tischlern 7, von Synagogendienern 5, von Schneidern 3, von Metzgern 1, von Zigarettenarbeit ern 1.