Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 33 (15.8.1902)
- Article
- Tagblatt von Basel Land [Kommentar]
- Date
- 1902-08-15
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Dfo $ Welt?» Ns. 33 In Basel hatte man schon einigemale Gelegenheit, die theoretischen Voraussetzungen zu einer wirtschaftlichen und sozialen Hebung des in der Diaspora des Ostens lebenden Judentums aus den hier tagenden Zionistenkongressen kennen zu lernen. Was die zionistische Bewegung will, soweit sich die Sache bisher abgeklärt hat, ist die Sammlung des jüdischen Stammesangehörigen auf eigenem Grund und Boden, in Palästina, dem Lande der Verheissung. Sollte hier die Kolonisierung oder besser gesagt, die Nationalisierung des jüdischen Volkes gelingen, so dürften jene Züge von Auswanderern, wie wir sie eben geschildert haben, fernerhin verschwinden. Zur Lage des jüdischen Proletariats in Mohilew am Dnjepr.*) Von Sara Rabinowitsch (Freiburg i. B.) Einleitung. — Erster Eindruck. — Die Juden an der Peripherie der Stadt. — Das „Unternehmerproletariat". — Der Mensehenüberfluss beim Güterumsatz. — Entstehung des russisch-jüdischen Händlers. — Der sogen. „Lumpenhändler". — Die Hausierer. — Der Menschen überfluss bei der Güterproduktion. — Die Arbeiter- Vereinigung. — Unmöglichkeit eines ökonomischen Avancements. — Der Wucherer in der Person des „Wochers". — Der Wucher beim Erwerbskredit. — Der Wucher beim Notkredit. — Das Projekt von Dr. Katzenellensohn auf dem letzten zionistischen Kongress zu Basel. — Die 3,Gabete". — Die „Puschke". — Zur Charakteristik der jüdischen Wohlfahrtspflege in Mohilew a. Dnjepr. —• Allgemeine Schlussbetrachtung. * Inmitten eines der industriearmen Teile Westrusslands, abseits von jedem Eisenbahnverkehr liegt eine Gouvernementsstadt, in welcher sich das eigentümliche Leben des russisch-jüdischen Proletariats besonders klar und deutlich abspielt. Diese Stadt heisst Mohilew am Dnjepr. Demjenigen, der zum erstenmale aus Westeuropa mit dem Dampfer nach Mohilew kommt, wird auf dem Kai wohl nichts so sehr auffallen, als ein Menschengedränge, welches vielleicht nur mit eiern an den grossen europäischen Verkehrsplätzen zu vergleichen ist. Die wenigen gutgekleideten Passagiere, welche aus dem Dampfer steigen, werden von den Leuten förmlich bestürmt, 5—10 jüdische Träger bieten sich einem jeden derselben an, sein CepUck bis zur Droschke zu tragen; die Fuhrleute streiten sich heftig um die Ehre, ihn in die Stadt zu führen, Hausiererinnen, ebenfalls fast alle jüdischer Abstammung, rufen mit heiserer Stimme ihre? Waren aus: Weck, Kuchen, Wurst, Obst von zweifelhafter Peinlichkeit und geradezu erschreckender Billigkeit. In den nächsten Strassen beim Kai bemerkt der mit Beobachtungsgabe ausgerüstete Fremde denselben unruhigen, hastenden Verkehr: eine unverhiiltnismässig grosse Zahl kleiner, jüdischer Läden fällt ihm auf, und wieder und immer wieder jüdische Träger, Droschkenkutscher und Hausier er frauen, welche ihre Dienste mit fast flehentlicher Stimme anbieten. Kommt man aber ins Innere der Stadt, so ändert sich da.s Bild gänzlich. Eine Ruhe, eine Stille herrschen da, wie kaum in einer anderen Stadt mit derselben Bevölkerungszahl. (Mohilew zählt 46 9IS Köpfe der Bevölkerung.) Kaum hört man einen Wagen vorbeirasseln: fast schläfrig, gewiss nicht eilig scheint da jeder der Fussgänger zu sein. Wendet sich der überraschte Fremde an die Statistik, um sich diesen Kontrast zu erklären, so erfährt er, dass Mohilew 216 Fabriken und Werkstätten zählt, wTelche alle insgesamt mit 606 Arbeitern und 614 532 Pubein Kapital fast nur für den Lokalabsatz produzieren; dass also die Armut des einen und die scheinbare Sorglosigkeit des anderen Bevölkerungsteiles keineswegs als organisches Ganzes die Licht- und Schattenseiten einer hochentwickelten Industrie darstellen. Die Ursache dieser Eigentümlichkeiten wird erst demjenigen *) Diese Abhandlung ist ein Auszug aus einer Doktor- Dissertation, welche in einem der nächsten Monate in den „Volkswirtschaftlichen Abhandlungen der badischen Hochschulen" im Verlag von Braun in Karlsruhe i. B. erscheinen wird. Die Verfasserin sieht sich veranlasst, diesen Auszug, der auf persönlichen Beobachtungen beruht, auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen, indem sie ihn speziell für „Die W^elt" ausgearbeitet hat. klar, der sich die Mühe genommen hat, in die peripherischen, fast ausschliesslich von Juden bewohnten Stadtviertel sich zu begeben, um einen Einblick in ihre Lage zu gewinnen. Die Juden, welche 12,4 Perzent der Bevölkerung des Mohilewer Gouvernements zählen,*) bewohnen in Mohilew zum grossen Teile diese Stadtviertel. Zwischen schmutzigen, ungepflasterten Strassen, in welchen auch bei sonnenklarem Himmel fast immer die Füsse im Kot versinken, liegen planlos kleine, alte, halbverwüstete Holzhäusehen mit niedrigen Fensterehen und zerbrochenen Schornsteinen. In diesen Häuschen herrschen Hunger, Frost, Massensterblichkeit der Kinder und eine fast trostlose Abhängigkeit vom Wucherer bei Erwachsenen. Von Tag zu Tag droht diesen Proletariern die Gefahr, aueh jene kümmerlichen Erwerbsgelegenheiten zu verlieren, durch welche sie sich mit ihren Familien kaum durch das Leben hindurchfristen. Daher dieses unruhige, ängstliche Hasten, welches hier dem ganzen wirtschaftlichen Leben sein Gepräge verleiht, gepeitscht von der fortwährenden Gefahr, Hungers zu sterben, werfen sich Hunderte auf jede Erwerbsquelle, welche sie nur gegen den Hungertod schützen kann, und diese Gefahr — nicht das wirtschaftliche Prinzip der möglichst geringen Kosten bei möglichst hohen Gewinnsten — bestimmt hier die wirtschaftliche Tätigkeit eines jeden. Der Händler braucht hier den Abnehmer; der Produzent den Konsumenten, nicht umgekehrt. So bildet sich hier, im Gegensätze zu allen westeuropäischen Erscheinungen nicht ein Arbeiter-, sondern sozusagen ein „Unternehmerproletariat": der hiesige jüdische Proletarier verkauft nicht nur seine Arbeitskraft, sondern er muss sich auch fortwährend erst den Markt für dieselbe schaffen. Die künstliche Zusammenpferchung der grossen Mehrheit der russischen Juden in einem verhältnismässig kleinen „Ansiedlungsrayon", welche durch die russischen Judenverfolgungen hervorgerufen worden ist, hat es fertig gebracht, dass fast in jeder Stadt soundso viele Juden tatsächlich zu langsamem Hungertode verurteilt sind. Eine ganz eigentümliche Verschwendung an menschlicher Arbeitskraft, eine Verlangsamug des Produktions- und Umsatzprozesses, hervorgerufen durch Ueberbieten an menschlichen Diensten, wird dadurch hervorgebracht. Denn die Not kann weder abwarten, noch rechnen: sie muss schlechthin befriedigt werden; das Prinzip der geringsten Kosten ist ihr unbekannt. Auf dem Wege zwischen Produzent und Konsument schiebt sie vor allem eine Reihe der von ihr gepeinigten Existenzen ein, welche sich mit einer verzweifelten Festigkeit an ihre kargen Schlupfwinkel klammern. Verschwinden sie von dem Schauplatze des Umsatzprozesses, so wird es niemand merken, denn kein Mensch benötigt sie. So lange sie aber da sind, haben sie es nötig, beschäftigt zu werden, und werden daran mit der Zähigkeit des Lebenswillens festhalten., so lange sie von Sitte und Gewohnheit noch eiiiigermassen geduldet werden. So entsteht der russisch-jüdische Händler, diese Zielscheibe antisemitischer Anfechtungen, diese Verkörperung der Verkümmerung und des Elends, dieser Schatten des Leben, dieser Spielball des Todes im verwickelten Netze des kleinlichsten Existenzkampfes. Im Folgenden sollen zwei Arten von Vertretern dieser verwahrlosten Menschenklasse vorgeführt werden: der sogenannte jüdische „Lumpenhändler", der „Vermittler der ländlichen Produktion mit dem städtischen Konsum" und der jüdische Hausierer, vielmehr die jüdische Hausiererfrau, welcher resp. welche die „Zirkulation der Waren in der Stadt" hervorbringt. Welches Elend sich unter diesen hohen Bezeichnungen verbirgt, wird aus dieser Skizze ersichtlich: „Lumpenhändler" nennt sich der jüdische Kleinhändler, welcher mit Waren allerlei Art nach dem Bedarfs des Bauern- *) Die Zahlen für die Stadt Mohilew waren leider nicht festzustellen.