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Die Welt · 1902-08-15 · 33 (15.8.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
33 (15.8.1902)
Article
Rumänien und die Mächte
Date
1902-08-15
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 33 ,DI© # Welt" Seite 5 gewillt, aber zu Elend und Müssiggang verdammt sind. Wir geben sie im Auszuge wieder: FocsanL Wir 25 unglücklich gegen das Elend kämpfenden Arbeiter haben uns vergeblich an Pariser und Londoner Wohtätigkeitsvereine gewendet, von denen wir keine Antwort erhalten haben. Wir bitten, uns Mittel und Wege zu geben, in ein Land, wo wir arbeiten können, zu gelangen. Der Herbst ist vor der Türe und bald kommt der Winter und wir sehen mit grösstem Schrecken in die Zukunft, unfähig, uns noch länger am Leben zu erhalten. Bukarest. Seit Monaten gehen wir hier herum und können kein Stückchen Brot verdienen, weil wir Juden sind. Wir bitten Sie, uns bald von hier zu erretten, damit nicht, Gott behüte, noch einige zugrunde gehen. Die „Ica" hat uns nicht einmal geantwortet. Bukarest. „Wir 50 junge und kräftige Arbeiter, vereinigt zu emigrieren wegen Erdarbeit, weil wir in Romania nicht können leben, bitten, Sie sollen haben Mitleid auf uns, damit wir sollen nicht darfen schterben für 'unger. Wir bitten Antwort, weil die „Ica" gebt uns keine. Die Unglücklichen." Sterben vor Hunger ... Und die Judenoffiziösen trommeln weiter: Regierung... Regierung... Nieder mit dem Zionismus! Wie lange werden die Juden noch nach diesem Trommelschlag marschieren? Die Sensationen des Vorjahres sind vorüber; rührt sie das stille Elend nicht, das stille, ewige? Zionisten! Euch bewegt der Schmerz Eurer Brüder. Sorgt dafür, dass in kürzester Frist jüdische Abende zugunsten der rumänischen Brüder seitens der jüdischen Vereine stattfinden. Sammelt, arbeitet so stark, als das Unglück gross ist. Vergrössert den Rumänienfonds des Aktions-Komitees. Agitiert unablässig für unsere Ziele, den einzigen Weg aus dem Jammer der Gegenwart! U. Zur Lage der rumänischen Juden. „Frankfurter Zeitung" : Bukarest. Obgleich sich infolge der diesjährigen ausgezeichneten Weizen ernte bereits eine erhebliche Besserung im Handel bemerkbar macht, so ist doch für das Bauhandwerk in diesem Jahre noch keine Aenderung in der Geschäftslosigkeit eingetreten und darunter hat in erster Linie die jüdische Arbeiterschaft zu leiden, welche von den wenigen zur Ausführung gelangenden Bauten methodisch ausgeschlossen wird. Allein in Bukarest sind an 600 Familien von Bauhandwerkern vollständig erwerbslos und es wird eine Sammlung veranstaltet, um die denselben zur Auswanderung nötigen Mittei im Mindestbetrage von 80.000 Lei zu verschaffen. Daneben dauern aber die Auswanderungen aus Bukarest und aus der Provinz in ungeschwächter Ausdehnung fort. Morgen werden 217 und am Montag 125 jüdische Emigranten über Predeal das Land verlassen. Zur Notlage des grossen Teiles der jüdischen Bevölkerung Rumäniens kommen nun noch verschiedene Chikanierungen, welche darnach angetan sind, den Juden den Aufenthalt im Lande zu verleiden. So hat die Primarie der grossen Stadt PI oj est ein am 1./14. August In Kraft tretendes Reglement votiert, nach welchem die Schlachtung von Tieren zu Nahrungszwecken nur mehr nach einem vom Veterinär der Stadt erfundenen System stattfinden darf und die jüdischen Fleischer der Stadt sind bereits angewiesen worden, diese mit dem Gebote Moses' in völligem Widerspruche stehende Methode in ausschliessliche Anwendung zu bringen. Hie und da kommt es zu tätlichen Angriffen auf einzelne Juden, ohne dass es die Behörden der Mühe für wert finden, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern. So berichtet der „Dorobantul" unter Angabe von Namen über einen Ueberfall, dessen Opfer der in der Gemeinde Preut e s t i, Distrikt Snceava, ansässige jüdische Kaufmann David Lazarovici geworden ist. Obgleich Lazarovici in der Gemeinde geboren ist und daselbst bisher unbeanstandet das Gewerbe eines Händlers ausgeübt hat, wollte man ihn doch zum Verlassen des Dorfes zwingen und es sind zu diesem Zwecke Leute in sein Geschäftslokal eingedrungen und haben ihn in barbarischer Weise misshandelt. Zwar wurde die in Betracht kommende Behörde unter Nennung der Uebeltäter von diesem am 14. Juli vorgefallenen Gewaltakte verständigt, doch ist bisher gar nichts geschehen, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. * Der Zug der Wanderer geht auf dem Wege nach Havre jetzt grossenteils über die Schweiz. WTie überall haben auch dort unsere Gesinnungsgenossen werktätige Hilfe organisiert. Komitees gegründet und die Schweizer Presse für unsere Brüder interessiert. Tatsächlich haben fast alle Blätter sich ausführlich mit der Sache beschäftigt. In folgendem bringen wir Stellen aus dem Leitartikel des Tagblatt Yon Basel Land: Wer sich in den vergangenen Wochen am Zentralbahnhofe in Basel oder in dessen Umgebung aufhielt, dem sind truppenweise mit Bündeln und sonstigen armseligen Gepäckstücken, mit kleinen, schreienden Kindern am Bahnhofe herumlagernde Leute aufgefallen, die sich in ihrer ganzen Art und der Physiognomie, welche die Auswanderer sonst charakterisiert, durchaus unterschieden. Während sonst auf den Gesichtern der europamüden, juDgen oder schon älteren Leute, die aus unserer Schweiz die Fahrt über den Ozean zu wagen im Begriffe stehen, eine gewisse frohe Zuversicht auf ein neues, besseres Dasein ausgeprägt ist, trugen diese Leute stumme Resignation und stille Verzweiflung zur Schau. Jedes einzelne Gesicht war gleichsam eine lebendige Erzählung von einer endlosen Kette schwerer Entbehrungen, Mühsalen und Bedrückungen. Es sind jüdische Handwerker Rumäniens. Ich hatte Gelegenheit, durch persönliche Unterhaltung mit einzelnen von ihnen ein genaueres Bild dieser zwar nicht neuen, aber dieses Jahr in besonders krasser Form auftretenden Verfolgung zu erhalten. Die meisten der Auswanderer gehören dem Handwerksstande an. Es finden sich unter ihnen Vertreter des Spengler-, Bäcker-, Schneider-, Schuster- und Schreiner-Berufes. Die Strapazen, welche sie auf dieser Reise allein bis Basel erduldet haben müssen, spotten jeder Beschreibung. So erzählte eine junge Frau, die ein bleiches, kränkliches Kind auf den Armen trug, das dann hier gestorben ist, dass sie seit nahezu zwei Tagen nichts mehr genossen habe. Trotzdem suchte sie immer und immer wieder ihr Kind, das gleichfalls nach Nahrung verlangte, an milchleerer Brust zu stillen. Schreiber dieses war zugegen, als am Bahnhofe Nahrung an diese Auswanderer verteilt wurde. Die Freude, die dankbaren Blicke, welche bei der Entgegennahme der bescheidenen Gabe aus ihren Augen leuchteten, und den Heisshunger, mit dem sie sich an ihr notdürftig sättigten, werde ich nie vergessen. Wie bereits oben bemerkt wurde, ist das Reiseziel der meisten von ihnen New-York. Auf die Frage, was sie dort weiter zu tun gedächten, wurde mir die stereotype Antwort: Arbeiten, arbeiten, um jeden Preis, arbeiten was immer es sei, arbeiten zur Erlangung der allernotwendigsten Unterhaltsmittel. Es ist klar, dass aus wirtschaftlichen Gründen bei aller Sympathie, die jeder fühlende und edleren Regungen zugängliche Mensch für diese Opfer haben muss, sich doch andererseits auch der rein egoistische Selbsterhaltungstrieb ihrer zukünftigen Landgenossen in fühlbarster Weise zeigen wird. Misstrauen, Anfeindung und Verfolgung haben dieLeute in Rumänien verlassen, Misstrauen, Anfeindung und Hass aus den genannten und vielleicht auch anderen allgemeinen antisemitischen Gründen werden sie auch in ihrer neuen Heimat wieder antreffen. Es ist bisher bei solchen Anlässen zum Auskunftsmittel der Kleinkolonisierung dieser Auswanderer gegriffen worden. Die Resultate aber, welche damit gezeitigt wurden, stehen in keinem Verhältnisse zu den Opfern an Geld und Arbeit, die man hierfür aufgewendet hat. Der Grund aber, weshalb bisher mit dieser Kolonisierung so wenig erreicht wurde, ist unseres Erachtens der, dass zu wenig planmässig, zuwenigkonsequent, zu wenig unter sorgfältigster Beachtung aller Nebenumstände vorgegangen worden ist. Dabei sind doch Million en von Franken eigentlich nutzlos vorausgabt w orden, welche, wenn sie in den Dienst einer wirklich rationellen und planmässigen Kolonisation gestellt worden wären, unzweifelhaft reiche und bleibende Früchte getragen hätten.

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