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Die Welt · 1902-08-15 · 33 (15.8.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
33 (15.8.1902)
Article
Der Zionismus und die Christenheit
Date
1902-08-15
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Weit";Nr. 33 dass eine solche öffentliche Meinung im Werden ist, mit dankbarer Anerkennung zu begrüssen ist Abgesehen aber von unserem Endziele, ist jede Sympathiekundgebung für den Zionismus von unschätzbarem Werte. Denn jede Sympathie für diese ideelle Beweg u n g der Juden muss notwendig Sympathien für die Juden selbst wachrufen. IShir der mit dem psychologischen Abc Unbekannte wird diesem Eaisonnement zu widersprechen wagen. Und hier werden wir Juden selbst mithelfen können; Hand in Hand mit der vom Zionismus angestrebten Weckung unseres Selbstgefühles muss unabweisbar ein taktfestes Auftreten unseren christlichen Mitbürgern gegenüber gehen. Wir sind ja eben eine relativ kleine Minorität, der erst seit kurzem, und wie die Neuzeit zeigt, mit Kückfallen — Menschenrechte eingeräumt worden sind. Gewiss ist es daher nicht zu verwundern, wenn ein (nicht nur Frankfurter) Patrizier annoch das „Mach Mores Jud'" im Gedächtnis haben sollte. Wenn derselbe aber dem gleichen Gedanken Kaum geben und auf seine Ahnen pochend uns wie Parias behandeln möchte, dann würde der Jude mit bescheidenem Stolze' mit Lord Beaconsfield antworten können: „Als eure Ahnen das Gras der Felder assen, ward unseren Vorfahren die Thora gegeben." Rumänien und die Mächte. Von den Negern am oberen Kongo kennen wir eine merkwürdige Gewohnheit: Wenn so einer von seinem Nachbar beschimpft oder betrogen ist, so nimmt er nicht etwa einen Stock und bleut diesen durch oder verklagt ihn beim weissen Richter; sondern er nimmt eine lautschallende Trommel, auf der die Kongoneger ganze Sätze verständlich trommeln können, und bei Eintritt der Nacht trommelt er,im aufhorchenden Tal, der Betreffende wäre ein Lump und ein Schuft. Und nachdem er das Seinige heruntergepaukt hat, geht er befriedigt schlafen. Der andere mag sich zur Strafe ärgern — wenn er will. Ein ähnliches Getrommel hören wir jetzt auch bei den Juden. Der Hunger tobt in Rumänien. Da fordern die massgebenden westjüdischen Kreise nicht etwa unausgesetzt zu Sammlungen auf oder trachten, durch Unterstützung einer zielbewussten Auswanderungs- Politik dem sicheren Jammer der Zukunft zu begegnen oder zeigen auch nur den Schein einer wirklichen Hilfeleistung; sondern sie lassen in ihren Organen trommeln, die rumänische Regierung handle mit dem Erlassen der mörderischen Handwerkergesetze gegen den Berliner Vertrag. Sie müsse das ändern oder die Mächte sollten die Aenderung erzwingen — wenn sie wollen. Angenommen, die rumänische Regierung will. Sie lässt das Handwerkergesetz fallen. Das Gesetz ist aber noch gar nicht in Kraft. Und doch sind jetzt schon tausende Arbeitsloser die Beute von Hunger und Verzweiflung! Und doch verlassen fortwährend Truppen der Gequälten, starke, junge, intelligente Arbeiter das Land, gehen zu Fuss ins Blinde, nur aus Rumänien heraus! Denn unten hungern sie nicht, sie verhungern! Kein Fabrikant darf ihnen Arbeit geben, weil ihm sonst kein Rumäne etwas abnimmt. Kein Rumäne darf bei Juden kaufen, er würde gesellschaftlich geächtet. Denn das M. C. A., die rumänische Antisemitenliga, mit Ministerialsekretären, mit Universitätsprofessoren im Ausschuss, mit tausenden Mitgliedern im Volke ist eine gewaltige politische Macht im Lande. Die liebe Universitätsjugend ist zu billigen Heldentaten immer bereit. Die Bevölkerung, wir lasen es oft genug, ist der Todfeind der Juden. — Und die Parlaments Vertreter dieser Wählerschaft sollen ein Gesetz widerrufen, das den Juden die Bodenarbeit verbietet, oder ein zweites Gesetz, das ihnen die Handarbeit nimmt? Was können Minister gegen den klaren Wortlaut des Gesetzes tun, dessen humanste Auslegung noch immer eine ungeheure Grausamkeit übrig lässt? Aber sowohl die Minister als auch die Deputierten werden sich davor hüten, bei den nächsten Wahlen weggeblasen zu werden, abgesehen von ihrer eigenen Meinung. Genug Minister haben schon gesprochen und alle sagten deutlich: „Die Regierung will nicht!" Vielleicht aber wollen die Mächte? Wenn schon nicht als Wächter des Berliner Vertrages, so doch zur Abwehr des Eindringens arbeitsloser Elemente? Gegen letzteres haben sie sich prompt gesichert und ihre Grenzen möglichst gut gesperrt. Merk's, Jude: Wenn Trupps italienischer, kroatischer Arbeiter die Reichsgrenzen überschreiten, brauchen sie einen Pass, sonst nichts; jüdische Gruppen brauchen noch ein Durchreisebillet, um hereingelassen zu werden. Ins Wespennest der Balkanpolitik der Juden wegen zu greifen, so sentimental ist man heute nicht. Bloss England hat, wie am 30. Juli der Unterstaatssekretär Granborne erklärte, durch seinen Gesandten in Rumänien in freundschaftlicher Weise Vorstellungen gemacht. Sonst hat keine Regierung das Schweigen der Gleichgiltigkeit gebrochen, nur aus Oesterreich liegt eine bedeutsame Meldung vor. Es bemerkt nämlich anlässlich einer Besprechung des Besuches des Königs von Rumänien bei Kaiser Franz Josef in Ischl die offiziöse „Montags- Revue" vom 4. August: „Konstitutionell im höchsten Masse, überlässt der König die Gesetzgebung der Regierung und den Kammern und wenn ein schwerer Missgriff erfolgt, so liegt die Schuld gewiss nur an dem jeweiligen Regime. Das jetzige hat sich soeben umgeformt. Bei der Rekonstruktion des Kabinetts liess nfen den Schöpfer des so viel besprochenen Handwerkergesetzes ziehen, vielleicht gerade deshalb, weil dieses Gesetz^ mit seinen Konsequenzen im Auslande schwere Missbilligung erfuhr und sogar zu einer freundschaftlichen Intervention der englischen Regierung Anlass bot. Es wäre für die rumänische Regierung wohl erspriesslich, gutem Rat zu folgen, allein in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates sich zu mengen, hat wohl niemand das Recht, und wenn dies auch gegenüber der Türkei ausseracht gelassen wird, so darf nicht vergessen werden, dass die Türkei übernommene internationale Verpflichtungen nicht erfüllte/ Wenn wir nicht irren, haben die Interventionen der Mächte auf dem Balkan denselben Berliner Vertrag zum Grunde, der jetzt in anderen Punkten von Rumänien verletzt wird. Der Judenparagraph 44 bringt aber keinerlei Energieehtfaltung hervor. Seine krasse Verletzung ruft nach einer neuen Intervention. Aber die Mächte zeigen klar: Sie wollen auch nicht! Und wollten sie schon, sie könnten wieder nur das Ministerium zwingen, nicht die Bevölkerung, nicht die Kammern. Kann das Ministerium dem Hunger Arbeit schaffen, kann es der Bevölkerung ihren Hass nehmen? Kann das Ministerium die Würgehand des Hungers fesseln, die einen krafvollen Teil des jüdischen Volkes erdrosselt? Uns liegen drei Briefe vor, erschütternde Hilferufe, nicht von Bettlern, sondern von kraftstrotzenden, fleissigen Menschen, die zur Arbeit geschaffen und

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