Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Article
- Die Kleidermacherin
- Date
- 1902-08-08
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 32 „ttfe # Weit** Seite 15 Blumen und Gewächsen ragten inmitten der kostbaren Weinflaschen hervor. Sophia ßorissowna Schwarzmann feierte an diesem Abende ihren Geburtstag. Im Schmucke der Jugend und in einer herrlichen Toilette, welche im Kleidersalon der weit und breit bekannten Marja Iwanowna Popow hergestellt wurde, war Sophie Borissowna die Königin des Abends. Eine Legion von Jünglingen aus christlichen Familien, welche zu dem Geldbeutel des Herrn Schwarzmann stets ihre Zuflucht nahmen, umschwärmten das reiche und hübsche Judenmädchen. Der rotbackige, glattrasierte Hausherr empfing seine Gäste mit ausgesuchter Höflichkeit. Für jeden hatte er ein freundliches Wort, jedem vvusste er etwas angenehmes zu sagen. Nachdem man der Leckerbissen satt genossen und des Weines viel gekostet, begab man sich in den Salon, um die angekündigten Vorträge anzuhören. Ein Jüngling setzte sich, ans Klavier und fing eine bekannte Melodie zu spielen an. Die animierte Stimmung steigerte sich immer mehr. Jemandem fiel es ein, Sophia Borissowna zu ersuchen, ein Lied vorzutragen. Im Nu wurde sie von einer Schar von Jünglingen umringt, welche das Ersuchen eifrig unterstützten. Lächelnd und nicht ohne Koketterie begab sich Sophia Borissowna zum Klavier und hub zu singen an. Ihre zarte Stimme, mit den Tönen des Klaviers vermischt, drang au<ilL zu den auf der Strasse stehenden Bewohnern der Judengasse herüber und erfüllte die Luft mit süssen, einschmeichelnden Tönen. Im Erdgeschosse des gegenüberliegenden Hauses wohnte die Kleidermaclierin Basja-Gitel Seligson. Ihre Wohnung bestand aus Zimmer und Küche, welche ein Bild tiefster Armut und Dürftigkeit boten. Die Wände waren von Feuchtigkeit mit verdächtigem „Grün" bedeckt, der Boden halb verfault. Ein modriger Geruch verpestete die Luft in den dunklen und niedrigen Wohnräumen, die der matte Schein einer kleinen Petroleumlampe spärlich beleuchtete. Die Einrichtung bestand aus einem, sich auf seinen Füssen kaum haltenden Kleiderkasten, einem alten Divan, von dessen Sitze das Seegras hervorlugte, aus drei Holzstühlen und einem langen Tische, auf welchen verschiedene Stoffreste in grosser Unordnung umherlagen. Hinter einer improvisierten spanischen Wand stand ein grosses Bett, das auf einer Seite von einem alten Korbe gestützt wurde. Auf dem Bette lagen zwei Kinder, ein Mädchen von fünf Jahren und ein dreijähriger Knabe. Basja-Gitel war Witwe. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Mann, Chaim Seligson, verloren und seit damals ging es ihr sehr schlecht. Und ist es denn etwa eine Kleinigkeit, sich und eine zahlreiche Familie mit den wenigen Groschen zu erhalten, welche sie bei den armen Juden durch Kleidermachen zu verdienen pflegte? Bei Lebzeiten Chaims war es doch ganz anders. Er war ein tüchtiger Damenschneider gewesen, fleissig, nüchtern und um seine Familie immer besorgt. Aber was konnte Basja-Gitel, ein schwaches krankes Weib, allein ausrichten, welches noch dazu die kleinen Kinder zu betreuen hatte? Dass sie krank sei, hatte ihr der städtische Arzt schon längst gesagt. Ein verdächtiger Husten entrang sich ihrer eingefallenen Brust, rote Flecken bedeckten ihr blasses und abgehärmtes Antlitz und sogaj in den heissesten Sommermonaten pflegte sie hie und da von einem Schüttelfrost befallen zu werden, dessen Ursachen sie nicht begreifen konnte. Wohl hatte sie einen erwachsenen Sohn, der als tüchtiger Damenschneider schon bei Lebzeiten Chaims eine Stütze der Familie war, aber seit anderthalb Jahren ist ihr Sohn Moische-Leeb beim Militär, irgendwo im fernen Kaukasus, wohin sogar ein Brief zwei manchmal auch drei Wochen geht. Und wer weiss? Vielleicht hat der Kummer um die Assentierung des einzigen Sohnes der armen Basja-Gistel eine unheilbare Wunde geschlagen. Basja-Gitel fand zwar eine Stütze in ihrer fünfzehnjährigen Tochter Sore, welche von frühem Morgen bis in die späte Nacht hinein bei der Maschine zu sitzen und zu nähen pflegte, aber den Moische-Leeb konnte sie dennoch nicht ersetzen. In den letzten Wochen hat sich die Notlage der Basja-Gitel dadurch verschärft, dass ihre Kunden in der Judengasse die Anfertigung von neuen Kleidern aus traditioneller Frömmigkeit auf eine gewisse Zeit unterlassen mussten. Es war nämlich die dem Tischo-Beow-Tage, dem traurigen Gedenktage der Zerstörung Jerusalems, vorangehende Zeit, namentlich von Schiw-Osor be-Tamus, dem Beginn der Belagerung von Jerusalem angefangen, wo die Bewohner der Judengasse sich jedwedem Freudenfeste fernhielten, keine Hochzeiten veranstalteten und alles andere vermieden, was auf irgend eine Weise das Menschenherz erfreuen könnte. In dieser traurigen Zeit wuchs die Not bei Basja-Gitel rapid an. Sie schuldete bereits die Miete für die Wohnung, hatte auch gar keine Aussicht, ihn in Bälde bezahlen zu können. Noch mehr: der Bäcker, d^m sie bereits achtzig Kopeken schuldete, hatte ihrer Tochter Sore unlängst erklärt, er werde genötigt sein, den Kredit einzustellen, wenn sie ihm die Schuld im Laufe dieser Woche nicht begleichen würde. Und die blassen Wangen Basja- Gitels wurden immer bleicher, der trockene, aber böse Husten immer häufiger, der Schmerz in der linken Brustseite immer schärfer , . . Aber gross ist die Barmherzigkeit Gottes! Er verlässt die Armen nicht, er speist sogar die Würmer in der Erde und die Vögel in der Luft Es geschah ein Wunder mit Basja-Gitel! Mögen die Abtrünnigen und die Bösen an die Allmacht Gottes nicht glauben, Basja-Gitel kann von dieser Allmacht Wunderdinge erzählen. Sophia Borissowna Schwarzmann hat bei Basja-Gitel ein Ballkleid für sich bestellt, das am zehnten Tage des Monates Ab, an dem eine grosse Unterhaltung beim Stadtbaumeister angesagt war, geliefert werden musste. Wieso es aber kam, dass Sophia Borissowna Schwarzmann plötzlich ihre Zuflucht zu der armen Kleidermacherin nahm, erklärte sich dadurch, dass der bekannte Kleidersalon der Maria Iwanowna Popow auf behördliche Anordnung geschlossen werden musste, während die Inhaberin desselben in Haft genommen wurde, lieber die Ursachen dieser Verfügung kursierten in der Stadt verschiedenartige Gerüchte. Aber was kümmerten Basja- Gitel alle diese Gerüchte? Sie erblickte in der Tatsache, dass Sophia Borissowna Schwarzmann ihre Ballkleider bei ihr bestellt hatte, ein Wunder . . . Und rastlos arbeiteten Mutter und Tochter an der Herstellung der Toilette. Die Nähmaschinen, über welche zwei blasse, abgemagerte und abgequälte Gestalten gebeugt dasassen, sangen ihr eintöniges Lied, das manchmal von dem unheimlichen Husten der Basja-Gitel unterbrochen wurde. (Schluss folgt.) Mitteilungen des österreichischen L.-C. Bureaustunden täglich von 6—8 Uhr abends im Bureau IX., Türkenstrasse 9, T. 36. Arbeitskalender: August: 18. September: 1. 15. An diesen Tagen sind die Mitglieder des L.-C. im Kongressbureau von 7—728 Uhr abends zu sprechen. In der Sitzung vom 28. Juli wurde beschlossen, eine Nationalfonds-Kommission, mit deren Bildung der Kassier des L.-C. betraut wurde, zu ernennen. Alle Bestellungen auf Nationalfonds-Marken wolie man von nun an den Kassier Herrn Dr. Hugo Benedikt, I, Tiefer Graben 25, richten. Wegen Verschleissartikel wende man sich an Herrn Sekretär Adolf Po Hak, IX., T ü r k e n s t r as s e 9, der auch wegen Parteisteuer Auskunft erteilt.