Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Article
- Philadelphia [Nachricht]
- Date
- 1902-08-08
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 4Üte & Welt'* Nr. 32 Ehrengast des Abends war Mr. J. de H a a s. Mr. de Haas hielt eine enthusiastisch aufgenommene Ansprache über Körperpflege und das Leben im Ghetto. Mr. Moses Klein verglich die umgebende herrliche Natur mit dem Wesen des Zionismus. Mr. Gabriel H. Mayer spann Mr.de Haas' Gedankengang über physische Kultur weiter aus. Doktor Benjamin L. Singer erging sich in Bemerkungen über einfache Gestaltung des Lebens, während Mr. Joseph Gross in glänzender Rede darlegte, dass der Zionismus gerade das Gegenteil vom Utopismus, ein praktischer Idealismus sei. Zionistische Lieder wurden gesungen, und eine während des Mahles veranstaltete Sammlung soll dazu dienen, das Andenken von Drf Herzls Vater im goldenen Buch des Nationalfonds zu verewigen. Die Veranstaltung hatte grossen Erfolg. Argentinien. Kolonie Carmel. (Verein „ChoweweZi on".) Der Verein zählt 69 Mitglieder, die für 1902 den Schekel entrichtet haben. Infolge Uebersiedlungen wurde eine Neuwahl des Komitees nötig, die in den Pessachtagen stattfand und folgendes Resultat hatte: Präsident L. Gardowezky, Vizepräsident A. Jagubsky, Schriftführer Duchowna, Kassier M. L. P essech o witz, Revisor M. Morländer, Beiräte A. Merner und Effron, Komitee-Mitglieder Benzion Bersc hadsky, Zapiach, J. Bendersky, N. L. Malamudoff, F. P e r 1 s t e i n, J. Kabrinsky, Sch. Ganz, D. S c h n i t tm a n,n, W ein er, H un g ermann. Der neunte Ab. Um die alte Tempelstätte Stöhnt der Wind die bangen Klagen In der Nacht zum neunten Ab. Aus dem stillen Totenbette, Das so lange sie getragen, Aus dem tausendjährigen Grab Steigen Geister, still und weiss, Frau und Kind und Mann und Greis. Und in immer schnellerem Flug Zieht ein unermesslich Heer Aus den Lüften tief herab. Lautlos fliegt der Geisterzug. Leise, wie von Schwert und Speer, Klirrt's auf manchem öden Grab. Und sie ziehen, still und weiss, Frau und Kind und Mann und Greis. Ueber dem Moria zittert Totenfahl der Mondenschein. Fahler färbt er all die Leiber, Die der Nachtwind leis5 erschüttert. Um der Westwand dunklen Stein Schweben Kinder, Krieger, Weiber, Weinen Tränen, stumm und heiss, Frau und Kind und Mann und Greis. Um die alte Tempelstätte Stöhnt der Wind die bangen Klagen, Düster tagt der neunte Ab. Auf das stille Totenbette, Das so lange sie getragen, In das tausendjährige Grab Steigen wieder, still und weiss, Frau und Kind und Mann und Greis. * * * Nachtnebel zerfliessen, der Sonne Glut Erfüllt den Moria mit goldenem Schein. Hell glänzt aus der Tiefe Grab um Grab. Da fliessen purpurn, ein Strom von Blut, Die Geistertränen vom Westwandstein Im leuchtenden Morgen des neunten Ab. Wien. Ernst Erdmann. Die Kleidermacherin. Eine Er Zählung aus Russland. Mit teilweiser Benützung eines fremden Motives von N. Golant. (Nachdruck verboten.) In der Judengasse galt Boris Schwarzmann als der Reichste in der Stadt. Er hiess" eigentlich Berl, verwandelte aber diesen Namen in Boris,' um, wie er zu sagen pflegte, „einen würdigen Namen" zu haben. Wohl pflegten die christlichen Nachbarn des Herrn Schwarzmann ihn nicht anders als „Berl" oder „Berka* zu nennen, aber er gab sich schon damit zufrieden, dass viele Amtspersonen, wie der Polizeimann seines Rayons, der städtische Strassenkehrer und der Nachtwächter, besonders wenn sie von ihm ein Trinkgeld erhielten, ihn „Boris Abramowitsch" titulierten. Aber nicht nur durch diese Aeusserlichkeit allein unterschied sich Herr Schwarzmann von den frommen Einwohnern der Judengasse. Durch fragwürdige Speculationen zu Reichtum gelangt, entfremdete er sich seinen Stammesgenossen auch in allem, was in der Judengasse als traditionell heilig galt. Der heilige Sabbat wurde in seinem Hause nicht beobachtet, die rituellen Vorschriften für Speisen nicht befolgt und alle anderen Satzungen der jüdischen Religion nicht eingehalten. Nur am Jom-Kipur pflegte er das Bethaus zu besuchen, aber man sah es ihm an, wie schwer es ihm fiel, den Andachtsgeboten zu folgen und auf seinem Platze auszuharren. Auch als Mensch Hess Herr Schwarzmann viel zu wünschen übrig. Als Eigentümer eines grossen Zinshauses kannte er den armen Mietparteien gegenüber keine Rücksicht. Der kleinste Rückstand an Miete pflegte Herrn Schwarzmann in die grösste Wut zu versetzen, und er war imstande, die „schuldige" Mietpartei einfach auf die Gasse zu setzen. Es gab jedoch ein Wesen, auf welches Herr Schwarzmann seine ganze Liebe übertrug und alles zu opfern bereit war, um die Wünsche dieses Wesens zu erfüllen. Das war seine einzige Tochter Sophie, ein auffallend schönes Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren, welches kurz zuvor das Gymnasium mit Auszeichnung absolviert hatte. Es war ein herrlicher Augustabend. Eine angenehme kühle Luft brachte den armen Menschenkindern der Judengasse eine kleine Erholung. Die ganze Judengasse lag im tiefsten Dunkel. In den Häusern war fast nirgends Licht zu sehen. Die dumpfe Schwüle in den Zimmern schien die Bewohner auf die Gasse getrieben zu haben. Die lauten Gespräche der vor ihren Behausungen stehenden Gruppen wurde hie und da durch das noch lauter tönende Weinen eines Kindes unterbrochen, das die Mutter in der Hitze des Gespräches aus dam Schlafe geweckt hatte. Nur die im ersten Stockwerke des grössten Hauses in der Judengasse liegende Wohnung des Bankiers Schwarzmann war prächtig illuminiert. Die elektrischen Glühlampen warfen ganze Garben von Licht auf die Strasse und erhellten die gegenüberliegen armseligen Hütten und die vor denselben stehenden Gruppen abgemagerter Personen. Vordem Portale des grossen Hauses hielten Wagen auf Wagen, denen reichgekleidete Damen und Herren entstiegen, die, von Dienern empfangen, sich hüpfenden Schrittes in die Gemächer des Herrn Schwarzmann begaben. Die Wohnräume des reichen Bankiers waren luxuriös ausgestattet und an diesem Abende auch prächtig dekoriert. Blumengewinde und Guirlanden zierten die Türen und die Fenster, frisch gepolsterte, mit kostbarem Samt in Grün und Rot überzogene Möbelstücke hoben sich im Lichte der vielen Luster besonders hübsch ab und im Speisezimmer stand ein langer Tisch mit allen erdenklichen Leckerbissen, Weinen und Likören. Riesenbukette aus den feinsten