Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 32 (8.8.1902)
- Article
- Jüdischer Volkskalender für das Jahr 5663 [Nachricht]
- Date
- 1902-08-08
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 32 Dr. Sah Mandelkern. Mit Bild. Von H. Berkovitz; Ein jüdisches Auswanderungsarat. Von Dr. D. Farbstein; Arbeiter der Kolonie Rechoboth. Illustration; Der Indian. Von David Rothblum; Wie lange noch. Gedicht von H. Grünau; Frühlingsnacht. Von M. Z. Feierberg; Der Kaddisch. Von J. L. Perez; Ein jüdischer Strassen räum er in Litthauen. Illustration; Eine neue Hagadah. Von S. Frug; Licht. Gedicht von Erwin Rosenberger. Mit Illustration; Schutzmittel gegen Sumpffieber; Inserate. Mensch und Liebe.Neue Gedichte von Adolph Donath. (Verlag Ernst Hoffmann & Co., Berlin S. W. 46.) Die Aufnahme, die sein erster Gedichtband beim feinsinnigen Lesepublikum gefunden hat, förderte den zweiten, der gewiss den Freundeskreis DonatlTscher Dichtung beträchtlich vermehren dürfte. Sie ist nicht im landläufigen Sinne modern; eine gute alte Tradition weht hindurch, die in jeder Strophe ein packendes, poetisches Bild liefert — „Wenn die Sonne ihr Gold in die Felder trägt", — mit Worten, die so leicht mit Noten gekrönt werden, — „kam der Frühling in die Gasse, und von seinen hellen Strahlen schimmerten der Mädchen Haare" — Ein Poet, dem ein Verleger des 20. Jahrhunderts Liebeslieder und Allegorien herausgab, hat die Hoffnung, bekannt zu werden. Uns bot der Verfasser, dem wir von früher her die JudenJieder verdanken, in diesem Bande eine tiefangelegte Allegorie des jüdischen Volkes: „Die Jüdin". Eine^Dichtung. Rahel, die Rose des Ghettos, wird vom Schein des Glücks hinausgelockt ans Herz eines Fremden. Unsichtbare Mächte zwingen sie zurück, zwingen die Abtrünnige, die Sabbathkerzen zu entflammen. Das gebotene Bild bedarf keiner Erklärung. Mit ihm gab Donath sein Glanbensbekenntnis als Jude, uns ein willkommener Helfer, denn Donath ist ein Dichter, dem nicht einmal die Reclame gewisser Blätter schaden tenn. U. „Jüdisches Leben" (früher „Jeschurun"), Organ für die geistigen und sozialen Interessen des Judentums. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Königsberger, Pieschen. In der Nummer 30 des „Jeschurun" finden wir einen Artikel „Kiriath-Sefer*, in welchem unser Gesinnungsgenosse L. B. den Lesern des „Jeschurun" den Inhalt des Belkind'schen Vortrages in Berlin und im Anschlüsse daran die Ideen der Jüdischen Nationalschule in einigen kurzen Zügen in dankenswerter Weise klarlegt. In diesem Artikel heisst es unter anderem: Wir halten es bei dieser Gelegenheit für angezeigt, wiederholt auf die Zeitung „Jeschurun* aufmerksam zu machen und können allen denjenigen, welche neben einem rein zionistischen Organ ein solches für das gesetzestreue Judentum halten wollen, gerade diese Zeitung besonders empfehlen. Der Herausgeber hatte, bevor er noch durch persönliche und schriftliche Aussprache und Verbindung sich mit dem Wesen des Zionismus eingehend bekannt gemacht hatte, stets zur Selbsthilfe und zur Ausprägung jüdischen Geistes und Sinnes dringend aufgefordert und dabei den altjüdischen, pädagogisch bedeutsamen Standpunkt vertreten, ohne Selbstverleugnung stets „mekorew" zu sein, das heisst, Ideen und Menschen einander zu nähern, aber sie nicht durch Feindseligkeit voneinander zu trennen. Es war daher klar, dass die Zeitung aus der Befürwortung der Stärkung der jüdischen Solidarität bald dazu gelangen musste, die Richtigkeit zionistischer Denkweise hervorzuheben. Die Zeitung lässt auch in objektiver Weise wohlwollende Nichtzionisten über diesen Gegenstand zu Worte kommen, um daran ihre besonnene Kritik zu üben. Wir versprechen uns von derselben für die weitere Verbreitung der zionistischen Gedankenwelt unter den Kreisen ihrer Leser weiter Gutes, haben jedoch nur den einen" Wunsch, den Herausgeber sich von seiner vielseitigen Beschäftigung etwas freimachen zu sehen, um ihn auch als Redner dem Interesse unserer Sache dienen zu sehen. $\us dei* Jie^e§üi)§. Gedenket des Schekels! Volksversammlung in Manchester. Das „Comedy Theater* in Manchester — von seinem Eigentümer gefällig zur Verfügung gestellt — war Sonntag den 20. v. M. von einer enormen Menschenmenge erfüllt. Mindestens 3000 Personen hatten Einlass gefunden. Stadtrat Dr. Charles Dreyfus führte den Vorsitz. Neben ihm hatten auf der Plattform die hervorragendsten Führer der zionistischen Bewegung in Manchester und aus der Provinz Platz genommen. Dr. Dreyfus begrüsste den ehrwürdigen Rabbiner Dr. Rülf, welcher trotz seines hohen Alters die weite Reise aus Bonn unternommen hat, um der an ihn ergangenen Einladung, an die Zionisten von Manchester eine Ansprache zu halten, zu folgen. Stürmischer, nicht enden wollen der Beifall erscholl, als der verehrungswürdige Nestor der zionistischen Bewegung das WTort ergriff. In meisterhafter Darstellung erläuterte Dr. Rülf Wege und Ziele des Zionismus, Zionismus und Judentum sind ihm identische Begriffe. Man könne nicht guter Jude sein, ohne zugleich Zionist zu sein. Alle Propheten waren Zionisten, und ihre Prophezeiungen sind voll von Zionismus. Als die grossen Judenverfolgungen in Russland ausbrachen, kamen erleuchtete Geister im Judentum zur Erkenntnis, dass etwas geschehen müsse, um unser verfolgtes, hilfloses und hoffnungsloses Volk zu retten. So entstand der moderne Zionismus mit dem Ziele, ein Heim für die Heimatlosen zu finden; zu diesem Zwecke müsse das Volk geeinigt, seine Sprache wiederhergestellt, seine Gefühle und Ideale auf den einzig richtigen Weg gelenkt werden. Hier in England seien die Juden in der glücklichen Lage, für ihre unglücklicheren, verfolgten Brüder ihre Stimme erheben, für sie eintreten und tätig sein zu dürfen nach ihrem Herzenszuge. Er preise aber darum das Land, das den Juden diese Rechte und Freiheiten gewähre und er begreife es darum sehr wohl und könne es nur rühmen, dass so viele Juden im letzten Kriege es bewiesen haben, dass sie nicht bloss in Worten, sondern auch in Taten für England eintreten, dass sie für England in den Tod gingen. Die günstige Situation, in der sie sich befinden, sollte Englands Juden ausnahmslos veranlassen, um die zionistische Fahne und die hehren Ideen des Zionismus sich zu scharen. Redner beantragt folgende Resolution : „ . . . dass diese Massenversammlung der Juden in Ma ehester ihre begeisterte Zustimmung zum Zionismus und dessen im Baseler Programm niedergelegten Zielen, sowie ihr volles Vertrauen in die Führer der Bewegung ausdrücke.u Mr. I. L. Greenberg ergriff die Gelegenheit, sich mit der Rede Mr. Claude Montefiores in der Generalversammlung der„Anglo Jewish Association" zu beschäftigen. Dieser Herr hat darin gesagt, dass das Problem der russischen Juden nur in Russland selbst gelöst werden könne. Es ist für Montefiore, der in England lebt, sehr leicht, dies zu sagen; wenn er aber in Russland leben würde und den Verfolgungen mit ausgesetzt wäre, würde seine Meinung vielleicht doch eine andere sein. Der Chief-Rabbi von Grossbritannien sass in der genannten Versammlung an der Seite Mr. Montefiores. Die russischen Autoritäten, welche unzweifelhaft mehr von der Sache verstehen als Mr. Montefiore, erklären, einige Tropfen Wassers — Taufwasser nämlich — wären die einzige Methode, um all den Unannehmlichkeiten, die das Judentum einem Menschen in Russland bereite, auf einmal ein Ende zu machen. Was sagt der Chief-Rabbi zu dieser einzigen Möglichkeit der Lösung der Judenfrage in Russland? Dann * beschäftigte sich Mr. Greenberg mit den Angriffen, die Zan gwill vor einiger Zeit gegen die „Icatf gerichtet hat. Diese Angriffe waren so ernster Natur, dass sie eine Antwort seitens Mr. Montefiores erheischt hätteri. Seine diesbezüglich vorgebrachte Ausrede, dass Zan gwill zur Versammlung der Anglo Jewish Association hätte persönlich erscheinen sollen, ist schon aus dem Grunde nicht stichhältig, weil Zan gwill nicht Mitglied dieser Association ist. Die Zionisten können sich zur Tatsache gratulieren, dass ihr Führer Dr. Herzl von einer so bedeutsamen autoritativen Körperschaft, wie es die von dem Parlamente eingesetzte Fremden-Einwanderungs-Kommission ist, eingeladen wurde, vor ihr seine Aussage zu machen. Es ist von hoher Genugtuung für die Zionisten, dass dieses grosse Land seine Reformationen nicht für komplett hält ohne die Aussage und Meinung des Führers der zionistischen Bewegung. (Stürmischer Beifall.) Dieser Umstand bedeutet einen riesigen Erfolg, eine bedeutsame Epoche der zionistischen Bewegung. Die Juden in England mögen nicht zu sanguinisch sein, weil der Antisemitismus bisnun in England nicht existiert, und er hoffe, dass er auch nicht existieren werde . . . allein in Sicherheit dürfe man sich doch noch nicht wiegen. Gewiss sei es jedenfalls dass die Judenfrage durch die Mittel, welche Mr. Montefiore und seine.