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Die Welt · 1902-08-08 · 32 (8.8.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
32 (8.8.1902)
Article
Zum neunten Ab
Date
1902-08-08
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 32 Zunächst die Frage nach der Stellung, die wir dem Staatsuntergang gegenüber tatsächlich eingenommen haben. Es ist falsch und gefährlich, hierauf mit einer einseitig romantischen Geschichtskonstruction zu antworten- Nur die böswillige Beweisführung unserer Gegner kann das Zionsstreben unseres Volkes zu einem Konglomerat von schönen Gefühlen erniedrigen und den Verstand aus ihm streichen wollen. Aus Phantastereien entstehen keine Taten, und aus einem lediglich sentimentalen Heimweh hätte niemals die heutige Bewegung werden können, der man alles andere absprechen mag, aber nicht den Arbeitswillen. Wäre der Lebensgedanke des Judentums wirklich nur das Ergebnis einer krankhaften Gefühlsregung, so ist nicht abzusehen, warum unser Volk nicht längst der geistigen Zerrüttung anheimgefallen ist, die in einem schwachen Körper bei Prävalieren der Phantasie vor dem Verstand langsam, aber sicher eintreten muss. Es ist vielleicht ein Unding, die Regungen einer Volkspsyche — und vornehmlich der durch Vererbung und Eigenschicksal von vielen Menschenaltern so komplizierten jüdischen Psyche — mathematisch beweisen zu wollen, jedenfalls aber legt nicht nur das Dass und Wie unserer Gegenwart Verwahrung ein gegen die Verwässerung der Zionsidee, sondern auch eine Reihe von Tatsachen unserer Geschichte. Es sind zugleich Tatsachen dieses Trauertages. Jede Gemeinschaft reagiert in doppelter Weise auf ihre eigenen Existenzprobleme, durch die grossen Männer und durch die grosse Masse. Das Judentum hat für die kleine und für die grosse Diaspora je einen typischen Vertreter des Zionsgedankens: den Priester-Propheten Jeremia und den Dichter-Philosophen Jehuda Halevy. Beide waren einsam wie ihr Volk; keiner von ihnen ist ein Schwärmer gewesen. Jeremia entbehrt der Ekstase des grossen Jesaia und der Küristlerphantasie Ezechiels; sein Klagelied ist eine poetische Einkleidung seiner Gedanken über die Gründe des Verfalls und seines festen Glaubens sn eine Gerechtigkeit der Weltgeschichte. Ebensowenig verleugnet die Zionide Jehuda Halevys bei aller Begeisterung und aller Phantasie das strenggeschlossene Denken ihres Sängers, der zwischen Exil und Heimat die Fäden seiner sinnenden Dichtung webt, seiner Dichtung, aber nicht seiner Mystik. Ohne jede mystische Regung verhält sich auch bezeichnenderweise die Judenheit als Ganzes angesichts ihres nationalen Unglücktages. Der neunte Ab ist für uns ein Dies ater in des Wortes schwärzester Bewegung. Er bildete den Anfang der vierzigjährigen Wüstenwanderung und das Ende des ersten und zweiten Staatslebens, er sah die Schleifung der Hauptstadt unter Hadrian, die Zerstörung von Bethar und die Vertreibung aus Spanien. Aber nirgends und niemals finden wir eine Verknüpfung dieser Tatsachen anders als in der Form der schlichten Aufzählung, kein Gedanke an geheimnisvoll waltende böse Schicksalsmächte, kein Hirngespinst und keine Grübelei. Nur deshalb konnten unsere Herzen das Feuer der Zionsidee rein bewahren, weil unsere Köpfe dieser Idee nicht unwert gewesen sind. Wenn somit die Frage nach dem gesunden Willen des Judentums im bejahenden Sinne gelöst ist, so bleibt noch immer die Frage nach unserem Können. Mit anderen Worten: das vielerörterte Problem von der Fähigkeit der Juden, eine staatliche Gemeinschaft zu bilden. Die Antwort der Zweifler ist allgemein bekannt: Untergang des jüdischen Staates aus politischem Unvermögen, Vernichtung aller noch übriggebliebenen Einheitstendenz im Exil. Während wir gegen den zweiten Teil dieser Argumentation regelmässig und mit Erfolg Einsprache erheben, pflegen wir uns den ersten Vorwurf ruhig gefallen zu lassen. Es ist aber nur eine konventionelle und durchaus anfechtbare Auffassung, wenn man den Kampf Judäas unter dem einseitigen Gesichtspunkte der Politik betrachtet. Er war an seinem Anfang eine Frage der Kultur (der religiösen und der nationalen) und an seinem Ende eine Frage der Strategie. Er ist gegen Rom geführt worden, weil dieses als Erbe von Hellas ♦die kulturtragende Macht des Abendlandes geworden war, die notwendigerweise mit der jüdischen Eigenart zusammenstossen musste. Er ist unglücklich geführt worden — wie anerkannt wird — durch eine Reihe von Zufällen und weil die Juden keinen Feldherrn hatten, der die Kräfte der verschiedenen Parteien konzentrieren konnte. Die Tatsache der Parteibildung allerdings kann nicht geleugnet werden; die faktiöse Veranlagung des Judentums ist so alt, wie das Judentum selber. Sie mag viel Leben erstickt haben, sie hat aber auch starkes Leben gefördert; in einer Existenz ohne Erregung wären die Ideale unseres Volkes verschrumpft und dieses selbst längst zugrunde gegangen. Meinungsverschiedenheit und Parteihader begegnen uns auf jedem Blatt unserer vorstaatlichen und staatlichen Geschichte, aber immer haben sie nur partielle Katastrophen verschuldet und keine Katastrophen der Gesamtheit. Für das Volksganze verderblich wurde die Spaltung erst in der Stunde, da eine numerisch-hundertfach überlegene Macht sich in die inneren Angelegenheiten Judäas einmischte. Es wurde eine religiös-nationale Revolution erzeugt, die zwar nicht an Intensität der Wirkung, wohl aber an Begeisterung und Erbitterung den Vergleich mit allen sozialen Aufständen des Oceidents aushält. Eine Verletzung und eine Verhöhnung unserer Geschichte ist es jedoch, wenn man aus dem Untergang des jüdischen Staates einen politischen Sündenfall des Judentums macht und uns nach 1800 Jahren für Dinge straffällig erklärt, die wir tausendmal gebüsst und nur zum Teile verschuldet haben. So sind es alles eher denn hoffnungslose Erwägungen, die dieser Trauertag in uns wachruft. Weil wir die ganze Wucht seiner historischen Erinnerungen fühlen, können wir die Perspektive ermessen, die er für die Zukunft erschliesst. Ernster als jemals gedenken wir heute der in Glauben und Stammesbewusstsein von unseren Ahnen ererbten Macht des jüdischen Gedankens. Ihm geben wir unsere Kraft, ihm weihen wir unsere Liebe» Zwei Welten. Aus meinem Reisebuch. Von A. Coralnik (Rom). Es war ein heisser Sommernachmittag, als ich nach Rom kam; die Sonne neigte sich schon dem Westen zu. Auf den Hügeln, auf den alten, von Jahrtausenden geheiligten sieben Hügeln lag vor mir die Stadt mit ihren hohen Türmen, mit den grossartigen Palästen, grünbelaubten, prächtigen Villen und monumentalen Kirchen. Mir gegenüber ragt der Vatikan hervor, der Sitz der Weltherrschaft Roms, eine lebendige Inkarnation der zähen Macht . , . In der Stadt herrscht eine ungeheure Bewegung, In langen, unübersehbaren Reihen gehen auf der Via Nazionale Scharen von Männern und Frauen, Greisen und Kindern. Mädchen, in weisse Gewänder gekleidet und mit weissen Schleiern auf dem Kopfe, tragen

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