Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Article
- Petersburg [Nachricht]
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 3Di@ £ Weit60 Seite 9 besserten lange an ihren Erzeugnissen, um sie so vollkommen als möglieh zu gestalten. Was die Sprache der Bibel betrifft, so muss man bedenken, dass das Hebräische nicht nur die Sprache der Pxopheten, nicht nur die Sprache der religiösen Vorträge und Hymnen war, sondern es war auch die Sprache, deren man sich im täglichen Verkehr bediente, die Sprache, in welcher die Hebräer ihren Gedanken und Wünschen Ausdruck gaben, selbst wenn sie nur der Erholung nachgingen, die Sprache, die sie gebrauchten, wenn sie spielten und scherzten, wenn sie schimpften und stritten. Und diese Sprache ist denselben allgemeinen Gesetzen unterworfen, welche alle Sprachen beherrschen, sie hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre Mundarten, deren Sinn man niemals durch das Studium der Wurzeln ihrer Wörter ergründen kann, sondern einzig und allein in ihrem Gebrauche, ihrer Anwendung suchen muss. Und das bemühe ich mich stets zu tun, darauf ist mein ganzes Streben gerichtet." Was Ehrlich bezüglich seines Verhältnisses zum Hebräischen sagt, linterschreiben wir ohne Bedenken. Er liest die Bibel nicht wie seine akademischen Berufsgenossen mit Wörterbuch und Konkordanz — das sieht man aus den feinen Bemerkungen zu den kleinen und kleinsten "Wörtchen der Bibel, aus den vielen neuen Bedeutungsschattierungen, die sieh ihm für scheinbar längst erkannte Substantive und Verben ergeben. Er hat, um einen landläufigen Ausdruck zu gebrauchen, die Bibel im kleinen Finger. Aber das ist nicht alles. Was ihn ausserdem von seinen Vorgängern unterscheidet und was seinem Werke sehr viele Widersacher erwecken wird, das ist seine Vorurteilslosigkeit, nein, sagen wir seine Nüchternheit dem heiligen Buche gegenüber. Hat er nie das Vermächtnis Jakobs mit Lehrern und Mitschülern gesungen, nie die Schauer der Tragödie grosser Männer beim Abschiede vom Tode Mosis empfunden? Uns gewöhnlichen Menschenkindern ist das heilige Buch unzertrennlich mit Jugend, Eltern, Heimat und Liebe verwachsen; ich bin nicht imstande, Thamar so zu sehen, wie sie die Bibel schhildert, mir ist sie immer noch das geheimnisvolle, kaum geahnte Symbol des Liebesleides, sie ist für mich noch immer vom ganzen Zauber umgeben, den die kindliche Einbildungskraft um die Gestalt gewoben hat. Ehrlich hat, wo die Bibel in Betracht kommt, keine Spur von dieser Voreingenommenheit; er sieht und hört die biblischen Menschen, als wären sie fernstehende, gleichgilt ige Leute im heutigen New-York, und er beurteilt daher ihr Tun und Heden so objektiv wie Spiegel und Phonograph. Das war bis jetzt das Vorrecht der christlichen Erklärer; Ehrlich ist noch nüchterner als sie. He out-herods Herod. Das macht das grosse Werk an mehr als einer Stelle zu einer unerquicklichen Lektüre. „Wozu hat der Mann den herzlosen Kommentar in hebräischer Sprache geschrieben?" fragt man sich unwillkürlich. LTnser Gefühl sträubt sich "gegen die kalten Entzauberungen und noch mehr dagegen, dass sie in der Sprache vorgebracht werden, die uns sonst nur als der Ausdruck von Verehrung und Anbetimg geläufig ist. Aber Wahrheit und Gefühl haben nichts miteinander zu schallen. Wir müssen uns daran gewöhnen, die Wahrheit in jeder Sprache zu hören, sogar in der hebräischen. Ol) Ehrlich in seinem Kommentar die Wahrheit bringt? Ob seine tief einschneidenden Hypothesen der Wissenschaft standhalten werden, das müssen die Jahre zeigen; dass er aber subjektiv Wahrheit bietet, mutige, rücksichtslose, ganze Wahrheit, das steht mir fest und das macht sein Werk zu einer literarischen Erscheinung ersten Banges. —r. Korrespondenzen und Telegramme. Die Juden in Russland. Petersburg. Das Ministerium des Innern hat folgendes Zirkular erlassen: Durch die erfolgte Aufhebung der Handwerkerzunfts-Verwaltungen obliegt nunmehr der Polizei, die jüdischen Handwerker, welche nur in Ausübung ihres Handwerkes das Wohnrecht in ganz Russland gemessen, zu überwachen and zu kontrollieren. Juden, welche ihr Handwerk nicht ausüben, müssen zwecks Ausweisung der Gouvernements-Verwaltung angezeigt werden. * Moskau. Wie das Blatt „Courier" meldet, wurde die Zahl der in diesem Jahre in die kaiserliehe technische Schule neuaufzunehmenden Juden auf zwei Perzent der Gesamtzahl der neueintretenden Zöglinge beschränkt. * Bessarabien. Die Juden der Stadt Bend&ry hatten den Gouverneur von Bessarabien um Erlaubnis zur Gründung eines Hilfsvereines für arme Juden eresucht. Der Gouverneur wies dieses Gesuch zurück. Infolge der Beschwerde der Juden hat der dirigierende Senat von Petersburg den Beschluss des Gouverneurs annulliert. Die jüdische Gemeinde von Bendery hat hierauf ihr Gesuch beim Ministerium des Innern in Petersburg erneuert. Nunmehr erhielt die Gemeinde den Bescheid, dass das Ministerium das Gesuch ebenfalls verworfen hat. * Wilfia. Wie das in Wilna erscheinende Blatt „Sawerosapadnoje Slowo" berichtet, hat die Auswanderung von Jaden aus den westlichen Gouvernements nach Transvaal, England und Amerika in der letzten Zeit stark zugenommen. Die Ursache dieser Auswanderung erblickt das Blatt in der schrecklichen ökonomische Lage der Juden und in den sich immer mehrenden Rechtsbeschränkungen der Juden. Die Emigration, sagt das Blatt, hat noch niemals einen solchen Umfang angenommen, wie jetzt. Massen jü iischer Familien verlassen täglich ihre Heimat, um irgendwo anders das Glück zu suchen. * Warschau. Die von den Zionisten des Weichselgebietes gegründete Gesellschaft „Orientalischer Merkur", welche sich die Aufgabe stellt, die Produkte der Ackerbauer und der Industrie in Palästina in Russiand zu verbreiten, um die jüdischen Kolonien in Palästina zu unterstützen, hat, wie der halbamtliche „Warschawskij Dnewirik" meldet, die Genehmigung der oberen Behörde erhalten. Sitz der Gesellschaft wird Grajewo im Gouvernement Loniz sein. * Tscherkass. Die Kauf- und Gewerbsleute in Tscherkass haben an die Regierung eine Petition um Bewilligung zur Errichtung einer gegenseitigen Kreditgenossenschaft gerichtet. Der Finanzminister hat die notwendige Genehmigung unter folgenden Bedingungen erteilt: 1. Der Präsident und Vizepräsident, welche den Generalversammlungen, den Vorstandssitzungen und dem Prüfungskomitee Vorsitzen, müssen aus den Reihen der christlichen Mitglieder gewählt werden. 2. Der Vorstand und das Prüfungskomitee dürfen nur höchstens zu einem Dritteil aus Juden bestehen. 3. Das Recht, unbeweglichen Besitz zu erwerben ist auf die Städte des Ansiedlungsgebietes beschränkt. Die Gründer dieser Genossenschafc sind zum grössten Teile Juden. Sie haben ihre Bereitwilligkeit ausgesprochen, die Gründung unter diesen Beschränkungen vorzunehmen.