Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 31 (1.8.1902)
- Article
- Ein Bibelkommentar [Rezension]
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 Di* WeB** Nr. 31 Hebräischen hatten. Selbst zu jener frühen Zeit waren die Bedingungen zur Eenntnis des Hebräischen von den heutigen ioifeht' s§hr verschieden. Var clamals niemand, der eine gründliche Kenntnis des Hebräischen mit der Fähigkeit verband, die griechische Mundart, die ihre Muttersprache war, geschickt zu handhaben. Selbst wenn die alexandrinischen Uebersetzer palästinensische Gelehrte zu Eate gezogen hätten, würde es kaum vonnutzen gewesen sein, denn da den letzteren die Kenntnis des Griechischen abging, so hätten sie einander nicht verstanden. Ich übergehe die ganze Schule jener jüdischen Exegeten, welche den TJebersetzern der Septuaginta folgten, weil ihre Exegese rein halaehisch und hagadisch ist. Die wahre Exegese, deren Zweck bis zu einem gewissen Grade die Auslegung der wörtlichen Bedeutung und des literarische]! Wertes des heiligen Textes ist, war den Juden in den vielen Jahrhunderten zfwisehen Septuaginta und Saadia Gaon völlig fremd. Es ist wahr, dass sich in dem Kommentar des Rieronymus Erklärungen finden, welche er, wie er ausdrücklich angibt, von Juden erhalten hat, doch müssen dieselben, wo sie sich auf biblische Stellen beziehen, mit grosser Vorsicht aufgenommen werden, da er sie ja zu christlichen Zwecken benützte. TJnd wo dies nicht der Fall ist, sind die Bemerkungen zumeist sehr geringfügig und beschränken sich grösstenteils darauf, die Bedeutung einzelner AVörier zu erklären — nach näherer Prüfung erweisen sie sich gewöhnlich als wertlos. Man könnte die Arbeit über die Punk':*(3ci;ng Excg-ee nennen — eine siumine Exegese, die nicht selten auch blind ist. Da sie stumm ist, bedarf sie wohl keine: weiteren Diskussion. Die eigentliche jüdische Exegese beginnt mit Saadia Gaon. Aber Saadia und seine Nachfolger, bis herab zu S. D. Luzatto, konnten nichts Grosses, nichts wirklich Bedeutendes leisten, weil sie sich sklavisch an den Massoretischen Text hielten, der, wie jetzt von allen massgebenden Kritikern zugegeben wird, sehr oft gar keinen Sinn hat. Luzzatto wagte es hie und da, ausserhalb des Pcntateuchs, die eine und die andere kritische Bemerkung zu machen, war aber damit nicht .sehr glücklich. Ueberdies hielt auch er, wie alle seine Vorgänger, zu sehr an der Tradition fest, um imstande zu sein, unbefangen in den Sinn des Textes einzudringen. Graetz war der erste jüdische Gelehrte, der es auf dem Gebiete der Exegese wagte, von der Tradition abzuweichen und völlig zwanglose Textkritik zu üben. Aber Graetz, wie alle modernen Kritiker, ging zu weit; oft verbesserte er den Text, weil er ihn nicht verstand. Und ich behaupte, dass dieser Mangel an Verständnis aus der ungenügenden Kenntnis des Hebräischen entsprang — das heisst, der lebenden hebräischen Sprache. Ich. will nun zu den christlichen Exegeten übergehen, die, zur Schande Israels sei's gesagt, gegenwärtig die einzigen verlässlichen biblischen Exegeten sind. Es ist klar, dass es unklug ist, den Arbeiten der orthodoxen christlichen Exegeten, die, so gut sie auch sonst für diese Aufgabe geeignet sein mögen, doch einzig und allein darauf ausgehen, überall Jesus zu finden, zu viel Wert beizulegen. Dazu kommt, dass jeder christliche Kritiker, selbst der menschenfreundlichste nnd toleranteste, im Grunde doch mehr oder weniger den Juden und allem Jüdischen abgeneigt ist. Die eigentliche Bibel der Christen ist das neue Testament. Schleiermacher hat zu seinen Predigten niemals einen Text aus dem alten Testament gewählt. Natürlich sehen die christlichen Gelehrten ein, dass man ohne Kenntnis des alten Testamentes das neue nicht verstehen kann, und deshalb erforschen sie es, aber sie tun es gezwungen, und was man ohne Liebe, ja sogar mit Abneigung tut, dort wird man vergebens gute Erüchte erwarten. Schon die alten Eabbiner sagten, dass man nur bei hingebender Liebe zu seinem Studium auf ein Eesultat hoffen könne. Abgesehen davon, habe ich ein anderes grosses Bedenken gegen die christlichen Exegeten, und dies ist, dass diese Vertreter der sogenannten christlichen Bibelwissenschaft in der Regel keine genügende philologische Schulung haben, um in den Geist der Sprache, die für sie eine tote Sprache ist, einzudringen. Dazu kommt, dass sie fast alle Theologen von Beruf sind und als solche die Bibel nur vom religiösen Standpunkt aus zum Gegenstand ihres Studiums machen und ihren nationalen und literarischen Charakter dabei fast vollständig ausseraeht lassen. Ferner stört es diese Herren durchaus nicht, wenn der heilige Text infolge ihrer Auslegungen Widersinnigkeiten aufweist, ja sie sind sogar von vorneherein dazu geneigt, solche linguistische Widersinnigkeiten zu finden. Ihnen ist die Bibel ein Buch des Glaubens und nicht der Erkenntnis. Sie verhalten sich zu den linguistischen Schwierigkeiten genau so, wie sie sich zu den geschichtlichen und logischen verhalten; sie fühlen, dass der Versuch, jeden Sprachfehler zu erklären, ebenso vergeblich ist, wie der Versuch, zu erklären, wieso Jericho* durch Trompetenstösse zerstört worden ist. Sie erklären, so gut sie es verstehen, und gehen darin so weit, als sie es wagen dürfen. Ergeben sich Schwierigkeiten, so schreibt man sie dem tiefen religiösen Charakter des .Gegenstandes zu. So schlagen die Kritiker die Augen zum Himmel empor und verfolgen den eingeschlagennen Weg weiter. Und schliesslich und endlich haben diese Herren — und zumeist vergebens — gegen die Tatsache anzukämpfen, dass sie sich bei der Auslegung des hebräischen Textes oft von dem Geiste der eigenen Muttersprache irreführen lassen. Ich dagegen befinde mich in einer völlig verschiedenen Lage. Um gleich mit dem letzten Punkte zu beginnen, habe ich, dank der Frömmigkeit der Juden in meinem Vaterlande, das ebenso seltene als grosse Glück gehabt, gar keine Muttersprache zu besitzen, wenn ich aber eine Sprache meine Muttersprache nennen soll, dann ist es die hebräische. Das allein genügt, um zu verhindern, dass ich Sprachwidrigkeiten der Muttersrpache in den zu erläuternden Text übertrage. Die hebräische Bibel ist mir also etwas ganz anderes als den christlichen Exegeten. Sie ist mir die Summe und Gehalt alles dessen, was das nationale Leben meiner Vorfahren ausmachte, das geistige und das religiöse, das Leben nach innen und aussen. So hat der hebräische Text für mich einen höheren Wert, die Worte sind mir nicht nur tote Buchstaben, sondern Lebenszeichen des mächtigen, nationalen Geistes, der einst zu meinen Vätern sprach, der in gewissem Sinne noch heute zu mir spricht. Mich dünkt förmlich, dass ich den Ton des gesprochenen Wortes noch heute hören kann und wo das starre Wort nur unvollständig den überwältigenden Sinn wiederzugeben vermag, da sehe ich im Geiste die rasche Geste, die den Ausdruck begleitete und ihm Nachdruck verlieh. Die Propheten und Barden Israels sind mir nicht nur die Männer Gottes, sondern die Klassiker eines Volkes, Klassiker, die trotz aller religiösen Inbrunst niemals so unvernünftig eiferten, wie die wandernden Erweckungsprediger von heutzutage. Alles, was sie sprachen, zeugte von gesundem Menschenverstand und klarem Kopf, sie waren stets bemüht, ihre Gedanken deutlich und verständlich auszudrücken, und sie konnten die nötige Zeit-und Müsse darauf verwenden. Jesaias, der fruchtbarste der Propheten, hat während seiner fünfzigjährigen literarischen Tätigkeit kaum so viel geschrieben, als mancher moderne Schriftsteller in einer Woche. Die biblischen Schriftsteller Hessen sich alle Zeit, ihre Gedanken zu ordnen, und sie feilten und