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Die Welt · 1902-08-01 · 31 (1.8.1902) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
31 (1.8.1902)
Article
Die sozialen Verhältnisse der deutschen Juden
Date
1902-08-01
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 „Die # Welt^ Seite 7 zent ist ohne Beruf. So sieht also der gepriesene Fortschritt der letzten hundert Jahre aus! Das Offizierkorps, die Beamtenlaufbahn, viele gelehrte Berufe und selbst die Handarbeit ist den meisten Juden unzugänglich wie früher. Durch den staatlichen wie gesellschaftlichen Antisemitismus sind sie auf wenige Berufe nach wie vor zusammengepfercht. Zahllose Talente auf den verschiedenen Gebieten müssen somit verkümmern, weil sie keine Gelegenheit finden, sich zu entwickeln und zu betätigen. Aber auch schwere wirtschaftliche Missstände beginnen sich durch die ausschliessliche Beschäftigung ganzer Bevölkernng&schichtcn irdt dem Handel zu entwickeln, wie Begicnmgsrat Mayer in einem Aufruf an die israelitischen Gemeinden Badens nachgewiesen hat. Lehrreich für die Lage der Juden sind auch die Zahlen über die Verteilung im Lande. Di<? jüdische Bevölkerung Berlins ist fünfmal so gross als die christliche im Verhältnis zur Bevölkerungszahl, während sich in Frankfurt a. M., Breslau und Mannheim das Verhältnis noch ungünstiger gestaltet. Im Jahre 1880 kamen bereits auf jeden in Berlin geborenen Juden drei Zugezogene. Man sieht also, dass ein stets anwachsender Strom sieh vom Lande in die Städte ergiesst. Die Gründe sind leicht zu finden. Die exponierte Stellung, die der Jude auf dem Lande und in der Kleinstadt einnimmt, veranlasst viele, die grossen Städte aufzusuchen. Dazu kommt, dass Handel und Industrie in der Stadt ihren Wirkungskreis haben, während die Möglichkeit, auf dem Lande Beschäftigung zu finden, für den Juden nur gering ist. So werden sie durch Zwang zu nervösen, hastigen Stadtmenschen und die urwüchsige Kraft, die uns das freie Feld gibt, verschwindet immer mehr aus unserer Mitte. Wenn Gehirn- und Nervenkrankheiten beginnen, eine Stammeseigentümlichkeit der deutschen Juden zu werden, so ist das also kein Zufall, sondern erklärt sich .zwanglos aus den Lebensbedingungen, denen sie unterworfen sind. Da die Wanderung in die Städte sich fortwährend verstärkt, so beweisen hier die Zahlen, um wieviel die Lage der Juden auf dem Lande sich verschlechterte. Der Einwurf, dass der wachsende Reichtum diese Verschiebung rechtfertigt, ist nicht stichhältig, da er nur beweisen würde, dass selbst Reichtum dem Juden in der Provinz keine angenehmen Lebensbedingungen zu schaffen vermag. Wer den gesellschaftlichen Boykott kennt, dem die Juden in kleineren Städten unterliegen, wie sie von geselligen Vereinen ausgeschlossen sind und nie der „guten" Gesellschaft angehören dürfen, wird zugeben, dass obige Zahlen wirklich der Ausdruck der verschlechterten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage sind. Ganz zu schweigen ist von der persönlichen Unsicherheit, die viele Familien aus Gegenden wie Könitz in die grossen Städte jagten. Auch eine Verschlechterung der Kriminalitätsziffer ist seit 1892 zu konstatieren. Ruppin führt diese traurige Tatsache aber nicht auf die Zunahme cles verbrecherischen Hanges unter den Juden zurück, sondern auf die Erweiterung der Strafbestimmungen, wie die Gesetze über Bank- und Börsenwesen sind. Von diesen werden die «Tuden ihrer perzentuellen Verteilung nach natürlich mehr betroffen als die Christen. Die in Aussicht gestellte „Besserung" ist also vorläufig nur in der Phantasie der Assimilanten vorhanden. Das Bild würde aber nicht vollständig sein, wenn nicht der wachsende Indifferentismus gegen den Glauben und die Ehrenpflicht der Standhaftigkeit ziffernmässigen Ausdruck fände. Nicht nur wächst die Zahl der Taufen jährlich an, sondern auch die Mischehen berauben uns immer mehr des notwendigen Nachwuchses, während die Geburtsziffer stark sinkt. Die Zahl der Mischehen betrug 1875—79 im Jahresdurchschnitt 239. Von 1895—99 betrug sie dagegen 433 im Jahre. Es ist also fast eine Verdoppelung eingetreten. Von der Nachkommenschaft waren nur 24,47 Perzent jüdisch, während doch das Judentum auf 50 Perzent Anspruch hätte. Aber auch von den jüdisch gebliebenen Kindern treten noch viele bei der Volljährigkeit zum Christentum über. Für den Optimismus besteht also noch kein ausreichender Grund, wie man sieht. Es gibt tatsächlich im Westen eine moralische Judennot, die sich zum Teil ziffernmassig beweisen lässt. Welche unendliche Summen von traurigen Empfindungen, Demütigungen, Hass und Verzweiflung kommt aber noch hinzu, die kein Statistiker durch Zahlen, kein Dichter in Worten schildern kann, die zu kennen man selbst ein Jude sein muss. In den Gemeindestuben rnuss man sich endlich klar werden, dass „Wohltätigkeit" nicht nur im Geldgeben für Alte und Kranke, sondern auch in der Fürsorge für Gesunde und Junge bestehen soll. Die zionistische Partei hat bereits zahlreiche Vorschläge zur wirklichen Besserung gemacht. Ihre oberste Forderung aber ist die Liebe zum eigenen Volke. Der Glaube allein hat ja den Abfall und den Verfall nicht zu hindern vermocht, wie die Statistik beweist. Wenn man die zionistischen Forderungen erfüllt, weil als treibende Kraft die Volksliebe sich zum Glauben gesellt hat, wenn man wie wir offen die Schäden erkennen will, dann wird man auch die Mittel zur Heilung bereiten können. Wenn die knechtische Zufriedenheit mit dem entwürdigenden Lose geschwunden sein wird und man der Gegenwart pessimistischer gegenüberstehen wird, dann erst wird der Optimimus für die Zukunft wirklich gerechtfertigt sein. Ein Bibelkommentar, (Arnold B. Ehrlich, Mikra ki Pheschuto, Berlin, Popelauer, 3 Bde.) Das ungewöhnliche Werk eines ganz ungewöhnlichen Menschen! Ich wollte, es hätte sich ein Berufener, ein Fachmann, gefunden, um die drei inhaltsschweren Bände zu analysieren, das Bedeutende und Tiefe hervorzuheben und das Absonderliche zurückzuweisen; aber ich habe ein ganzes Jahr vergebens auf den rechten Mann gewartet — länger kann ich Ehrlich nicht totschweigen lassen. Und so geschiel.it, was so oft bei uns Juden geschieht: da dem Können des Fachmannes der gute Wille fehlt, muss der gute Wille des Laien das Können ersetzen. Ist das nicht eine etwas gar zu feierliche Einleitung zur Besprechung eines Bibelkomnientars, eines Kommentars überhaupt? Wir haben doch wahrhaftig keinen Mangel an alten und neuen Werken, die sieh mit der Erklärung der Bibel befassen! Zwei Drittel der hebräischen Literatur sind Dcutungsliteratur —also warum so feierlich bei einem Buche dieser abgeleierten Gattung? Das ist eben das Ungewöhnliche an dem Bibelkommentar Ehrlich s, dass er dem Namen nach sieh an tausende und abertausende von Vorgängern anschliesst, in Wahrheit aber jeden Zusammenhang mit den Werken der scheinbar gleichen Gattung zerrissen hat. Ehrlichs Buch ist sui gencris. Es ist vielleicht nicht zu viel behauptet, wenn er meint — er sagt es nicht geradezu, aber man liest es aus seinen Worten heraus — dass er der erste, zugleich unbefangene und berufene Erklärer der Bibel ist. Ehrlich, hat sich einem Vertreter des „Hebrew Standard" gegenüber ziemlich frei über die Methode der alten Kommentatoren und über seine neuen Wege ausgesprochen; es ist lehrreich, ihn selbst darüber zu hören. Biblische Exegese ist so alt, wie die Septuaginta — denn eine Uebersetzung ist in gewissem Sinne ein kurzer, fortlaufender Kommentar. Aber die Septuaginta zeigt, dass viele Stellen des heiligen Textes schlecht verstanden worden sind, und es ist klar, dass dies der mangelhaften Kenn im s zuzuschreiben ist^ welche die Uebersetzer vom

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