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Die Welt · 1902-08-01 · 31 (1.8.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
31 (1.8.1902)
Article
Die jüdische Armut in Wilna
Date
1902-08-01
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 Die i> Weif Nr. 31 des Gebietes, dienen. Die Schilderungen dieser erschreckenden Armut entnehmen wir einem, in der Petersburger Wochenschrift „Aufgang" vor wenigen Tagen publizierten Aufsatze eines Augenzeugen. 8181 jüdische Handwerker, 732 jiidischa Kutscher, 2180 Flosstreiber. 9T1 Fabriksarbeiter und hunderte von jüdischen Taglöhnern befinden sich gegenwärtig in Wilna buchstäblich, ohne jedwede Nahrung. In der Nähe des Bahnhofes und in den Strassen lungern diese Unglücklichen hemm, ihre Dienste um Spottpreise anbietend. Um ein Fünfkopekenstück tragen sie eine Pferdelast von einem Ende der Stadt zum anderen, für den Lohn von 30 Kopeken täglich sind sie bereit., die schwersten Arbeiten zu verrichten. Aber es gelingt ihnen nicht, Arbeit zu finden, ihre Familien erhalten oftmals wochenlang keine genügende Nahrung, der Hunger nagt nicht nur an den Erwachsenen., sondern auch an den Kindern. Wir werden bald sehen, welche Folgen dieses Elend unter den Juden von Wilna heraufbeschwört; zuerst aber wollen wir die Armut der jüdischen Kleinhändler in "Wilna schildern, welche die der obgenannten Kategorien an Düsterkeit weit übertrifft. Die jüdischen Kleinhändler und Vermittler bilden die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung der Stadt Wilna. Jeder beschäftigungslose Jude wirft sich auf den Kleinhandel oder auf die kommerzielle Vermittlung. Und in jedem Hause in Wilna befinden sich mehrere Geschäfte, welche untereinander eine schreckliche Konkurrenz führen. Die bekannten Verordnungen vom 3. Mai 1882, welche den Juden das Woinireeht in den Dörfern nahmen, haben das Proletariat der jüdischen Kleinhändler und Vermittler in Wilna bedeutend verstärkt. Tausende jüdischer Familien, welche früher in Dörfern durch Pachtung von Obst- und Gemüsegärten, von Mühlen und Milclnvirtsohaftcn usw. ihren Lebensunterhalt fanden, mussten ihre Wohnorte verlassen und nach Wilna übersiedeln. Auch die Judeuausweisungen ans dem Innern Russlands bewirkten eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung der Städte im Nordwestgebiete, so class die Zusammenpferclumg und die Konkurrenz immer einen grosseren bin fang annahm und eine totale Verarmung der jüdischen Bevölkerung der Städte im Xordwestgebiete herbeiführte. Die unter Alexander III. eingesetzte sogenannte Juden-Kommission unter dorn Vorsitze des Grafen Pahlen bezeichnete selbst das jüdische Proletariat im. Xordwestgebicte als „das verzweifeltste Proletariat von ganz Kussland". Die Stadt Wilna als Centrum des Nordwestgebietes diente den ausgewiesenen und obdacldosci Juden als Zufluchtsort in verstärktem Masse, so dass die Vermehrung der jüdischen Armut dieser Stadt rapid ::u?uhm. Diese Armut wurde diiich die Einführung des Brantweinmonopols bedeutend verschärft. Das Brantweinmonopol macht nicht nur die jüdischen Brantweiner brotlos, sondern auch hunderte von Familien, welche im Dienste dieser Brantweiner standen. Dazu gesellte sich noch der Umstand, dass in letzter Zeit viele polnische Kapitalisten und Gutsbesitzer verschiedene Konsum-Vereine ins Leben riefen, welche die Juden auf allen Gebieten des Handels und der Industrie verdrängten. Um sich halbwegs erhalten zu können, sind die jüdische.i Kaufleute und Händler genötigt, ihre Ware um jeden Preis, oftmals um den Kostenpreis, zu verkaufen, was den Bankerott vieler Finnen herbeiführte und den Kredit bedeutend einschränkte. Die immer zunehmende Entwicklung der direkten Verbindungen mit den HauptrnUrkten Russlands und des Auslandes hat die jüdischen kommerziellen Vermittler über Bord geworfen und die Masse der Armen und Elenden masslos vermehrt. Die durch dies? Unistände hervorgerufene Massenemigration der Juden des Nordwestgebietes nach allen Weltteilen hat die Lage der zurückgebliebenen Juden nicht verbessert, sondern verschlechtert. Nur die Jungen, Arbeitsfähigen und Unternehmungslustigen hatten den Wander* stab ergriffen, alte Eltern, hilflose Frauen, Kinder und Verwandte in bitterer Xot zurücklassend. Diese Not hat in Wilna erschreckende Dimensionen angenommen. Um sie in kurzen Strichen zu illustrieren, seien hier folgende Daten über die immer zunehmende Armut der Juden von Wilna angeführt: Im Jahre 1897 wurden von der, Armenanstalt der jüdischen Gemeinde zu Wilna am Passahfeste 4576 jüdische Familien (mit einer,tJ\{Hr gliederzahl von je 2 bis 7) mit Unterstützungen ^bedacht: im Jahre 1900 stieg die Zahl der unterstützungsbedürftigen Familien auf 5079, im Vorjahre sogar auf 5386, wobei die Mitgliederzahl der Familien schon zwischen 2 und 9 schwankte. Bedenkt man. dass die Unterstützungen zum Passahfeste nur von Personen in Anspruch genommen werden, welche in tiefster Armut leben und keinen anderen Ausweg haben, so wird man die erschreckende Armut der jüdischen Bevölkerung von Wilna einigermassen begreifen. Diese Zahl ist jedoch noch unvoll ständig, weil sie die armen Juden nicht umfasst, welche am Passahfeste von der jüdischen Volksküche zu Wilna gespeist werden. An diese Volksküche werden überhaupt grosse Anforderungen gestellt. So erteilte sie im Jahre 1900 in einem Zeiträume von 203 Tagen 204.762 Freitischmahle, täglich also ungefähr 764. Aber alle angespannten Kräfte der jüdischen Wohltätigkeit in Wilna ver* mögen nicht, die Schrecken der grenzenlosen Armut der Juden der Stadt einigermassen zu mildern. Die Verwaltung der ersten Synagoge zu Wilna allein hat an Unterstützungen von 50 Kopeken bis 100 Rubeln im Jahre 1898 ungefähr 3581, im Jahre 1899 ungefähr 4163 und im Jahre 1900 rund 5529 Juden gewährt. Die Zahl der armen Kranken, Wöchnerinnen und Waisen, welche Unterstützungen erhielten, konnte nicht festgestellt werden. Die wachsende Armut der jüdischen Bevölkerung von Wilna findet noch eine Illustration in den Ziffern der vom Wilnaer Vorsehussvereine für Handwerker erteilten Darlehen. So wurden im Jahre 1901 Darlehen von 5 bis 80 Rubeln an 5855 Handwerker in der Höhe von 279 322 Rubeln gewährt. Die Folgen dieser immer wachsenden Armut der Juden in Wilna drücken sich bereits in erschreckenden Formen der Degeneration und in der immer zunehmenden Kränklichkeit der Wilnaer Juden aus. Der Wilnaer Krankenunterstützungsverein „Mischmereth Cholim" hat im Jahre 1S98 mehr als 30 069 Rezepte und 12 056 ärztliche Visiten gezahlt, die vielen jüdischen Kranken, welche in den jüdischen Spitälern behandelt und gepflegt werden, nicht inbegriffen. Diese Krankheitsfälle nehmen aber immer zu. Im Jahre 1899 hat der genannte Verein 31 906 Rezepte gezahlt, während die jüdische Kultusgemeinde im selben Jahre 23 007 Rezepte für arme jüdische Kranke unentgeltlich ausfolgte. Ein Hilfs-Komitee, das sich in den letzten Jahren in Wilna gebildet hat, bot am Eröffnungstage ein Bild voll Jammer und Kummer. Hunderte und hunderte armer Juden, Jüdinnen und Kinder, in Lumpen gehüllt und mit abgehärmten und kummervollen Gesichtern, belagerten das Komitee, um seine Hilfe anzurufen. Nicht um Geld oder Brot baten diese Armen, sondern um Arbeit, welche ihnnen die Möglichkeit geben würde, sich nnd ihre Familien in den bescheidensten und dürftigsten Formen erhalten zu können .... Die Mitglieder des Komitees waren beim Anblicke dieser echten Verzweiflung konsterniert und verzweifelt, vermochten aber nicht, den Unglückliehen Bettung zu bringen. Was will das werden? Gt. Jahresbericht der „Jewish Colonisation Association". (Fortsetzung.) Golonien Entre Rios. Diese Kolonien haben seit ihrer Begründung gegen alle Art von Ungemach anzukämpfen. Dieses Jahr sind sie von einer aussergewöhnlichen Dürre betroffen worden, welche die Mais- und Klee-Ernte zerstörte und ferner für die Kolonisten einen Verlust von 10—15°/0 ihres Viehs zur Folge hatte. Ein oder zwei gu t e J a h r e werden notwendig sein, um die Lage dieser Landwirte zu kräftigen, und ihnen Vertrauen in ihre Zukunft einzuflössen. Nichtsdestoweniger sind einzelne Gruppen auf dem Wege des Gedeihens, und speziell muss in dieser Beziehung die neue Kolonie Lucienyille mit ihren netten, von Azedarac-

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