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Die Welt · 1902-08-01 · 31 (1.8.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
31 (1.8.1902)
Article
Was bedeutet das Turnen für uns Juden?
Date
1902-08-01
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 „Die # Welt" Seite 3 Körperlänge für eine Entartungserscheinung zu halten. Ich bin in dieser Anschauung in der letzten Zeit schwankend geworden. Zu einer wissenschaftlich ausreichend begründeten Ueberzeugung zu gelangen ist sehr schwer, da ja die Anthropologie und Ethnographie des jüdischen Stammes beinahe gänzlich unerforschte Gebiete sind. Wir wissen also nicht, ob die Juden ursprünglich grössere Körperlänge hatten und erst infolge ihrer ungünstigen Lebensbedingungen verkümmerten oder ob sie schon von allein Anfang eine Rasse von unansehnlichem Wüchse waren. Gräberfunde, die über diesen Punkt Licht verbreiten könnten, sind mir nicht bekannt. Auch müssten sie, um vollen Beweiswert zu haben, einigermassen zahlreich und ihr jüdischer Charakter müsste über jeden Zweifel erhaben sein. Die Zeugnisse aus dem Altertum sind nicht eindeutig. Auf den ägyptischen und assyrischen Denkmälern lassen die Abbildungen von Juden nicht vermuten, dass sie dem Künstler kleiner erschienen als ihre nichtjüdische Menschenumgebung. In Rom Hessen sich Juden von riesigem Wüchse gegen Eintrittsgeld in Schaubuden sehen. Andererseits lassen Bemerkungen der Bibel darauf schliessen^ dass die Juden in Palästina Volksstämme als Nachbarn hatten, die sie an Wuchs bedeutend überragten. Man denke nur an die „Enakssöhne" und die Schilderung Goliaths im Verhältnis zu David. Es bleibe also dahingestellt, ob wir klein geworden oder klein gewesen sind. Nicht zu leugnen ist, dass wir gegenwärtig durchschnittlich etwas kleiner sind als Deutsche,, Russen, Angelsachsen und Skandinaven, wenngleich mindestens ebenso gross wie Franzosen, Italiener, Spanier, Rumänen und Magyaren. Es wäre jedoch völlig verfehlt, geringere Durchschnittslänge mit Schwächlichkeit und Unbeholfenheit gleichzusetzen. Man halte sich zwei biologische Grundtatsachen vor Augen: es gibt beim gesunden Menschen keine natürliche, unabänderliche Muskelschwäche, und man führt verwickelte Bewegungen, also solche turnerischer Natur, nicht mit den Muskeln, sondern mit den Bewegungszentren im Gehirn aus. Unsere Muskeln sind hervorragend entwicklungsfähig. Man kann ohne Uebertreibung sagen: niemand braucht sieh mit den Muskeln zufrieden zu geben, die er hat. Jeder kann vielmehr die Muskeln haben, die er selbst wünscht. Methodische, ausdauernde Uebung ist alles, was dazu nötig ist. Jeder Jude, der sich schwach glaubt oder schwach ist, hat es also in der Hand, sich eine Athletenmuskulatur zuzulegen, vorausgesetzt, dass er kein organisches Leiden hat, das ihm Leibesanstrengungen überhaupt verbietet. Kraft ist aber bekanntlich beim Turnen nicht das Ausschlaggebende. Ein gewisses Mass von Leistungsfähigkeit muss man von den Muskeln natürlich fordern, doch ist Bärenstärke keineswegs erforderlich, Worauf es wesentlich ankommt, das sind drei Bedingungen: erstens rücksichtslose Kühnheit, zweitens vollkommene Beherrschung aller Muskelgruppen, deren genaues, harmonisches Zusammenwirken bei der Ausführung einer verwickelten Bewegung erforderlich ist, drittens rasche und scharfe Ausarbeitung des Bildes der auszuführenden Bewegung in der Vorstellung unter energischer Ausschliessung aller Hemmuiigsvorstellimgen banger oder zweifelnder Natur. Diese drei Bedingungen werden aber ausschliesslich vom Gehirn, vom Geiste erfüllt, dessen willenlos ergebene, unbedingt willfährige und zuverlässige Diener die Muskeln sind. Geistige Flinkheit, Helle und Schärfe ist die notwendige Voraussetzung der leiblichen Geschmeidigkeit und Gewandtheit. Das eine deckt sich vollkommen mit dem andern. Man verstehe mich nur recht. Ein kluger, beweglicher, durchdringender Verstand allein macht noch keinen Athleten, wenn das Muskelsysteni nicht durch Uebung die unerlässliche Entwicklung erlangt hat. Aber keine angeborene oder erworbene Muskelkraft ist imstande, aus einem stumpfen, einfältigen, langsamen Tölpel einen Athleten zu machen. Ich kenne keinen einzigen Sport, es wäre denn vielleicht der rohe und geistlose Fussball, wto der klobige, brutale Tolpatsch dem pan'th;erähnlich blitzgewandten Geistesmenschen überlegen wäre oder auch nur gleichkäme. An unserer geistigen Begabung zweifeln auch unsere Todfeinde nicht. Sie müssen uns. wenn auch widerwillig, Verstandesschärfe, geistige Beweglichkeit, schnelle Auffassung zugestehen, nur suchen sie lächerlicherweise diese Werte^ weil es jüdische sind, in Unwerte umzuwerten, worin die erbärmlichen Idioten von jüdischen Antisemiten mit ihnen übereinstimmen. Die Nutzanwendung aus dieser Feststellung ergibt sieh von selbst. Wir haben von Natur die unerlässlichen geistigen. Vorbedingungen aussergewöhnlicher athletischer, turnerischer Leistungen. Die körperliehen Voraussetzungen, ein gewisses Mass von Muskelstärke, sind durch Uebung zu erlangen. Wir haben also alles, was nötig ist, um uns als Turner ebenso glänzend zu bewähren wie als Pfleger aller Geistesdisziplinen. Das sind keine bloss theorethisehen Vermutungen oder Annahmen. Es ist bekannt, dass einige der berühmtesten Zirkustruppen fast ganz aus Juden bestehen, dass unter den Artisten Juden imverliältnismiissig zahlreich sind und dass viele Juden es im Stossfechten häufig zu grosser Meisterschaft bringen. Wir brauchen also nur zu wollen, um als Turner mit den ersten Platz zu erringen. In einer Menschenumgebung, die Geistestüchtigkeit zu verachten vorgibt, weil sie sie nicht immer in demselben Masse besitzt wie der Jude, die dagegen mit körperlichen Eigenschaften protzt, weil sie damit besser ausgerüstet zu sein glaubt als der Jude, wäre es von hohem Werte für unsere Stellung, wenn wir die feindseligen Schmäher auch aus ihrem letzten Verbau hinausjagen und zur, sei es auch noch so widerwilligen, Anerkennung der Tatsache zwingen würden, dass wir es ihnen als Turner ebenso s/pielend mindestens gleichtun wie als Hirnarbeiter. Mir liegt nicht etwa daran, dass Antisemiten eine bessere Meinung von uns bekommen. Was diese Leute von uns denken, ist uns einerlei. Aber wir müssen bedenken, dass der Jude in der Zersiieuung nun einmal gegen die nicht-jüdische-Meinung besonders empfindlich ist und an sich nur schätzt, was seine nichtjüdische Umgebung als Wert anerkennt. Wenn der Jude sich %U Turner, Fechter usw. anerkannt, womöglich bewundert sieht, so wird das auf sein Selbstgefühl noch viel erhebender wirken als die Sicherheit und das Kraftbewusstsein, die seine turnerischen Leistungen notwendig in ihm grossziehen. Diese mittelbare Wirkung der turnerischen Ausbildung hat für uns eine Bedeutung, bei der zu verweilen sich wohl erübrigt. („Jüd. Tnrn-Zeitung".) Die jüdische Armut in Wilna. Das Nordwest gebiet Russlands., das grösste jüdische Ghetto der Welt, bietet im gegenwärtigen Augenblicke ein deprimierendes Bild unbeschreiblicher jüdischer Armut und Not. Wohl war die ökonomische Lage der Juden in diesem Gebiete infolge vieler historischer Umstände und Rechtsbeschränkungen der Juden seit jeher höchst unerfreulich, aber gegenwärtig dürfte diese Lage an Verzweiflung, Jammer und Elend ihren Höhepunkt erreicht haben. Sogar in Russland selbst scheint man bis jetzt nicht geahnt zu haben, unter welchen düsteren Zeichen erschreckender Notlage die Juden im Nordwestgebiete leben. Und man muss den Personen Dank sagen, welche sich der mühevollen und traurigen Aufgabe unterzogen haben, dies jüdische Reich der Armut und Verzweiflung zu schildern und Baten zu sammeln, welche die jüdische Notlage im Nord westgebiete in den düstersten Farben illustrieren. Den Juden im Nordwestgebiete, das keine grosse Fabriksindustrie, Handels- und industrielle Unternehmungen besitzt, stehen zu ihrer Erhaltung nur vier Zweige ökonomischer Tätigkeit offen: der Kleinhandel* die kommerzielle Vermittlung, das Handwerk und die Taglöhnerarbeit. Diese Umstände in Verbindung mit der masslosen Zusammenpferchimg der jüdischen P»evölkerung haben auf allen Gebieten der Handwerks- und Taglöhnerarbeit eine vernichtende Konkurrenz herbeigeführt. Und als Gradmesser für die Armut der Juden im Nordwestgebiete mag die Notlage der Juden in Wilna, der grossten Stadt

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