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Die Welt · 1902-08-01 · 31 (1.8.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
31 (1.8.1902)
Article
Die Angstmeier des Judentums
Date
1902-08-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die 2$ Welt" Nr, 31 dass Dr. Herzl späterhin Gelegenheit hatte, seine Worte in einer jede Missdeutung ausschließenden Weise zu präzisieren. Jedoch kann der Schreiber dieser kritischen Ausführungen sein Bedauern darüber nicht unterdrücken, dass die intern-jüdische (??) Frage einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina „vor das Forum einer Körperschaft wie die Fremden- Einwanderungskonimission gebracht und dass die letztere noch dazu in aller Form aufgefordert wurde, diese Lösung in Betracht zu ziehen". „Noch dazu" — horribile dictu! Der Artikelschreiber zittert vor Angst, dass diese fürchterliche Aufforderung von den englischen Antisemiteu als Vorwand benützt werden wird, „unseren unglücklichen Glaubensgenossen die Häfen Englands zu sperren und sie auf die künftige öffentlichrechtliche Heimstätte in Palästina zu vertrösten". Geradezu, panisch wird aber der Schreck des Artikelschreibers angesichts der Bemerkung Dr. Herzls, dass die Juden von Osteuropa nicht dort bleiben können, wo sie jetzt sind. Wir lassen diesen potenzierten Angstruf hier wörtlich folgen: „Wer wird den trostlosen Jammer, unter dem Millionen unserer Brüder in jenen Ländern seufzen, auch nur im entferntesten bestreiten? Indessen wird auch das brennendste Mitgefühl nicht jede Möglichkeit abweisen, dass wenigstens für einen Teil jener Märtyrer in einer mehr oder minder nahen besseren Zukunft „dort, wo sie jetzt sind", eine Linderung des Jammers anheben, dass die sieghafte Macht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit auch dort endlich zum Durchbruche gelangen kann. Das Zugeständnis, dass jene Unglücklichen allesamt unabweislich der Gewalt weichen müssen, dürfte kaum dazu angetan sein, diejenigen, deren Gewaltregiment sie ausgeliert sind, milder zu stimmen; die autoritative Bestätigung, dass ihrem satanischen Streben, die verhassten Juden von der Scholle zu drängen, Erfüllung winkt, dürfte vielmehr verstärkter Ansporn sein, Brutalität auf Brutalität zu häufen." Nun, gegen diese krankhafte Angstmeierei, wie gegen die treuherzige Zuversicht auf die „sieghafte Macht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit" lässt sich wirklich nicht mit Vernunftgründen ankämpfen, und wir haben uns mit dieser Beurteilung der Aussagen Dr. Herzls nur beschäftigt, weil sie für die Denkweise unserer Gegner überaus typisch ist und die ganze Tiefe der Kluft zeigt, die unsere Auffassung der Judenfrage von der Auffassung dieser Leute scheidet. Allein, eine sehr merkwürdige Tatsache wollen wir zum Schlüsse noch erwähnen. Der angeführte Artikel ist sonderbarerweise zu gleicher Zeit und in buchstäblicher Identität im Mainzer „Israelit" und in der „Jüdischen Presse" erschienen. Dies beweist, dass er keiner Eingebung eines Redakteurs der genannten Blätter entstammt, sondern von aussenhin in dieselben lanziert wurde. Es ist damit wieder — wie in dem für die betreffenden Zeitungen schmählich verlaufenen Falle der Bank-Verleumdung — konstatiert, dass diese antizionistischen Artikel von einem antizionistischen Korrespondenz- Bureau oder Korrespondenten ausgehen, der den Zionismus grundsätzlich bekämpft. Es wäre interessant, diese Zentralstelle ausfindig zu machen — wenn wir sie nicht schon kennten. M. Z. Was bedeutet das Turnen für uns Juden? Von Dr. Max Mordau, Paris. Dass das Turnen die Gesundheit stärkt, die körperliche Entwicklung zur Kraft wie zur Schönheit fördert, das Selbstgefühl steigert, das ist bereits so oft wiederholt worden, dass es wie ein Gemeinplatz klingt. Es ist auch hinreichend betont worden, dass das Turnen Manneszucht, gegenseitige Anpassung verschiedener Individualitäten, sorgfältig gefügtes Zusammenwirken vieler Anstrengungen zu einem einzig gemeinsamen 'Ziele lehrt und dadurch einen ganz besonders hervorragenden erziehlichen Wert für uns Juden hat, deren grösster Fehler Eigensinn, Steifnackigkeit und Widerwillen gegen die Anerkennung des Stammgenossen und nun gar gegen die Unterordnung unter ihn ist. Es gibt aber bei der Betrachtung des Turnens der Juden einen Gesichtspunkt, bei dem man meines Erachtens nicht genug verweilt hat, und das ist unsere ungewöhnliche Eignung zu Leibesübungen aller Art. Mancher Leser wird hier vielleicht verwundert blicken und den Kopf schütteln. Er wird mir möglicherweise missbilligend Neigung zu Paradoxen vorwerfen. Das macht: wir haben nur allzusehr die Gewohnheit, uns selbst unbewusst mit dan Augen der Antisemiten anzusehen und mit sträflicher Blindgläubigkeit zu wiederholen, was sie uns nachsagen. So ist es auch für viele, selbst stolze Juden eine keines Beweises bedürfende Tatsache, dass der Jude körperlich unbeholfen, kläglich ungeschickt, bejammernswert schwächlich ist, dass er zwei linke Hände hat, fortwährend über die eigenen Beine stolpert, lieber schief und krumm als gerade steht usw. Das behaupten die Antisemiten und das sagen wir ihnen nach. Höchstens wagen wir, für milderne Umstände zu plaidieren. Was Wunder, sagen wir, dass es uns an Muskelkraft und Gewandtheit fehlt? Wir haben in der tausendjährigen Ghettohaft aus Mangel an Uebung unsere körperliche Tüchtigkeit notwendig verlieren müssen. Jetzt fehlt sie uns freilich und wir müssen es uns sauer werden lassen, sie uns wieder anzuerziehen. Die Antisemiten haben uns mit Augen des Hasses beobachtet und ihre Bosheit lässt sie das Wahrgenommene lächerlich falsch deuten und verallgemeinern. Es ist richtig, dass nur zu viele Juden eine schlechte Hai* tung haben. Aber sie ist ihnen keineswegs natürlich. Sie ist lediglich die Folge fehlender körperlicher Erziehung. Hierin unterscheidet sich der Jude nicht vom sogenannten Arier. Wer dazu Gelegenheit hat, der halte doch auf Kasernenhöfen und Exerzierplätzen Umschau. Er wird sich rasch überzeugen, dass zwischen dem Juden und dem Niehtjuden aus dem Kramladen oder der Schusterwerkstatt äusserlich kein Unterschied zu beobachten ist. Ich habe mir von Unteroffizieren, die über den Verdacht des Philosemitismus und selbst der einfachen Gerechtigkeit gegen uns hoch erhaben sind, sagen lassen, dass nicht nur der arische Tagelöhner, Geselle und Ladenschwengel, sondern auch der Pflugknecht, der Bursche vom Lande, der doch Gelegenheit hatte, seine Glieder frei zu bewegen und zu üben, viel begriffsstutziger sind als die jüdischen Rekruten, und dass ihre militärische Ausbildung viel mühseliger und langsamer ist als die ihrer jüdischen Kameraden aus denselben oder ähnliehen Volksschichten. Die Zerrbilder in den Witzblättern, in denen zum Vergnügen der jüdischen und christlichen Antisemiten jüdische Soldaten als lächerliche Vogelscheuchen dargestellt sind, werden nicht aus der Wirklichkeit geholt. Sie sind liebenswürdig wohlwollende Erfindungen und sonst nichts. Wenn sie ein Vorbild haben, so ist dies allenfalls der junge Krieger überhaupt in den ersten Wochen nach seiner Einstellung. Spezifisch jüdisch sind die Fallsta ff-Rekruten schlechterdings nicht. An Stattlichkeit lässt der Jude allerdings zii wünschen übrig. Dies fällt besonders in den Ländern mit vorwiegend germanischer und slavischer Bevölkerung auf; in den romanischen weit weniger. Ich war früher, vielleicht etwas voreilig, geneigt, den Wuchs der Juden für zurückgeblieben, seine meist geringe

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