Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Article
- Offene Antwort eines galizischen Rabbiners
- Date
- 1902-07-25
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 30 „Die # Welt^ Seite 7 Namen nach bekannt. Dennoch habe ich mir ein fühlendes Herz bewahrt und so ist mir denn auch nichts Menschliches, insbesondere aber nichts Jüdisches fremd. Daher kommt es, dass ich in den wenigen Stunden meiner Müsse mich auch mit den Vorgängen bei unseren zivilisierten Brüdern im Westen beschäftige. Wie Sie sehen, ist schon jetzt zu uns die Nachricht gedrungen, welche uns die Aussicht eröffnet, mit einem Sendschreiben von Ihrem hochwürdigen Verbände beehrt zu werden. Veranlassung hierzu soll ein furchtbar trauriger Zweig des modernen Handels bieten, der Menschenhandel, der seineHauptbezugsquellehier in unserem Lande haben soll. Schon bei diesem Punkte drängen sich mir eine grosse Anzahl von Fragen auf. Wie allgemein bekannt ist, sind Sie, hochehr würdige Herren, es doch gerade, die immer vor der breiten OÖffentlichkeit jede Gemeinschaft mit der Gesamtheit des Judentums ablehnen und sich mit Vorliebe deutsche Staatsbürger jüdischer Konfession nennen. Woher kommt es denn nur, dass Sie auf einmal bei diesem Anlasse Ihr für die Gesamtheit fühlendes Herz entdeckt haben?! — Wenn es gestattet ist, möchte ich mir die Vermutung erlauben, dass es nicht plötzlich erwachte Liebe zu dem grossen, in undenklicher Qual schmachtenden jüdischen Volke ist, die Sie zu diesem Schritte drängte. Es war vielmehr die demütigende Wahrnehmung, dass die Schmach der „halbasiatischen" Juden schliesslich auch auf Sie israelitische Deutsche zurückfällt. Was hat es Ihnen also genützt, dass Sie vor der Welt jede Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft mit uns abgeleugnet haben?! Wären Sie nicht deutsche Rabbiner jüdischen Glaubens, sondern, wie das von jeher im Judentum war, ganz ohne Vorbehalt und Einschränkung einfach jüdische Rabbiner, so hätte Sie doch schon längst, bevor diese unerhörte Schmach Ihnen in die Augen stach, in Ihre Gemeinden mit der Kraft des Löwen hineinrufen müssen: Werdet Ihr es vor Gott verantworten können, dass Ihr Hunderttausende Eurer Brüder und Schwestern, in der haarsträubendsten Not schmachten lasset, während Ihr jährlich Hunderttausende für Tempelbauten aufwendet. — Sehen Sie, hochwürdige Rabbiner, denn nicht, dass angesichts jener Not Ihre Prachttempel nur Denkmäler Ihrer Schande bedeuten, vielleicht einer grössern Schande, als diejenige, der zu steuern Sie eben im Begriffe stehen?! Ein einziger Prachttempel in Ihrer Mitte weniger, was wäre dem Judentum damit geschadet? — Ich antworte: gar nichts. Die Mittel, die für dessen Errichtung erforderlich, richtig und zweckdienlich angewendet — und der ganze schmachvolle Mädchenhandel, so weit er uns galizische Juden betrifft, wäre aus der Welt geschafft. Ja, fühlten Sie sich als Rabbiner und nicht als Geistliche irgendeiner jüdischen oder deutschen Konfession, so hätte Ihr richtiger jüdischer Instinkt es Ihnen schon eingegeben, für die in Rede stehende Frage die rechte Form zu finden. Sie hätte alsdann lauten müssen: Was können wir Rabbiner in Deutschland zur Linderung der grenzenlosen Not unserer osteuropäischen Brüder tun, um solchermassen wenigstens deren schrecklichste Folge — den Mädchenhandel — aus der Welt zu schaffen? Dann allerdings hätten Sie mit dieser Frage nicht so leicht Federlesens ge* habt. So aber glaubten Sie, die Sache wäre damit abgetan, dass Sie einesteils die Augen der Polizei noch stärker bewaffnen wollen und andernteils für uns ein moralisches Rezeptchen in Aussicht nehmen. Was das letztere betrifft, so halten wir von dessen Wirksamkeit im vorhinein nicht besonders viel, glauben auch nicht, dass sie selbst von dieser, in der heutigen Zeit etwas aus der Mode gekommenen Arznei — deutsche Rabbiner, sagt man, führen nur Modeartikel — sehr viel auf Lager haben ... In dieser Beziehung kann ich auf eine andere Stelle ihres Versammlungsberichtes verweisen, wo erwähnt wird, dass Sie zwar, recht wie es Seelenhirten geziemt, bei der Bundesvertretung der deutsch-israelitischen Gemeinden ein Bittgesuch eingereicht haben, dass man auch Ihnen die Wohltat der Gewissensfreiheit einräume und Sie fürderhin nicht Gewissensschmerzen aussetze. Dieses Bittgesuch hatte jedoch das Ungiück, keine Erhörung zu finden. So lange Sie sich also nicht im glücklichen Besitze der Freiheit des Gewissens befinden, werden Sie wohl besser tun, über den heiklen Punkt „Moral" nach wie vor das strengste Stillschweigen zu beobachten. * Wir galizischen Rabbiner hatten von unserem in der Zivilisation so sehr zurückgebliebenen Standpunkte erwartet, dass Sie, hochehrwürdige Herren, nicht bloss Ihrer Bundesvertretung Ihre flammende Entrüstung werden zu erkennen geben, sondern dass Sie auch als Männer werden zu handeln wissen und einmütig Ihren Gemeinden die Demission überreichen. Von alldem war — wenigstens in dem mir zugänglichen Bericht — auch nicht die Spur zu finden. Ich darf also annehmen, dass Sie auch fernerhin entschlossen sind, lieber auf Ihr Gewissen als auf Ihre Stellen zu verzichten. Sie, hochehrwürdige Herren, behaupten sich demnach — ganz unverblümt ausgedrückt — in Ihren Stellungen nur dadurch, dass sie mit Ihrem Gewissen den Preis dafür zahlen. Ihre Gemeinden wieder zahlen Ihnen den Sold dafür, dass Sie Ihnen Ihr Gewissen verkaufen. Es wäre doch anders wirklich nicht abzusehen, was Sie denn sonst an dieses unwürdige Vertrags- und erniedrigende Dienstverhältnis schmieden könnte? Wir galizischen Rabbiner schmachten fast ohne Ausnahme in Elend und Armut, tragen meist einen geflickten Kaftan — wir fühlen uns jedoch turmhoch über Euch erhaben. Was Gewissensnot ist, das kennen wir gar nicht. Der Vorsteher oder die Gemeinde sollte noch aufstehen, die es wagte, unserem Gewissen Zwang an zutun. Wir würden ihnen einfach den Kram vor die Füsse werfen und lieber mit Weib und Kind darben; daher kommt es denn auch, dass wir trotz unserer wahrlich wenig beneidenswerten Lage uns von Gewissensqualen frei fühlen. Wenn wir also nächstens durch die hohe Ehre Ihres Sendschreibens, hochehrwürdige Herren, ausgezeichnet werden, so wäre es uns ausserordentlich angenehm, wenn wir einigen Aufschluss zugleich über die hier angeregten Fragen erhalten könnten. Mit aller geziemenden Hochachtung Einer im Sinne vieler! Aufruf! An die jüdischen Hochschüler in Galizien! In dieser Zeit des Kampfes und des Hasses, wo sich alle Nationalitäten in der Bekriegung und Unterdrückung unseres Volkes überbieten, bedarf es wohl nicht erst eines Mahnrufes an unsere studierenden Brüder, dass sie in geschlossenen Reihen, Mann an Mann, ihre Interessen wahren und ihre Ehre verteidigen sollen. Diese Erkenntnis ist bereits das Gemeingut der jüdischen Jugend geworden, jener jüdischen Jugend, die auf ihre Abstammung stolz ist, die mit schwer erkämpftem Selbstbewusstsein auf ihre Geschichte, ihre Traditionen, auf das Martyrium ihrer Väter hinweist, wenn der jüdischen Nation die Existenzberechtigung abgesprochen wird. Und dank dieser Erkenntnis stehen wir jetzt auf einer Höhe, von der aus wir unsere Widersacher nicht nur nicht zu beachten brauchen, sondern auch gründlich verachten dürfen. Diejenigen aber, die sich nur zaudernd den zionistischen Organisationen nähern, sind die jüdischen Hochschüler aus Galizien. Sei es, dass ihnen die Verhältnisse nicht genügend bekannt sind oder aus Indifferentismus jüdischen Interessen gegenüber, sie schliessen sich uns nur mählich und behutsam an. An euch nun, jüdische Hochschüler aus Galizien, ergeht nun unser Ruf! Brüder! Die Zeit ist ernst! Tretet in unsere Mitte, Kommilitonen! Lasset uns gemeinschaftlich arbeiten für unser und unseres Volkes Wohl. Denn die Jugend ist die Hoffnung der Nation! „BarKochba", Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien. * Charlottenburg. Die ernste Lage der Juden in Rumänien gab der denkenden, im Auslande studierenden Jugend aus Rumänien den Anlass zur Gründung von Vereinen, in denen sich die Mitglieder zum Kampfe um die eigenen und ihrer Brüder Rechte ausbilden und sich die Fähigkeiten erwerben sollten, auch an der allgemeinen Lösung der Judenfrage mitwirken zu können. So entstanden die „Unitas" zu Freiberg i. S., die Jvria" zu Charlottenburg, „Societe sioniste des etudiants" zu Antwerpen und „Erez Israel" in Wien. Um eine einheitliche Richtung in den Bestrebungen und Arbeitsmethoden zu erreichen, wie auch um sich durch Rat und Tat zu fördern, schlössen die oben genannten Vereine das „Kartell der Vereine nationaljüdischer Studenten aus Rumänien", das am 5., 6. und 7. Juli d. J. zu Freiberg i. S. tagte.