Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 30 (25.7.1902)
- Article
- Mädchenhandel
- Date
- 1902-07-25
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 f,Dt£ # WcMttp Nr. 30 verband anderen überlassen, die mehr Einfluss und Mut haben — sich zu blamieren. Für eine Chaluka nach Rnssland., Galizien und Rumänien, wird das Geld wohl fehlen. Die Auswanderung fördern? Wie viele Tausende müssen dann wohl hinaus? Wie lange muss das dauern? Hat der Eabbinerverband ein Plätzchen für sie, wo sie das Elend nicht findet? Hat er die Umpflanzung durchdacht und vorbereitet? Was wird er tun? Wird er zum Zionismus — -— Doch halt! Kein Wort! Davon steht nichts auf der Tagesordnung! Darüber diskutiert der Rabbinerverband nicht. So hat er's beschlossen im Heldenkampfe, und dabei wird es bleiben. Also davon kein Wort! Aber was wird er tun? Er wird nach Hause gehen, er wird essen und schlafen, er wird Zigarren rauchen und predigen und beten, und er wird — warten. Er wird warten — der deutsche Rabbiner ist ja auch nur ein Mensch — wie man schon tausend und tausend Jahre gewartet hat. Er wird warten, bis die letzten unseres Stammes verkümmert, bis ihr Auge verblödet, ihr Gefühl erlahmt, ihre Menschlichkeit ertrunken im Elend, bis greise Väter mit eigener Hand, mit derselben Hand, die ihr Kind gesegnet, dies Kind an die Sklavenräuber verkaufen um Silberlinge, um ein trocken Stück Brot — bis die Tochter Zions, die herrliehe, das Ideal der Keuschheit, zur verworfensten Dirne wird — um ein Stück trocken Brot! — Er wird warten und tagen und warten und tagen-- Aber der Zionismus wird nicht diskutiert! Die Juden in Russland. Charkow. Die offiziellen „Charkowskija Gubernskija Wjedomosti" publizieren eine Kundmachung des Technologischen Institutes zu Charkow, dass unter den 205 Vakanzen, welche das Institut in diesem Jahre aufweist, nur 10 Juden Aufnahme finden können. Somit wurde die Zahl der Juden im Institute auf weniger als 5 Perzent herabgesetzt. * Werchnedneprowsk (Gouvernement Jekaterinoslaw). Wie der „Wjestnik Juga" („Bote des Südens") meldet, arbeiten gegenwärtig auf den Feldern der reichen Gutsbesitzer des Bezirkes Juden als Schnitter und andere Feldarbeiter. Sie verrichten ihre Arbeiten vorzüglich. Sie feiern den Samstag, arbeiten dafür an Sonntagen. Die ganze Woche hindurch leben die jüdischen Arbeiter von Eiern und Kirschensuppe, weil sie die nicht rituell zubereiteten Speisen der Gutsbesitzer nicht geniessen wollen. * Radomy8l. Die Armut der jüdischen Bevölkerung von Radomysl hat in letzter Zeit, wie ein Augenzeuge in der Petersburger Zeitschrift „Zukunft" berichtet, an Umfang zugenommen. Die neuerbaute Eisenbahn Kiew-Kowel hat die Stadt Radomysl unberührt gelassen und dadurch einen völligen Niedergang von Handel und Industrie in der Stadt herbeigeführt. Kleinhändler, Handwerker und alle anderen Juden der Stadt sind buchstäblich zu Bettlern geworden. Infolge dieser traurigen Zustände verlassen viele Juden Radomysl und Russland, um nach Amerika auszuwandern. Vor kurzem sind 20 Familien ausgewandert; andere aber wanderten vorderhand allein aus, ihre Familien in tiefster Armut zurücklassend. * Pinsk. Unter den jüdischen Einwohnern dieser Stadt hat in letzter Zeit die Auswanderungsbewegung stark zugenommen. Mehr als 100 Familien haben sich nach Amerika gewendet. Die Ursache dieser verstärkten Emigration liegt in den schrecklichen ökonomischen Verhältnissen, unter denen die Juden von Pinsk leben. Die Holzindustrie, welche früher viele Juden ernährte, ging jetzt total nieder und machte fast alle Juden der Stadt brotlos. Korrespondenzen und Telegramme. Wien. 24. Juli. Herr Dr. Herzl ist in Begleitung des Präsidenten der Jüdischen Kolonialbank Herrn D. Wolffsohn nach Gonstantinopel abgereist. * Ein Reichstagsabgeordneter als Zionistenführer. Mit ungeteilter Freude aufrichtiger Zionisten bringen wir jedem Zionsfreunde die angenehme Botschaft, dass der ausgezeichnete Parlamentarier und Reichstagsabgeordnete Herr Dr. Sorna Visontai, der in allen Beziehungen und unter allen Verhältnissen den Juden hervorkehrt, die Präsidentschaft des Budapester Z i o n i st en-Vereines angenommen hat. Der Herr Abgeordnete wird bezüglich des durch die Rumänen verletzten § 44 des Berliner Vertrages schon in der nächsten Reichtags-Session an den Ministerpräsidenten Szell eine dringende Interpellation lichten. . Mit Zionsgruss für den Budapsster Zionisten-Verein SamuWeil W ilft e 1 m Ko h n jun. Sekretär. ad hoc Präsident. * Berlin. Nach einer Meldung des „Isr. Fam.-Bl." in Hamburg ist die zionistische national-jüdische Verbindung an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums „Agüdah l'umith' von dem Rektor der Anstalt Rabb. Dr. Maybaum und dem Kuratorium derselben verboten worden. Moskau« In Russland haben die Juden die Sitte der deutschen Juden, Stiftungen ohne Unterschied der Konfession zu machen, erfolgreich nachgeahmt Besonders sind die Universitäten von Juden in dieser Form reichlich mit Stipendien bedacht worden. Die Moskauer Universität hat nun entschieden, dass das mit der Massgabe Geltung habe, dass jüdische Studenten von dem Genüsse der Stipendien ausgeschlossen seien. ' Galatz. Wie das „Bukarester Tageblatt" meldet* hat sich in Galatz eine aus etwa 100 jüdischen Familien bestehende Gruppe gebildet, welche teils naeh den Vereinigten Staaten, teils nach Argentinien auswandern will* Die Mittellosen werden von einer philanthropischen Oesellschaft unterstützt werden. In der letzten Zeit hat unter den Juden in Galatz, insbesondere anter den Handwerkern, die Auswanderungsbewegung stark zugenommen. Am nächsten Sonnabend wird aus der Stadt eine Gruppe jüdischer Handwerker mit Weibern und Kindern nach Amerika auswandern. ^Mb(ii)e. Offene Antwort eines galizischen Rabbiners*) auf einen noch ungeschriebenen Brief des „Rabbiner- Verbandes"#:n Deutschland zuhanden Sr. Hochehr würden Herrn Rabbiner Dr. Maybaum, Berlin.**) Hochehrwürdige Herren! Es hat einem gütigen Geschicke gefallen, mich in jene fernen Gebiete an den Abhängen der Karpathen zu verweisen, die bei Ihnen jedenfalls nur unter dem Namen „Halbasientt bekannt sein dürften. Wie schon dieser Name besagt, ist bei uns Europas edle Vornehmheit kaum dem *) Der Name ist der Redaktion bekannt **) Auf dem Rabbiner-Tage erstattete Rabbiner Dr. R e s e n a k-Bremen ein Referat über die Bekämpfung des Mädchenhandels, der übrigens sehr interessierte. Der Vortrag gipfelte in dem Vorschlag dreier Resolutionen, die einstimmig angenommen wurden : 1. Der Rabbiner-Verband würdigt die Bestrebungen zur Bekämpfung des Mädchenhandels; 2. der Rabb in er-Verb and unterstützt die Bestrebungen dadurch, dass er Mahnungen an allein reisende Mädchen unterschreibt; 3. der Rabbiner-Verband richtet an die galizischen Amtsbrüder ein Schreiben, zu diesem Zwecke eine Rabbiner-Versammlung einzuberufen, die auch von Deutschland beschickt werden soll.