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Die Welt · 1902-07-18 · 29 (18.7.1902) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
29 (18.7.1902)
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Uebergang
Date
1902-07-18
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 „Die 2§r Welt46 Seite 15 aber ihre Hochzeit liess die Aelteste wieder neu aufleben.Und—o Wunder und Geheimnis!— binnen wenigen Monaten flogen zwei andere von den sieben von Mrs* Peysers Schultern davon — eine jüdische und eine heidnische — obgleich Sylvia nicht förmlich daran war. Lea, die Erstgeborene, blieb noch unvermählt; aber Sylvias Heirat in einen Haushalt in Bayswater*) hatte den Stand der Familie gehoben und verschaffte ein besseres Operationsfeld. Der Schadehen wurde zurückgewiesen. Doch er kehrte wieder. Allen Weissagungen und Vorbereitungen zum Trotz setzte ein weiterer arktischer Winter ein. Keine Orangenblüten, nur trostlose Flechten fruchtloser Koketterien. Nach und nach geriet die heidnische Gruppe in das nicht zu verheimlichende Alter der Weiblichkeit. Das Problem verdunkelte den ganzen Horizont. Der junge Mann wurde wieder mittelalterlich. Er verlor all sein Geld. Er brauchte Alt-Daniel, um in ein Geschäft hineinzukommen. Dies schien besser als eine unfruchtbare Damenrolle. Lea wäre schon geneigt gewesen, auf das elterliche Pfandleihgeschäft zurückzukommen, wenn nicht eine zweite Glücksepidemie alle — bis auf Klein-Schapsie — binnen achtzehn Monaten unter die Haube gebracht hätte. Zuerst kam ein reicher deutscher Bankier, dann ein erfolgreicher Anwalt (für Lea), dann ein Kap-Finanzier — jeder einzelne von ihnen bedeutete genug, um den Nachbarn die Augen auszustechen. Mrs. Peyser war durch all die Aufregungen ganz atemlos geworden. „Ich hab's euch gesagt"! rief sie und ihr stattlicher Busen schwoll noch stattlicher vor Erregung, als die sechste Braut die Villa in Highbury verlies, während die fünf anderen in strahlender Matronenschaft in der Runde sassen. „Ich hab's euch gesagt, nach London zu kommen." Daniel drückte ihr die Hand aus Gerührlheit für all das Glück, welches sie sich selbst und den Mädchen bereitet hatte. . „Jetzt handelt es sich noch um Florence", wendete sie sich nachdenklich um. „Oh, Klein-Schnapsie!" seufzte Daniel. Er fühlte irgendwie, dass er ihr eheliches Glück all diesen wunderbaren Heiraten vorgezogen hätte. Eine merkwürdige Sympathie war zwischen dem armen, yereinsamten Manne — nun nahe den Siebzigern — und seinem kleinen Mädel, die schon vierundzwanzig geworden war, entstanden. Sie sprachen nie miteinander von etwas anderem als von alltäglichen Dingen, aber er fühlte irgendwo, dass ihre Gegenwart die Luft erwärmte. Und sie, sie erriet dunkel seine Einsamkeit, sie machte sich eine Vorstellung von seinem Leben in den Jahren, bevor sie geboren worden war. Die langen Tage hinter dem Schalter, das Aufstehen vor Tagesgrauen, um die Gebetriemen anzulegen und Gebete zu singen, bevor der Pfandladen geöffnet wurde; die langen Gebete und die flüchtigen Mahlzeiten, wenn die Fensterläden endlich aufgestossen wurden. Lange, nachdem die anderen ihm gute Nacht gesagt hatten, hatte sie ihm ihre Lippen gereicht, nur zum Teil wegen der notwendigen häuslichen Fiktion, dass sie noch ein Kind sei, sondern weil sie instinktiv fühlte, dass dieser Kuss in seinem Leben zählte. Durch alle diese Jahre niedrigen Gezänkes, der *) Eine feine, von reichen Juden bewohnte Gegend in London. Erörterungen und des verdrossenen Wartens, der endlosen hysterischen Szenen, hervorgerufen durch die gegenseitigen Reibungen all dieser zusammengedrängten Weiblichkeit, hatte Klein-Schapsie nur Schauder empfunden. Manchmal empfand sie in leidenschaftlicher Erhabenheit die Tragödie des Frauenlebens. Sie bedauerte jeden Zoll, um den sie wuchs, sie schämte sich ihrer unverheirateten Schwestern. Sie stimmte gerne zu, kurze Kleider zu tragen, trotzdem sie schon über das Alter hinaus war, und ihr langes R_abenhaar in einen Zopf zu flechten und mit einem roten Bande zu schmücken. „Nun wohl, Florence/ sagte Lea genial, als der letzte Gast bei Dascy's Hochzeit fort war, „jetzt ist's an dir. Du musst dich beeilen." „Danke," antwortete Florence kalt. „Ich werde die Zeit schon selbst bestimmen. Zum Glück ist niemand hinter uns her." „Hm, hm!" sagte Lea, mit ihrem Diamantringe spielend. „Es ist nicht gut, so besonders zu sein. Warum kommst du übrigens nicht, mich zeitweilig zu besuchen?" „Ihr seid so viele," entgegnete Florence. Sie war nicht besonders angezogen durch die Anwälte und Kaufleute, in deren Gesellschaft und Wagen ihre Mutter sich vornehm tuend breit machte, und die ernüchternde Manier ihrer Schwestern war nicht nach ihrem Geschmacke. Lea reizte sie übrigens auf andere paradoxe Art. Sie hatte ein unglaublich jugendliches Aussehen. Alle diese undenklichen, unzähligen Jahre hindurch erinnerte sich Klein-Schapsie ihrer ältesten Schwester als einer hoffnungslosen, vergilbenden alten Jungfer, bei der nur die wundervolle Taille eine Ausnahme machten, welche ihre Figur auffallend machte. Nun, nachdem sie verheiratet war, hatte sie ein mädchenhaftes, unwiderstehliches Aussehen, während Klein-Schapsie eine alte Jungfer geworden war, in Gefahr, sitzen zu bleiben. Sie fühlte sich selbst erschrecklich alt, vorzeitig gealtert durch ihr langes Stehenbleiben bei Siebzehn. „Jawohl," sagte sie nachdenklich mit einem Anflug von Bosheit. „Morgen werde ich vierundzwanzig." „Was?" schrie Lea. „Jawohl," erwiderte Florence hartnäckig. „Ach, und wie froh ich sein werde. „Sie erhob frohlockend ihre Arme und reckte sich, wie wenn sie über die sieben Jahre rasch hinwegsetzte, nachdem der Druck ihrer Schwestern von ihr genommen war. „Hörst du, Mutter?u flüsterte Lea, „diese Närrin von Florence will morgen ihren vierundzwanzigsten Geburtstag feiern. Nicht die geringste Rücksicht auf uns!" „Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn öffentlich feiern werde,11 meinte Florence. „Nebenbei," fügte sie lächeld hinzu, „bald werden die Leute vergessen, dass ich nicht die Aelteste bin." „Dann wird deine Tollheit auf dein eigenes Haupt zurückfallen," rief Lea. Klein-Schapsie zuckte mit den Achseln, wie wenn sie sich den Teufel darum scheren würde — ein Ghettozug, der noch allen Schwestern haften geblieben war. „Ja,u ereiferte sich Mrs. Peyser. „Denke daran, was in zehn Jahren sein wird!" „Dann werde ich vierunddreissig alt sein," antwortete Florence unerschütterlich. Ein neues Lächeln lag in ihren träumerischen Augen. „Dann werde ich die Aelteste sein." „Wahnsinn!" schrie Mrs. Peyser laut, ganz vergessend, dass der Gatte ihrer Tochter anwesend war. „Gott verhüte es, dass ich eines meiner Mädel vierunddreissig alt werden sehe!"

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