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Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Mein Grossvater
Date
1902-07-11
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 „Die # Welt" Seite 15 dritter zerriss wiid die Talmudfolianten und schleuderte sie zum Fenster hinaus, noch ein anderer schnitt die Polster und die Bettdecken auf, um deren Inhalt auf die Strasse zu schleudern. Im Nu war bei uns alles total demoliert und vernichtet. Der Schrein, wo die Thorarolle verwahrt war, lag zertrümmert unter anderen Gegenständen auf dem Boden. ^Nach vollbrachter „Arbeit" verliess die wilde Horde das Haus, nur einer in einem roten Hemde blieb zurück, ich erkannte in ihm Tarass, den Vater meines Freundes Wanjka. Er suchte überall, kroch sogar in den Ofen und hinter den Ofen, fand jedoch nichts. „Wo hast Du Dein Geld versteckt Vc fragte Tarass den Grossvater, ihn mit seinen blutunterlaufenen Augen durchbohrend. Der Grossvater stand in der Ecke, die Thorarolle fest umschlungen haltend. „Geld habe ich gar keines/' entgegnete er _ruhig. „Du lügst, hier hast Du Dein Geld," zischte Tarass wütend, mit der Faust auf die Thorarolle deutend. „Gib das Geld her . . . „Hier gibt es kein Geld, und ich werde Dir nichts geben," antwortete der Grossvater fest und entschlossen. „Du wirst nichts geben?" und-Tarass lachte höhnisch auf. „Wir werden sehen! ..." Und mit seinen dicken, schwieligen Fingern ergriff er die Ilmhülle der Thorarolle und riss sie an sich; die Umhülle riss in Stücke. Er fasste an den Griffen der Thorarolle und zog sie mit Gewalt zu sich; seine roten Augen schienen noch röter zu werden, die Adern am Nacken blähten sich auf, kurz, man sah deutlich, dass er alle Kräfte anwendete, um sich der Thorarolle zu bemächtigen. Der Grossvater aber, die Thorarolle fest umschlungen haltend, stand fest auf seinem Platze. Seine Brust wogte vom schweren, hastigen Atmen, die Augen funkelten fieberhaft und grosse Sehweisstropfen perlten über seine hohe Stirn. Da aber brachen die Griffe der Thorarolle ab und Tarass, auf den abgebrochenen Fuss eines Sessels geratend, stürzte zu Boden. Dieser Misserfolg versetzte ihn in noch grössere Wut; er sprang vom Boden auf und stürzte sich mit wildem Gebrüll auf den Grossvater, der die heilige Thora mit der zerfetzten Umhülle und den abgebrochenen Griffen noch immer fest in den Händen hielt, und machte den verzweifelten Versuch, ihm die Thora zu entreissen. Der Grossvater war jedoch nicht zu überwältigen; seine Jugend, seine frühere Kraft schienen zurückgekehrt zu sein; heisere, dumpfe Seufzer erpressten sich seiner Bfust als Antwort auf die Beschimpfungen seines Gegners. Was indessen mit mir und der Grossmutter vorging, kann mit Worten nicht wiedergegeben werden. Am ganzen Körper bebend, ihre greisenhaften und dünnen Hände . ringend, v rief sie um Hilfe. Ich aber stand stolz aufgerichtet da und erwartete mit bangem Herzen den Ausgang des Kampfes. Mein Herz war voll Furcht und Stolz. Es war mir bange um den Grossvater, zu gleicher Zeit empfand ich stolze Genugthimng darüber, dass dieser stämmige und wilde Bauer den Grossvater nicht bewältigen konnte. Der Gedanke, dass ich mit dem Sohne dieses Mörders Freundschaft pflegen konnte, erfüllte mich mit Schmerz und Scham, und ich fühlte, dass wenn Wanjka hier gewesen wäre, ich ihn vor den Augen seines Vaters erdrosseln würde .... Da machte Tarass noch eine Anstrengung und riss die Thora an sich; er machte eine derartige heftige Bewegung nach rückwärts, dass er das Gleichgewicht verlor und nochmals zu Boden fiel, diesmal aber auch den Grossvater nach sich ziehend, der seinen Schatz noch immer in den Händen hielt. Und schon auf dem Boden liegend, währte der Kampf zwischen ihnen noch einige Augenblicke ... Endlich stiess der Grossvater einen merkwürdigen Ton des Sieges und des Zornes aus, sprang behend vom Boden auf, hoch über das Haupt die zerfleischte und verwundete Thora haltend ... Tarass erhob sich langsam vom Boden, betastete das infolge des Falles wundgeschlagene Hinterhaupt und verliess das Zimmer mit Schimpf Worten an die Adresse des „verfluchten Juden". Der Gross vater stiess einen tiefen Seufzer aus. Er legte im Zimmer einige unsichere Schritte zurück, wankte jedoch plötzlich und, die heilige Thora noch immer fest an die Brust drückend, fiel er wuchtig zu Boden. Laut aufschreiend stürzten wir, ich und die Grossmutter, zu ihm, er aber war bereits tot ... . Mitteilungen des österreichischen L-C. 1. Bureaustunden täglich von 6—8 Uhr abends im Bureau IX., Türkenstasse 9, T. 36. % Arbeitskalender: Montag den 7. Juli : Sitzung der Kommissionen. Juli: 14. 28. August: 11. September: 1. 15. An diesen Tagen sind die Mitglieder des L.-C. im Kongressbureau von 7—ya8 Uhr abends zu sprechen. 3. Die Konstituierung und Referatseinteilung fand am 3. Juni statt und wurde der Bericht den D.-C. zur Uebermittlung an die Vereine bekanntgegeben. 4. Wegen Verschleissartikein wende man sich an Herrn Sekretär Adolf Po Hak, IX., T ü r k e n s t r a s s e 9, der auch wegen Parteisteuer Auskunft ertheilt. Das L.-C. hat beschlossen, alle von ihm ausgehenden Schriftstücke mit Nationalfonds-Marken zu versehen. Widmungsurkunde der vom L-C. ins Leben gerufenen Rosa Kollmann- Stiftung. Wir unterzeichneten Vei'treter der israelitischen Kultusgemeinde Wien bekennen und beurkunden kraft dieser Widmungsurkunde: Es habe der Vorstand des „Zion-Verbandes der Österreichischen Vereine für Kolonisation Palästinas und Syriens", vertreten durch den Obmann desselben, Herrn Dr. S. Kre nberger, am 7, Mai 1902 an der Kassa der israelitischen Kultusgemeinde Wien einen Betrag von nom. 7C0 Kr. 4°/0 österreichischer Kronenrente mitKoupon vom 1. September 1902 als Widmung erlegt, für welche folgende Bestimmungen zu gelten haben : I. Die Widmung hat zum Andenken an die am 27. März 1901 verstorbene Hilfslehrerin Rosa K oll mann für immerwährende Zeiten den Namen Rosa Kollman n'sche Widmung zu führen. IL Alljährlich an dem Sterbetage der Genannten, das ist jeweils am 27. März, soll das Erträgnis dieser Widmung und des etwaigen Zuwachses zu derselben zur Bekleidung einer, nach Zureichnis auch mehrerer armer jüdischer Volksschülerinnen, womöglich aus der Schule I., Werderthorgasse 6 in Wien, verwendet werden. III. Das Verleihungsrecht für diese Widmung steht der jeweiligen Präsidentin des jüdischen Mädchenvereines „Moria", für den Fall der Auflösung dieses Vereines aber einem anderen, von dem „Zion-Verbandea dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde Wien zu bezeichnenden jüdischen Mädchen- oder Frauenvereine, welcher als Einzelverein dem Verbände „Zion* angehört, und in Ermanglung eines derartigen Vereines dem Verbände „Z'on" zu; sollte auch dieser nicht mehr bestehen, so fällt das Verfügungsrecht rücksiehtlich der Zuwendung der Widmungserträgnisse dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde Wien zu. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien beschloss in der Sitzung vom 27. Mai 1902, diese Widmung samt der hiermit verbundenen Auflage in die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde Wien zu übernehmen und gelobt sohin für sich und seine Nachfolger im Amte, für immerwährende Zeiten dafür Sorge zu tragen, beziehungsweise darüber zu wachen, dass der Wille der Widmer getreulich zur Erfüllung gelange, mit dem Vorbehalte jedoch, dass a) insolange die Persolvierung dieser Widmung nicht dem Vorstande allein zusteht, demselben irgendwelche Verpflichtung zur Prüfung der Legitimation der Verleiher und überhaupt irgendwelche Obsorge über die Persolvierung der Widmung nicht obliegt, und dass b) bei etwa eintretender Herabminderung des Widmungserträgnisses auch die Widmungsverbindlichkeit verhältnismässig eingeschränkt werden kann.

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