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Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Ung.- Hradisch [Nachricht]
Date
1902-07-11
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 „Die £ Welt" Nr. 28 Ung.-Hradisch. Die jüdisch-akademische Ferialverbindung „Achiwah" gibt bekannt, dass ihr Bundesbruder cand. med. Moriz Schmitz Freitag den 4. Juli um Uhr im grossen Festsaale der Wiener Universität zum Doktor der gesammten Heilkunde promoviert wurde. WeIt-@bi-ODll<. Rumänische Golusblüten. Wie man dieser Tage in allen rumänischen Zeitungen lesen konnte, hielt in einer von den „Rumänischen Studenten" veranstalteten Versammlung der jüdische stud. med. Zwillinger eine lange, „patriotische" Rede, in welcher er seine Zufriedenheit mit der väterlichen Behandlung der Juden seitens der rumänischen Regierung aussprach. „Die ökonomische Krisis allein treibt den jüdischen Arbeiter, den nichts an die Scholle dieses Landes knüpft, zur Auswanderung", sagte Herr Zwillinger. Der Jude Zwillinger geht also noch weiter als Herr Stourdza, der ja nur behauptetet, dass die Juden zur Auswanderung „aufgehetzt" werden, aber «die Vaterlandsliebe der Juden, die ruhige und friedliche Bürger sin d", nicht bezweifelt Herr stud. med. Z will ig er sagte ferner, dass er sich in Rumänien sehr wohl fühle, und dass zwischen ihm und seinen christlichen Kollegen die vollste Seelenh armonie bestehe. Auch das ist ein bisschen zu weit gegangen, Herr Zwillinger. Waren Sie denn bei den Plünderungen, die Ihre «christlichen Kollegen" am 10. Mai 1899 bei Ihren „Glaubensgenossen" vorgenommen haben, zugegen? Rufen sie auch auf den Bukarester Boulevards „Tod den Juden!" und sind Sie auch Brüder in M. CA.? Herr Zwillinger meinte noch, dass er in dieser seiner Rede die Gefühle aller jüdischen Studenten ausspreche. Wie verlautet, sollen die jüdischen Studenten gegen die Behauptung des Herrn Zwillinger protestiert haben. Jedenfalls wird dieser Protest sehr mild abgefaßt sein müssen, denn hinter Herrn Zwillinger steht kein Geringerer als Herr Stourdza. Es wird jedenfalls gut sein, sich den Namen des Herrn stud. med. Zwillinger zu merken. Es wird nämlich sehr interessant sein zu sehen, wie viele Jahre nach dieser Rede Herr Zwillinger von Herrn Stourdza die Medaille „pour le me>ite" bekommen und wie viele Jahre nach Erlangung der Medaille Herr Zwillinger von der „Alliance israelite* zum Bevollmächtigten für Rumänien gewählt werden wird. N« Die Judenverfolgungen in Rumänien. Aus Lemberg wird uns berichtet; Eine Versammlung jüdischer Universitätshörer in Lemberg beschloss, eine Aktion zugunsten der rumänischen Juden einzuleiten, und hat ihr Bedauern darüber ausgedrückt, dass die jüdischen Mitglieder des Abgeordnetenhauses die Judenverfolgungen in Rumänien bisher nicht zur Sprache gebracht haben. Zangwiil und Waliace. Seitdem er so entschieden für den Zionismus eintritt, hat sieh Zangwiil die Ungnade der antizionisüschen Presse zugezogen. Sie zerren mit wahrer Wut jede mögliche und unmögliche Gelegenheit herbei, um über den grossen Dichter herzufallen. So gab die in einem Londoner Theater stattfindende Aufführung eines Dramas „Ben Hur**' nach dem gleichnamigen Komane von Waliace dem orthodoxen Korrespondenten der Berliner ..,Allg. Ztg. des Judentums*4, einem gewissen Dr. Chotzner, Veranlassung zur Bevorzugung des eine Verherrlichung des Christentums darstellenden „Ben Hur" vor den das jüdische Leben schildernden „Kindern des Ghetto"' Zangwills. Rabbiner Dr. Stern in Saaz (Böhmen) wendet sich gegen diesen Vorgang in einem trefflichen Schreiben an die genannte Zeitung, das die Leser der .„Welt** gewiss interessieren wird: „Geehrter Herr Redakteur! Reverend Dr. Chotzner hat in Xr. 23 dieser Zeitschrift im „Brief aus England'*" eine Parallele zwischen dem dramatisierten „Ben-Hur" von Waliace und dem dramatisierten „Children of Ghetto** von Zangwiil gezogen, welche zu Ungunsten Zangwills ausfiel. Ich kenne nicht die Dramen, wohl aber beide Romane, und wenn man nach Kenntnis beider Werke zu urteilen berechtigt ist, fragt man, was Dr. Chotzner eigentlich will. Zangwiil ist unbedingt der grösste jüdische Dichter unserer Zeit, der mit nicht genug zu bewundernder Kunst das Ghettoleben darstellt. Er zeichnet keine jüdischen Fratzen, sondern jüdische Gestalten. Nicht lauter Helden und Propheten, nicht lauter Spinozas, nicht einmal lauter Ehrenmänner, sondern neben gewaltigen Charakteren, die sich in und trotz der Enge des Ghettos entwitkelt haben* auch Leute von minderer Güte, wie es eben in der Wirklichkeit der Fall ist. Aber keiner der Schöpfungen Zangwills fehlt der Tropfen jüdischen Blutes, keiner fehlt irgend ein liebenswürdiger Zug, an dem wir unsern Ghiubensbruder und Stammesgenossen erkennen. Zangwiil, der grosse Künstler, der, um eine Definition Zolas zu gebrauchen, die Natur durch sein Temperament sieht, lässt uns mit hineinschauen in die Herzen kleiner Leute mit ihren meerestiefen Gefühlen, in ein beschränktes Leben .mit seiner unernaesslichen Aufopferung, er zeigt uns arme Menschen, die so viel verschenken, eckige, komische Figuren, über die man manchmal lacht, die man aber immer lieben inuss, ängstliche, vergrämte und körperlich verkümmerte Gestalten, die man aber doch fast beneiden möchte, weil sie das in reichem Masse gemessen, was den meisten gemächlich Lebenden abhanden gekommen ist: die Poesie des alltäglichen Daseins. XTnd die Quelle dieser Poesie, der Jungbrunnen, aus dem die Leute täglich schöpfen, ist das Judentum. Ich kenne keine Figur in „Children of Ghetto", die Lachen oder Verachtung erregen konnte, ich kenne keine Zeile von Zangwiil, die nicht heisse Liebe zu den Juden atmet und ausströmt. Gerade die breite Masse des Volkes hebt er liebend empor, und die Satire bleibt ihm nur übrig für einige reichgewordene Parvenüs, die das Judentum nur benützen, um damit Schacher zu treiben und Ehrenstellen einzuheimsen. Waliace hat ein anderes Gebiet. Als Christ gilt selbstverständl icTT seine Liebe dem Christentum, was ihm sicherlich nur zum Lobe gereicht. Dankbar soll auch anerkannt werden, dass Waliace den Juden zur Zeit der Entstehung des Christentums gerecht zu werden sucht, denn die ersten Christen waren Juden. „Ben-Hur" stellt nun eben dar, wie diese guten Juden Christen werden. Das ist die Tendenz in „Ben-Hur", und das Buch hat nicht nur hier und da eine christlich-religiöse Schattierung, es ist eine Glorifikation Christi und des Christentums. Christus heilt auch die Mutter und die Schwester des Ben-Hur vom Aussatze durch sein Wort, und beide werden dadiirch Gläubige. „Ben-Hur" ist sicherlich ein Kunstwerk, aber da die meisten Leser nicht den Kunstwert als Masstab anlegen, da die meisten Leser sich von der Tendenz einer Erzählung beeinflussen lassen, würde ich jüdischen Lesern „Children of Ghetto" und nicht „Ben- Hur" in die Hand geben. Ich glaube aber auch nicht, dass christliche Leser durch „Ben-Hur" allein beeinflusst werden, die Juden unserer Zeit günstiger zu beurteilen, worauf es doch in erster Linie ankommt, denn die christlichen Leser werden denken, dass diese ausgezeichneten Ben-Hurs damals alle Christen geworden sind. S a a z , im Juni. Dr. Simon S t e r n." Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Herr Israel Nobel, Prediger und Schuldirigent in Berlin gibt eine Broschüre, Predigten enthaltend, heraus, die in den nächsten Wochen fertiggestellt sein wird. * Unter dem Titel: „Palästinensische Probleme" veröffentlicht „Hameliz" eine Reihe anregender und mit grosser Sachkenntnis geschriebener Aufsätze von Moses Smeliansky. In diesen Aufsätzen wendet sich Herr Smeliansky hauptsächlich gegen diejenigen, die schon jetzt eine grosse Industrie in Palästina begründet sehen möchten, ehe die bestehenden Ackerbaukolonien erstarken und ehe wir allen verfügbaren Grund und Boden in jüdischen Besitz gebracht haben. .Gesetzt den Fall, es gelänge, in Palästina unter den gegenwärtigen Umständen grosse Industrien zu entwickeln, so würde dies ungeheure Nachteile für unsere Bestrebungen mit sich bringen. In erster Reihe würden die Bodenpreise

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