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Die Welt · 1902-07-11 · 28 (11.7.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
28 (11.7.1902)
Article
Das jüdische Proletariat in Petersburg
Date
1902-07-11
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 „Die # WettP Seite 7 und erschöpfend wäre. Aber auch ohne diese Vollständigkeit ist es nicht schwer, auf Grund der bereits vorhandenen Belege zu begreifen, unter welchen schwierigen Verhältnissen, das Leben unserer Volksgenossen in der Residenzstadt an der Newa sich mühsam dahinsehleppt . . . Dass die Juden in Bussland überhaupt physisch herabkomnien, erfahren wir ans den statistischen Daten, welche der polnische Arzt Tolwinski in dem Tinlängst erschienenen wissenschaftlichen Werke „W naszych sprawach" publiziert hat. Tolwinski war volle 12 Jahre Arzt der. Assentierungs-Kommission, im Bezirke Lubartow im Gouvernement Warschau, hatte somit Gelegenheit genug, die physische Entwicklung der Juden zu beobachten. Aus seinen Daten erfahren wir folgendes: Unter den 7417 assentierten Rekruten befanden sich 1006 Juden, deren durchschnittlicher Wuchs 161,3 Zentimeter glich; im Vergleiche zu dem durchschnittlichen Wuchs der Christen um 3,5 Zentimeter weniger. Auch der Umfang des Brustkorbes ist bei den Juden geringer als bei den Christen: der Umfang des Brustkorbes bei den Polen beträgt 86,3, "bei den Juden nur 81,1 Zentimeter .... Und was Dr. Tolwinski im Bezirke Lubartow sah, das dürfte auch in allen anderen Ortschaften des Weichselgebietes zu konstatieren sein . . . Ein Vorschlag an den Kongress. Unter diesem Titel befürwortet in No. 24 der „Welt" Herr S. Wilk aus Kownoi eine Neuerung, wonach jeder Zioriist, der einmal 10—15 Rubel als Scliekel einem „eisernen Fonds" zuführt, das lebenslängliche aktive und passive Wahlrecht zum Kongress haben soll. Dieser Vorsehlag erheischt scharfe und rasehe Zurückweisung, ehe er Verwirrung stiftet. Die Neuerung milsste die das Schekelinstitut beseelenden Ideen ersehlagen. Die Schekel-Steuer haben wir Zionisten im Hinblick auf jene bei der biblischen Volkszählung entrichtete geschaffen. Auch wir wollen ja alljährlich unsere streitbare Mannschaft zählen und uns über Zu- oder Abnahme unserer Kraft vergewissern. Die periodische Entrichtung des Schekels ist ein heilig-symbolischer Akt, das Zeichen unserer unentwegten Opferbereitsciiaft. Die Einführung einer Art Abonnement entheiligt den Akt und verschleiert seinen Sinn. Ist ja auch der heute schon vielfach übliche Brauch zu rügen, dass der Sehekel ratenweise zugleich mit den monatlichen Vereinsbeiträgen eingehoben wird. Bequemer ist das für beide Teile freilich, doch der selbständige Zweck des Schekels kommt so dem Zahler nicht mehr zum Bewusstsein. Herrn Wilk mag bei seinem Vorschlage, einen ..eisernen Fonds" zu schaffen, vorgeschwebt haben, dass dieser die Deckung unserer künftigen Ausgaben sichern soll., wenn die Opferwilligkeit der Zionisten nicht mehr dazu ausreicht. Solche Zweifel stehen uns übel an! Wenn der zionistische Geist je so tief sänke, dass wir nicht mal unsere Verwaltungsspesen aufbringen, dann wird uns der best dotierte Fonds nichts helfen! Sehen wir doch die Viertelmilliarde Francs der „Ica" in den Händen entarteter Verwaltei unserem Volke Fluch statt Segen bringen! Die Vorschläge Wilks beruhen offenbar auf einer Nachahn am g des Nationalfonds und seines goldenen Buenos. Jedoch sind die Verwendungs-Aufgaben von Schekel und Nationalfonds gr u ndverscliieden. Der Nationalfonds ist von vorneher dazu bestimmt, mögli'.hst rasch ein möglichst grosses Vermögen anzusammeln* um es dereinst in seiner Gänze oder doch in gewaltigen Teilbeträgen dem jüdischen Volke zwm Landerwerb bereitzustellen. Die Ihesauriernng, die hier durch Anlage eines goldenen Buches und hundert andere Mittel zweckdienlich gefördert wird, hat keinen Sinn Leim Schekel* der nur die laufenden Ausgaben jedes Verwaltui'jgsjalires decken soll und braucht. Am schwerwiegendsten aber sind die Bedenken, die sieh gegen d?e Vorschläge Wilks aus dem demokratischen Geist des Zionismus und der Schekelinstitution geltend ma iburn .müssen. In dem Augenblicke* wo sich der reichere Jude durch eine grossere Geldleistung das — gar noch verbriefte — Privileg lehenslänglichen Wahlrechtes zum Kongress erkaufen kann, ist das herrliche, echt jüdische Prinzip* dass ein Schekeizahler dem anderen, -Rothschild dem letzten Schnorrer als Volksgenossen gleichwertig ist, durchbrochen und zertrümmert. Bald wird dann die Kaste „lehenslänglicher" Schekelmagnaten verächtlich auf die Schcktlproletajrier hjerabsehien^ die jährlich bloss ihre jKrone zahlen. Und dann, wo ist die Gewähr, dass der Osehor, den honte d;e Laune zum Schekelabonnement treibt, über zwei, und Jährchen ein enragierter Zionsfeind geworden ist* ter sein wohlerworbenes, schriftbeglaubigtes Wahlrecht zum Schaden des Kongresses und seiner grossen Aufgaben gegen uns ausübt? Goitlob ist unser Kongress kein Freund derartiger löbenslUnglie] er Berechtigungen. Dies bewies er 1800 und VMY) durch seinen zähen Widerstand gegen die von Dr. Herd ge\v unechte Einsetzung lebenslänglicher Aufsichtsräte für die Kolonialbank.*) Bei dem ganzen Vorschlag drängt sich das Geldmomcnt des „Praktikers" gegenüber dem ideellen des Zionisten bedenklich vor! Also nur keine unreifen, unüberlegten Neuerungen! Alljährlich am Schekeltage bekenne sich nach wie vor jeder Zionsstreiter durch ein kleines Geldopfer zu seinem Volke und dessen Zukunft. Dr. E. Michael Zweig. Aufruf! Jüdische Kommilitonen! Am 24. September 1902 findet in Budapest der III. Kongress der internationalen Studenten-Federation „Corda Fratres"' statt. An dem Territorialprinzipe strenge festhaltend, haben die bisherigen Kongresse neben den „Sections Nationales* die die bezüglichen Namen führen, noch drei besondere Sektionen geschaffen, die „Section Polonaise*, die „Section Tcheque" und die „Section Speciale". In diese letztere wurden, ausser Naüönehen zweiten Grades, auch die Juden eingereiht. Kommilitonen! Wenn wir noch etwas auf Ehre geben, so müssen wir trachten, auf dem nächsten Kongresse eine eigene „Section Juive11 zu erkämpfen. Wir müssen da dieselbe Anerkennung erzwingen, wie sie anderen zuteil wurde. Der grandiose Kampf, den unser Volk seit Jahrtausenden in allen Weltteilen um seine Existenz führt, gibt uns das Recht, zumindest dieselbe Beachtung und Würdigung auf dem Welt-Studentenkongresse für uns zu vindizieren, wie die Polen, Tschechen, Armenier und Finnländer« Um diesen Zweck erreichen zu können, müssen wir in grosser Anzahl auf dem Kongresse erscheinen und dort geschlossen auftreten. Es ergeht daher an sämtliche jüdische Kommilitonen, Studenten und Studentinnen, der Ruf, so zahlreich als möglich ihr Erscheinen in Budapest in bestimmte Aussicht zu stellen durch Bekanntgabe ihrer Adressen und Einsendung des Mitgliedsbeitrages von 3 Kronen an den Arbeitsausschuss (Adresse cand. jur. Josef Haas, III., Kollonitzgasse 7). Kommilitonen! Beherzigt unsere Worte! Es handelt sich nicht nur um Erkämpfung gleichen Rechtes, sondern um tatkräftige Propaganda unserer Idee unter den indifferenten, assimilatorischen Juden Budapests: Kommilitonen! Kommt in Massen! Der Arbeitsausschuss. *■*' P. S. Ausser dem einmaligen minimalen Betrage von 3 Kronen kostet die Reise sehr wenig, da die königl. ungar. Staatsbahnen die Fahrt für Kongresstheilnehmer freigaben und auch sonst grosse Ermässigungen in Aussicht stehen. Auszug aus dem Statut und aus dem Reglement. Fundamental -Artikel. III. Jeder Studierende hat das Recht, dem „Bund" anzugehören, sobald er bei einer Universität oder irgend *) Beruht auf einem Irrtum des Herrn Einsenders. Ein derartiger Vorschlag ist nie gemacht worden. Anm. d. Lied.

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