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Die Welt · 1902-07-04 · 27 (4.7.1902) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
27 (4.7.1902)
Article
Mein Grossvater
Date
1902-07-04
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 27 9fDie # Welt** Seite 15 dass alle es als hohe Ehre betrachteten, d<;m im Hause des Grossvaters an jedem Samstag abgehaltenen „Minjan" beizuwohnen. Der alte Grossvater war nämlich ausserstande, das weit entfernte Bethaus zu besuchen und deshalb hielt er in seiner Wohnung am Sabbat und anderen Feiertagen ein „Minjan" ab. Er liess zu diesem Zwecke von einem ausserordentlich frommen und gottesfürchtigen „Sofer" eine Thorarolle schreiben, die er in einem Schrein aufbewahrte. Und eintönig, einförmig schlich das Leben im Hause des Grossvaters dahin. Meine Grossnmtter liebte ich über alles. Und sie hatte es auch verdient. Sie hatte ein so liebreiches Gesichtchen mit unschuldigen blauen Augen, dass man dem Zauber ihres Wesens nicht widerstehen konnte, Ihren Erzählungen über die Vergangenheit und über meine Mutter, die ich als dreijähriger Knabe verlor, konnte ich tagelang lauschen; so viel Wärme, Herzensgute und Empfindung lagen darin. Das wohl eintönige, aber friedliche Leben im Hause des Grossvaters sollte jedoch bald durch eine erschütternde Katastrophe ein Ende nehmen. Die Erinnerung an dieses schreckliche Ereignis wird niemals aus meinem Gedächtnis schwinden, und noch jetzt, nach so vielen Jahren, zittere ich am ganzen Körper, wenn ich an jene Zeit zurückdenke .... Das war an einem schönen Julitagc. Ich verliess das Haus, um. einen Spaziergang zu unternehmen. Die Sonne spendete nach allen Kichtungen ihre hellen, freudigen Strahlen. Mir war besonders freudig zumute, ich lächelte, ohne zu wissen, warum. Da vernahm ich plötzlich in der Ferne dumpfes Getöse, gleich dem eines Jahrmarktes. Eine geheime Unruhe bemächtigte sich meiner, ich begann aufmerksam zu lauschen. Dieses aus der Perne kommende Geräusch begann immer stärker zu werden . . . „Das ist wahrscheinlich auf dem Markte," sagte ich zu mir selbst. „Man muss hinlaufen und sehen, was dort vorgeht." Ich stand bereits im Begriffe, hinzulaufen, als plötzlich aus dem benachbarten Hause Wanjka auf die Strasse trat. Das war ein hübscher Junge, ein Altersgenosse von mir, mit beinahe weissen, kurzgeschorenen Haaren, klugen Blauaugen und mit einer nicht grossen regelmässigen Nase. Ich lebte mit ihm in grosser Freundschaft. Und ungeachtet dessen, dass.er „Wanjka" und ich „Moschka" hiess, d. h. er ein „Schejgez" und ich ein „Judenjüngel" war, hatte er dennoch seine Stellung niemals missbraucht: Niemals hatte er mich verfolgt, niemals Steine nach mir geworfen, niemals Hunde auf mich losgelassen, wie es gewöhnlich alle „Schejgezen" mit besonderer Freude den armen jüdischen „Jüngeln" gegenüber tun. Diese Gnade Wanjkas zu mir tief empffindend, war ich ihm herzlich zugetan; Wir spielten stets unser geliebtes „Pferdespiel", wo ich die Obliegenheiten des Kutschers, er die des Eosses versah. „Weisst Du, Wanjka, nicht, was dort vorgeht?" sagte ich im gebrochenen Eussisch, mit der Hand nach der Richtung des Marktes zeigend, von wo ein immer stärker werdendes Geräusch herübertönte. Wanjka legte den Zeigefinger auf das Kinn, den Mund ein wenig öffnend, begann er zu lauschen. „Ich weiss nichts," sagte er endlich in seinem kleinrussischen Dialekt, „vielleicht sind die Moskowiter zu uns gekommen." Diese wenigen Worte hatten genügt, um in mir eine ungewöhnliche Aufregung wachzurufen. Das Wort „Moskowiter" rief mit einem Schlage in meinem Gedächtnis eine Reihe lebhafter, interessanter Bilder wach. Ich stellte mir viele Pferde verschiedener Farben vor, auf denen in kriegerischer Pose bewaffnete Soldaten sitzen und die Luft mit ihren Liedern erfüllen, während an ihrer Seite schmucke Offiziere auf ihren wohlgepflegten Pferden dahintraben. Dieses Schauspiel ist doch so lustig und interessant . . . „Moskowiter, Moskowiter!" rief ich freudig hüpfend. „Komm, Wanjka, rasch, wir wollen es ansehen," fügte ich hinzu, ihn beim Hemdärmel ergreifend. „Muss man es denn ansehen!?" frag Wajnjka mit dem Phlegma eines echten Kleinrussen. Er zog aus der Tasche einen Strick und forderte mich auf, mit ihm „PtVrdel" zu spielen. Die Mitte des Strickes legte er in den Mund, dessen Enden aber gab er mir. Ich zog den Strick an, Wanjka setzte sich in Trab, das Gewieher eines Pferdes nachahmend. Ich, in der Eolle eines Eosselenkers, rief mit lauter Stimme „Achtung!", die im Schmutze liegenden Schweine und die auf der Erde herumhüpfenden Spatzen aufscheuchend. Der Gedanke, dass wir möglicherweise den Moskowitern begegnen würden, versetzte uns in kriegerische Stimmung. Wir langten an einer Seitengasse an. Ich zog ein Ende des Strickes an, um meinem improvisierten Eosse verstehen zu geben, nach welcher Eichtling es seine Schritte lenken soll, was es sofort auch begriff und ausführte. Hier in dieser Gasse war das Geräusch bereits deutlicher, es fiel uns nicht schwer, zur Ueberzeugung zu kommen, dass dieses Geräusch nicht von braven Soldatenliedern herrührte . . . Das war eher das Gejohle einer betrunkenen^ zügellosen Menge, das nur durch verzweifelte Hilferufe von Frauenstimmen unterbrochen wurde .... Mein Herz begann unruhig zu pochen. Ich liess den Strick aus den Händen fallen und ergriff die Flucht . . . Die Vorahnung von etwas Schrecklichem spornte mich an, immer weiter zu fliehen. Plötzlich, bei der Biegung in eine Seitengasse, erblickte ich eine Szene, die zu schildern ich kaum imstande hin. Einige betrunkene Bauern, von einer Potte halbwüchsiger Burschen begleitet, stürzten sich unter Gejohle und wildem Geschrei auf das zweistöckige Baus des Chaim-Seholcm, des Peicbsren in unserer Stadt, und begannen alles zu zerstören und zu demolieren. ZerschnittonePolsier, zerhrocheiieTische, Sessel und andere Möbelstücke, sowie zertrümmertes Glas- und Porzellangeschirr flogen, von unsichtbaren Händen geschleudert, zum Fenster hinaus. Im Xu bot die Strasse ein Bild arger Verwüstung . . . Ein unbeschreiblicher Schrecken beinächtigte sich meiner Seele und, wie von Furien gepeitscht, eilte ich rasend davon. Es ist schwer, in Worten wiederzugeben, was in meiner Seele vorging. Bald, schien mir, dass mir jemand nacheilte, um einen schweren Stein nuf mein Haupt zu schleudern; bald erwachte in mir der Wunsch, nach dem Schauplatz der Verwüstung zurückzukehren und einen aus der wütenden Menge zu erschlagen; bald schien mir, dass ich den Grossvater und die Grossmutter zerschlagen, verkrüppelt auffinden werde, und ein Beben durchlief meinen ganzen Körper. Endlich erreichte ich unser Haus. (Schluss folgt.) Mitteilungen des österreichischen L.-C. 1. Bureaustunden täglich von 6—8 Uhr abends im Bureau IX., Türkenstasse 9, Th. 36. 2. Arbeitskalender: Montag den 7. Juli: Sitzung der Kommissionen. Juli: 14. 28. August: 11. September: 1. 15. An diesen Tagen sind die Mitglieder des L.-C. im Kongressbureau von 7—l/2S Uhr abends zu sprechen. 3. Die Konstituierung und .Referatseinteilung fand am 3. Juni statt und wurde der Bericht den D.-C. zur Ueberrnittlung an die Vereine bekanntgegeben. 4. Wegen Verschleissartikeln wende man sich an Herrn Sekretär Adolf Po Hak, IX., Türkenstrasse 9, der auch wegen Parteisteuer Auskunft ertheilt Das L.-C. hat beschlossen, alle von ihm ausgehenden Schriftstücke mit Nationalfonds-Marken zu versehen.

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