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Die Welt · 1902-07-04 · 27 (4.7.1902) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
27 (4.7.1902)
Article
Bekenntnisse einer jungen Seele
Date
1902-07-04
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 ^Die & Welt" Nr. 27 Jugend bedeckt. Man. erinnert sieh,, wie man zum ersten Male dieses Fest der Hoffnung mitgefeiert, denn ein Fest der Hoffnung ist es ja, der Hoffnung auf Zion und auf das dritte Reich, das kommen wird. Wie klopfte einem das Herz, wenn man sich berufen fühlte, zum ersten Male die .Fragen zu stellen, und wie klingen einem die Melodien im Ohr, che Melodien der seltsamen heiteren Lieder, mit denen der feierliche Abend sehloss. Was bedeutete einem an* solch ei nein Abend die Welt dadraussen! Ihre Sorgen und ihre Lasten waren vergessen, ihr Hasten und Treiben war verebbt. Ja, an jedem Sederabend werden die Tore des Ghettos geschlossen, aber dies Ghetto ist kein Gefängnis, sondern eine Insel der Ruhe und des Friedens inmitten des wilden Ozeans der Welt. So spinnt einen das Buch des jungen Dichters ein in verklungenen, nun leise wiedererwachten Feier tagszauber. Kocht banal sind wohl die Feiertage und was bringen sie für die kleine Stadt? Recht beschränkt sind die Verhältnisse der Menschen und man wird über ihre Einfalt lächeln. Aber ein Zauber ist es doch, der sie einspinnt in das goldig schimmernde Festgewand der Zukiurfrsi räume, die mit dem Seder im Ghetto einziehen. Dunkel empfindet es der Held des Buches, dass es doch nur Träume sind und dass die Wirklichkeit rauh und hässlich ist. Ganz wundervoll und eines echten Dichters würdig ist die Schilderung der Heimfahrt des jungen Menschen durch die Nacht, wie die Gespenster des Lebens ihn bedräuen, wie er tappend und unsicher zu einer Welterkenntnis kommt. Es ist die Weltcrkenntnis des heutigen Tages. Fast jeder erbt sie, aber jeder glaubt, sie selbst gefunden zu haben. Eine Nachtreise liegt zwischen der Heimatstadt und der Stadt, wo er studiert, zwischen dem Osterfest und dem Werktage. Aber diese Nacht hat den Knaben um Jahre gereift. Aus dem K-nahen wurde ein Jüngling, und das Stammeln der Gefühle, die das Buch füllen, war des Knaben letzte Beichte. Ich sehe den Namen Moriz Hermann zum ersten Male. Ich glaube, wir werden ihm noch oft wieder begegnen und er wird uns noch manches zu sagen haben. Er hat freilich heute nur die Seele eines Dichters, Er muss noch lernen, für seine Seelenregnngen den Ausdruck zu finden. Rudolph Lothar. (Nachdruck verboten.) Mein Grossvater. Eine Episode aus dem Leben der Juden in Eussland. Frei nach dem Russischen des Awriinin von A7. Golant. Mein Grossvater galt in unserer Stadt als Sonderling. Fnd man muss die Wahrheit bekennen: er hat diesen Huf auch verdient. Mit niemandem wollte er Freundschaft schliessen, mit niemandem konnte er sich vertragen. Ein unklares oder unpassend angebrachtes Wort versetzte ihn oft in die grösste Wut, und Sehimpfworte, eines kräftiger als* das andere, flogen auf das Haupt des „Schuldigen", gleichviel ob er männlichen oder weibliehenGeschleehtes war. Müssiggänger und Visitenmacher hasste er aus der Tiefe seiner Sende. Und oftmals geschah es, dass der Grossvater Personen dieser Gattung in der schroffsten Weise einfach zur Tür hinausbeförderte. Diese Unfreundlichkeit den Menschen gegenüber drückte sich jedoch nur in Worten aus; in Wirklichkeit aber schlug in der Brust meines Grossvaters ein warmfühlendes Herz. Er verfügte immer über gewisse Geldsummen, die er gerne in den Dienst des Wohltuns stellte. Von den monatlichen Unterstützungen, welche er von seinen Söhnen, den Brüdern meiner Mutter, zu erhalten pflegte, hatte er nur den kleineren Teil zu verausgaben beschlossen, hauptsächlich zur Deckung meiner und der Grossmutter Bedürfnisse; er selbst aber führte ein äusserst dürftiges Leben. Ausser Gerstelsuppe in Milch mit weichem Brot ass er nichts. Er trug immer und stets einfache Leiiienbeinkleider und einen alten abgetragenen Kaftan. Die auf diese Weise ersparten Gelder gab er Notleidenden als Darlehen, ohne jedwede Nutzniessung. Und er gab dieses Darlehen -jedem, der darum ansuchte. Nur musste der Darlehenst y werher wissen, wie er die Angelegenheit einfädeln solle. Kam einer und sagte einfach, ohne Umschweife: „Reb Dowid, gewähren Sie mir ein Darlehen in der Höhe von so und so viel," so entnahm der Grossvater stillschweigend seiner alten Brieftasche die verlangte Summe und händigte sie dem Darlehenswerber ein. Kam jedoch einer mit Bücklingen und mit verz weif elter Stimme und sagte: „Reb Dowid, erweisen Sie mir eine Wohltat, leihen Sie mir so und so viel, ich werde Ihren Namen segnen, für Sie zu Gott beten etc.," so pflegte der Grossvater zornerfüllt vom Sitze aufzuspringen, um unter Beschimpfungen den Bittenden hinauszujagen. Nur in seltenen Fällen, wo der Grossvater die Not des Darlehenswerbers gut kannte, Hess er sich herbei, dem „Raunzer", wie er zu sagen pflegte, das Daxlehen zu bewilligen. An einen derartigen Fall kann ich mich noch lebhaft erinnern. Das war an einem Sonimertage. Ich kam aus dem „Glieder" zum Mittagessen. Die Grossmutter war nicht zuhause, ich musste also warten. Der Grossvater war in Folianten des Talmud vertieft, welche vor ihm auf dem Tische ausgebreitet lagen. Da öffnete sich leise die Tür und in das Zimmer trat eine schüchterne, arm. gekleidete Frau im Alter von ungefähr fünfunddreissig Jahren, Das war die mir bekannte Greislerin Chaje-Sore, bei der die Grossmutter Topfen, Butter etc. zu kaufen pflegte. „Guten Tag," sagte sie mit leiser, unentschlossener Stimme. „Gutes Jahr," entgegnete der Grossvater, ohne den Kopf vron den geöffneten Talmudfolianten zu erheben. „Erfüllen Sie, Beb Dowid, ein „Mizwe", sprach Chajetore, „und leihen Sie mir drei Rubeln. Ich werde Ihnen . ." „Und was wird sein, wenn ich keine „Mizwes" erfüllen und Dir kein Geld leihen will?" unterbrach sie der Grossvater barseh. „Was sein wird?" entgegnete sie unterwürfig lächelnd. „Nichts wird sein. Wenn Sie mir kein Geld leihen, so beweist es nur, dass Sie keines haben, nicht aber, dass Sie keine „Mizwes" erfüllen wollen. Sie sind doch ein teurer Jude, wollte Gott, meine Kinder wären so." „Wer ist ein teurer Jude?" schrie sie der Grossvater erregt an. „Eine Närrin bist Du, sonst nichts! . . . Wie kann Dein Eselskopf beurteilen, wer ein teurer Jude ist?" Er schaute in diesem Augenblicke ganz verändert aus. Rote Flecken bedeckten seine abgemagerten Wangen, seine trüben Augen schienen Funken zu sprühen und er atmete sehr scliwer. Chaje-Sore stand vernichtet da. Nach einigen Augenblicken peinlichen Schweigens schlich sie sich schüchtern und verwirrt zur Türe und wollte bereits das Gemach verlassen. „Wohin gehst Du?" ertönte plötzlich die barsehe Stimme des Grossvaters. Chaje-Sore wendete bei diesen Worten ihr bleiches Antlitz dem Grossvater zu, um ihm zu sagen, dass sie doch hier nichts mehr zu suchen habe, nachdem er ihr kein Geld geben wolle. „Wer hat Dir gesagt, dass ich kein Geld geben will? Da hast Du, nimm, nimm!" sprach er, ihr die gewünschte Banknote reichend. Chaje-Sore nahm das Geld und verliess unhörbar das Gemach, während der Grossvater zum unterbrochenen Studium des Talmud zurückkehrte. Derartige Szenen spielten sich sehr oft ab. Aber dieser offenkundige Hass gegen Schmeichler und Kriecher umgab den Grossvatcr in den Augen der Bekannten mit einer, wenn man sieh so ausdrücken kann, Aureole von Achtung und Ehrfurcht. Dies drückte sich unter anderem darin aus,

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